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Kehrtwende bei Rohstoff-Strategie Regierung will der Industrie den Nachschub sichern

Die Bundesregierung will sich um den Rohstoff-Nachschub kümmern und vollzieht die Wende. Quelle: dpa

Bisher galt für deutsche Unternehmen: Beim Import von Metallen, Mineralien oder Seltenen Erden macht jeder seins und holt Nachschub bei eigenen Lieferanten. Die Bundesregierung hielt sich zurück. Damit ist es nun vorbei.

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In seiner generalüberholten Rohstoffstrategie macht das Bundeswirtschaftsministerium eine Kehrtwende. Die befindet sich noch in der Abstimmung zwischen den Ministerien. Das ist das einzige, was das Ministerium bisher öffentlich dazu erklären will: „Eine Veröffentlichung der Rohstoffstrategie ist noch für dieses Jahr vorgesehen.“

Marktwirtschaft steht in der Strategie, die der Wiwo als Entwurf vorliegt. Aber andere Länder halten sich auch nicht dran. Weil wenige Rohstoff-Produzenten im Ausland eine enorme Marktmacht entwickelt haben und weil wichtige Nachfrager wie China sowohl das Schürfen wie auch das Verkaufen der Grundstoffe im eigenen Interesse organisieren, steuert Deutschland nun um. Zu sehr hängt das rohstoffarme Land mit seiner rohstoffintensiven Industrie vom Nachschub ab.

Der Rohstoffhunger der Stahlbranche, der Autohersteller, von Elektroniklieferanten und der Bauindustrie treibt die Bundesregierung an. „Ohne ‚Hightech-Rohstoffe‘ wird es keine entsprechenden Zukunftstechnologien ‚Made in Germany‘ geben“, heißt es im Papier. „Die Verfügbarkeit von mineralischen Rohstoffen wird damit zu einer zentralen Herausforderung für das Industrieland Deutschland.


Als Beispiel für die steigende Nachfrage nach Rohstoffen aus dem Ausland wird die Elektromobilität genannt. Wenn E-Autos und andere Vehikel in Deutschland gebaut werden, werden Mineralien wie Lithium, Kobalt, Nickel und Graphit immer wichtiger, aber auch Metalle wie Aluminium und Kupfer werden in so genannten sog. Lithium-lonen-Batterien eingesetzt. Deshalb will sich die Bundesregierung um den Rohstoff-Nachschub kümmern und vollzieht die Wende. Die Konkurrenz befinde sich in Asien. „Haupttreiber der Rohstoffnachfrage sind die Schwellenländer, allen voran China.“

Drei Schritte will die Regierung deshalb forcieren:

  • Den Import aktiver unterstützen und etwa in Rohstoff-Partnerschaften vor Ort den Nachschub sichern
  • Trotz Widerstands und umständlichen Planungsvorgaben auch im dicht besiedelten Deutschland mehr Rohstoffe abbauen
  • Die wertvollen Grundstoffe zudem besser und häufiger recyceln.

Die Nachschubsicherung aus dem Ausland funktioniert nicht mehr wie erhofft. Hier sieht die Bundesregierung den freien Welthandel zum Teil außer Kraft gesetzt. Die erste Rohstoffstrategie der Regierung aus dem Jahr 2010 müsse deshalb überarbeitet werden: Offensichtlich sei, „dass sich längst nicht alle Staaten diesem marktwirtschaftlichen Ansatz verpflichtet fühlen.“ Also müsse Deutschland Wege finden, um für seine Unternehmen gleiche Wettbewerbsbedingungen zu ermöglichen – „die Schaffung eines Level Playing Fields.“



Die Bundesregierung will demnach gegen Quasi-Monopole außereuropäischer Rohstoff-Produzenten und gegen staatliche Handelsschranken in Rohstoff-Ländern vorgehen. „Aufgrund der weltweit deutlichen Zunahme von staatlichen Interventionen in der Rohstoffsicherung wird die Bundesregierung die Möglichkeiten zusätzlicher staatlicher Maßnahmen zur Rohstoffsicherung in einer Auftragsstudie prüfen lassen.“ Auch sollen offenbar Partnerschaften mit Lieferanten per Außenwirtschaftsförderung ausgebaut werden – vor allem in Asien und Afrika. Die Idee: Die deutsche Staatsbank KfW gewährt einem ausländischen Minenunternehmen einen Kredit. Im Gegenzug soll dann ein Großteil der Produktion an deutsche Abnehmer gehen. 

Unabhängiger zu werden vom außereuropäischen Ausland ist ein zweites Ziel: In der EU sollten wieder Stoffe wie Kupfer, Lithium und Nickel gewonnen werden, die für die E-Mobilität und die Energiewende dringend nötig seien, heißt ein Auftrag an die neue EU-Kommission. Hierzulande sollten zudem mehr Massen-Rohstoffe wie Sand oder Kies abgebaut werden: „Die Bundesregierung setzt sich daher dafür ein, dass die Rohstoffgewinnung in Deutschland gestärkt wird. Dies gilt insbesondere auch vor dem Hintergrund der regionalen Verknappung von wichtigen Baurohstoffen.“

Drittens schließlich verlangt die Bundesregierung Fortschritte, um verbrauchte Rohstoffe wiederzuverwerten und in der Produktion neu einsetzen zu können. Mehr Recycling! „Ein Teil der zukünftigen Bedarfe kann durch Recycling und die Rückgewinnung von Rohstoffen gesichert werden.“ Hier soll staatliche Forschungsförderung helfen.

Ganz gut funktioniert die Rückgewinnung offenbar bereits bei der Rückgewinnung etwa von Eisen und Stahl und bei Edelmetallen wie Gold oder Platin. Schwieriger werde es bei Spezialmetallen, also Seltenen Erden, Indium, Gallium, Germanium oder dem schon erwähnten Lithium. Die Stoffe seien so komplex verarbeitet, dass sie schwer wieder herauszulösen und recycelt werden könnten, heißt es.  Hier müssten bessere Verfahren gefunden werden. Auch Phosphor aus dem Phosphatdünger in der Landwirtschaft habe noch „große Recyclingpotenziale.“

Beim Recycling gibt es schließlich noch eine ganz eigene Schwierigkeit im Exportland Deutschland: Was einmal verkauft wurde, ist weg. Mit der Ausfuhr hochwertiger Produkte stehe „ein großer Teil der Rohstoffe am Ende des Lebenszyklus der Wirtschaft in Deutschland nicht mehr zur Verfügung.“

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