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Kampf gegen das Virus Diese Berliner machen mit Corona-Tests das Geschäft ihres Lebens

Biotechrabbit-Mitarbeiterin Arpita Das (li.) und Salma Teimoori, Leiterin der Forschungs- und Entwicklungsabteilung, bei der Arbeit. Quelle: Biotechrabbit

Zwei Biotechfirmen aus der Hauptstadt arbeiten gemeinsam gegen Covid-19. Die weltweit enorme Nachfrage für Testkits bringt ihnen hohe Gewinne – und birgt ein Risiko.

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Punkt 15 Uhr, Bernd Haase hebt ab. Es ist die von ihm vorgeschlagene Zeit für ein Telefonat. Doch dem Chef des Berliner Mittelständlers Biotechrabbit ist etwas dazwischengekommen. Ob er um 15 Uhr zurückrufen könne, fragt er. So als könnte er die Zeit anhalten.

Das kann Haase aber nicht, selbst wenn er es sich manchmal wünscht. Er und seine Kollegen sind seit mehr als zwei Monaten im Dauerstress. Während sich ein Großteil der arbeitenden Bevölkerung in Homeoffice, Kurzarbeit oder Nichtstun verabschiedet hat, fahren die Biotechrabbit-Mitarbeiter für Corona-Tests Extraschichten, auch am Wochenende. Deswegen kommt Haase mit der Uhrzeit manchmal durcheinander. Biotechrabbit stellt einen Mix aus sechs verschiedenen Enzymen und weiteren Zutaten her, der in aller Welt gebraucht wird. Der Enzymmix ist die Basis für die nach wie vor sicherste Testmethode, um den Covid-19-Erreger im Menschen nachzuweisen: die Polymerase-Kettenreaktion (PCR).

Biotechrabbit verkauft die Mischungen an Testhersteller auf der ganzen Welt. Der fertige Test basiert später auf dem biochemischen PCR-Verfahren. Das wird momentan tausendfach angewendet, um Ansteckungen mit Covid-19 festzustellen. Entsprechend ausgelastet ist die Firma im Berliner Süden. „Hier herrscht natürlich Hochkonjunktur“, sagt Haase.

Damit ist er nicht allein. 14 Kilometer nordwestlich von Haase entfernt sitzt TIB Molbiol. Die Firma lieferte Ende Januar als eine der Ersten weltweit Corona-Tests aus. Weil es aber auf dem Markt keine Polymerase mehr gab, habe Geschäftsführer Olfert Landt „unseren getrockneten Enzymmix getestet“, ihn für gut befunden und angerufen, erzählt Haase. Die PCR-Lösung hätten sie bei anderen Krankheiten wie Influenza und Hepatitis bereits unter Beweis gestellt. Biotechrabbit musste sein Produkt nur anpassen. „Deswegen konnten wir schnell liefern“, sagt Haase.

Zwei Berliner Biotechfirmen im Kampf gegen das Virus: Beide haben rund 30 festangestellte Mitarbeiter. Beide haben die Pack- und Logistikabteilung mit Studenten erweitert, für Landt helfen Eventmanager aus, denen die Aufträge weggebrochen waren. TIB Molbiol und Biotechrabbit sind eine Allianz eingegangen, mit der sie das Geschäft ihres Lebens machen. TIB Molbiol produziert nach eigenen Angaben fünfmal so viel und macht dreimal so viel Umsatz wie vor der Corona-Krise. Nebenbei retten sie mit ihrem Produkt indirekt Leben.

Forderung an Bundesregierung

Die eigenen Kapazitäten zu erhöhen und die enorme Nachfrage nach Covid-19-Tests zu bedienen, birgt jedoch auch Risiko. Denn wie nachhaltig sind die Investitionen in Kapazitäten und Arbeitskräfte? Was passiert, wenn der Bedarf nach der Pandemie wieder sinkt?

Haase sitzt in einem Besprechungsraum von Biotechrabbit in Berlin-Adlershof und sagt, die Bundesregierung müsse nicht nur Firmen helfen, „die unter der Krise leiden“, sondern auch Mittelständlern wie ihnen, die „erweitern wollen und müssen“. Obwohl Biotechrabbit gut verdiene, könnte das Unternehmen sich durch aufgestockte, aber später nutzlose Kapazitäten verschulden, meint der Chef. Investitionen in Testanbieter und die Eindämmung des Virus würden „langfristig weniger kosten“ als die Hilfen für kriselnde Firmen.

Nichts beschäftigt die Menschen in Deutschland so sehr wie Corona. Wenige hundert Meter von Biotechrabbit entfernt entstehen die Talkshows „Anne Will“ und „Maischberger“. Beide Sendungen widmeten sich in den vergangenen Wochen ausschließlich diesem Thema. Bis Ostern hatten sich in Deutschland rund 125.000 Menschen infiziert.

Die tatsächliche Zahl der Infektionen dürfte aber überall höher liegen. Eine aktuelle Studie der Universität Göttingen geht davon aus, dass weltweit nur rund sechs Prozent der Ansteckungen erfasst werden. Möglichst viele Tests sind wichtig, um die Verbreitung des Virus besser überblicken und dann eindämmen zu können. Manche Staaten greifen dafür zu ungewöhnlichen Maßnahmen. Der israelische Geheimdienst Mossad beschaffte vor einigen Tagen 500.000 Testkits aus Ländern, zu denen Israel keine diplomatischen Beziehungen unterhält.

Die wichtigen Proteine und Reagenzien für den Test sind Mangelware. „Die Leute brauchen unser Produkt und rufen von überall an“, sagt Haase. Er stocke Gehälter auf und rufe Boni aus, um „die Belegschaft am Laufen zu halten“. Der Mangel hat ihm den Anruf von Olfert Landt beschert.

Besucher lässt der 54-jährige Landt nicht mehr in sein Syntheselabor. Auch nicht zu später Stunde, es ist bereits nach 21 Uhr. Landt ist gestresst, kurz angebunden. Seine Kritik geht in die gleiche Richtung wie Haases. „Uns hat noch keiner Unterstützung angeboten“, so Landt. Im Gegenteil: Das Landesamt für Gesundheit und Soziales, bekannt geworden durch unmenschliche Zustände in Berliner Flüchtlingsunterkünften, habe TIB Molbiol prüfen wollen, sagt der Firmenchef. Die Versorgung der Kinder seiner Mitarbeiter müssten sie erkämpfen. Ende März fielen die letzten Exportbeschränkungen für Länder wie Pakistan oder den Iran. Die hätten sie lange behindert.

Biotechrabbits Geheimnis? Gefriertrocknung

TIB Molbiol stellt mithilfe des Enzymmixes von Biotechrabbit den Test fertig, der dann in Krankenhäusern und Laboren die Abstriche von potenziell Infizierten prüft. Den Unterschied zu Biotechrabbit, fasst Haase so zusammen: „Wir vervielfältigen die genetische Information des Virus. TIB Molbiol stellt kurze DNA-Abschnitte her für die genetischen Regionen des Virus, die vervielfältigt werden sollen.“

Die Molekularbiologen von Biotechrabbit tricksen die Bakterien, mit denen sie arbeiten, so aus, dass diese das tun, was die Mitarbeiter von ihnen brauchen. Der Mix aus sechs Proteinen sei „ein komplexer Cocktail: So als würden Sie in einer Bar Aperol mit Prosecco und Whiskey mixen, und das schmeckt dann superklasse.“ Schon eine kleine Abweichung verfälsche das Ergebnis.

Damit das nicht passiert, tragen im Labor von Arpita Das alle Mitarbeiter Schuhüberzieher, einen Kittel, Mundschutz und eine Kopfhaube. Steril muss es sein. In einem Inkubator hält Haases Kollegin eine Phiole zwischen den Fingern. Den festen Stoff im Innern des Röhrchens lockert sie, indem sie das kleine Gefäß auf einen vibrierenden Apparat in dem Inkubator drückt. Mit etwas Wasser gemischt stellt sich der flüssige Ausgangszustand des Gemischs wieder ein.

Der 55-jährige Bernd Haase leitet Biotechrabbits.

Diesen besonderen Kniff, den Das vorführt, benutzt Biotechrabbit, um den Enzymmix günstiger verschicken zu können. „Wir stellen es gefriergetrocknet her“, erzählt Haase. Das heißt: Wenn sie die Enzyme eintrocknen, lagern sie andere Substanzen ein, die wieder verschwinden, wenn der Kunde am Zielort Wasser darauf kippt. So nimmt der Enzymmix seinen Ursprungszustand wieder ein und ist einsatzbereit.

Normalerweise würden „Enzyme und deren Mixe bei minus 80 Grad mit Trockeneis versendet“, erklärt Haase. Das eigentliche Produkt sei „wie eine Feder, aber die Kühlung treibt die Kosten hoch.“ Aus 150 Gramm, die ein Kit wiege, würden wegen des Trockeneises für den Transport schnell 15 Kilo. Bei Raumtemperatur koste ein Mix einen Euro, bei minus 80 Grad 16 Euro. Biotechrabbits Gefriertrocknung umgeht dieses Problem.

Die Lieferungen an TIB Molbiol gibt der Chef gerne persönlich ab, manchmal bis zu drei am Tag. Das direkte Feedback von Landt und Kollegen sei ihm wichtig, sagt Haase. Wie jede Partnerschaft klappt aber auch diese nicht ganz ohne Meinungsunterschiede. „Die versprochenen Stückzahlen“ hätte Biotechrabbit bislang „nicht geliefert, sondern die Hälfte“, sagt Landt. Haase hält dagegen: „Was Herr Landt nicht übersehen kann, ist die Komplexität unseres PCR-Mixes mit den vielen verschiedenen Proteinen.“ Bei dem biologischen Prozess könne es je nach Verfügbarkeit der Proteine zu Verzögerungen kommen. Dann müssten sie „schon mal zwei Tage warten“.

1,5 Millionen Tests pro Woche

TIB Molbiol liefert nach eigenen Angaben mindestens 1,5 Millionen Tests pro Woche aus. Ein Kit besteht aus knapp 100 Tests. Die ersten Mitarbeiter kämen „vor 7 Uhr, regelmäßig ist noch einer bis Mitternacht da“, erklärt Landt.

Um Geld gehe es ihnen nicht. Das betonen Haase und Landt unisono. Manche Konkurrenten verlangten zehnmal mehr für ihre Kits. „Ich finde es unverschämt, wenn man in so einer Situation, in der Menschen in Not sind und die Tests einfach brauchen, aberwitzige Preise aufruft“, sagt Haase.

Landt gibt offen zu, dass er das Arbeitspensum nur leisten könne, weil TIB Molbiol nicht gewerkschaftlich gebunden sei. „Die großen Firmen sind zu langsam. Die haben Gewerkschaften, die verhindern, dass man länger arbeitet.“ Das Bundesarbeitsministerium hat auf die außergewöhnliche Situation reagiert: Minister Hubertus Heil (SPD) lockerte das Arbeitszeitgesetz bis Ende Juni und erlaubt in systemrelevanten Berufen Zwölf-Stunden-Tage sowie Arbeit an Sonn- und Feiertagen.

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