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Kettensägen-Hersteller Nikolas Stihl „Bäume werden auch in Zukunft wachsen“

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„Rente mit 64? Das ist nicht zukunftsfähig“

2018 haben Sie 0,3 Prozent Umsatz verloren. Fällt die Bilanz für das Jahr 2019 erfreulicher aus?
Wir veröffentlichen die Bilanz für 2019 im April. Aber ohne unserem Vorstandsvorsitzenden Bertram Kandziora zu viel vorwegzunehmen: ja, das vergangene Jahr war wieder erfreulicher. Wir haben ja im Herbst auf einer Pressekonferenz die Zahlen für die ersten neun Monate präsentiert und eine Steigerung vermeldet.

Von Januar bis August 2019 wuchs Stihl um 6,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Das ist seitdem nicht wesentlich schlechter geworden.

Wann knacken Sie die vier Milliarden?
Dieses Jahr, ziemlich sicher. Wenn uns nicht der US-amerikanische Präsident einen Strich durch die Rechnung macht.

Hängt das an der Wieder- oder Abwahl von Donald Trump?
Es hängt davon ab, was er in diesem Jahr noch so alles anstellt. Er ist schlicht und einfach unberechenbar. Seine protektionistische Politik ist weder für die USA noch für den Rest der Welt förderlich. Wir hoffen, auch für die Amerikaner selbst, dass er die USA wieder mehr öffnet.

Nordamerika macht mehr als 30 Prozent Ihres Umsatzes aus. Wie sehr leiden Sie unter den Handelskriegen?
Wir leiden begrenzt. Auf der einen Seite haben wir Steuererleichterungen bekommen. Auf der anderen Seite zahlen wir mittlerweile für viele Teile, die wir für die Fertigung in den USA brauchen, kräftig Zölle. Unterm Strich aber stellen wir uns schlechter. Generell können wir als global aufgestelltes Unternehmen kein Interesse daran haben, das ständig neue Barrieren aufgebaut werden. Diese Idee, die eigene Wirtschaft protektionistisch zu schützen, ist zwar nicht neu, bekommt aber jetzt leider Aufwind durch Politiker wie Donald Trump und Jair Bolsonaro. Das ist keine gute Entwicklung.

Wie beeinflusst Sie der Brexit?
Einen relativ großen Teil der Folgen tragen unsere Kunden in England schon länger: das schwächere Pfund. Damit sind die Preise gestiegen. Es bleibt letztendlich an den Kunden hängen, weil es in Großbritannien keine Wettbewerber gibt, der dort produziert. Ein Werk in England haben wir nicht, wir exportieren die fertigen Geräte dorthin. Und wir werden auch in Zukunft nach England exportieren, und uns dann mit den neuen Handelsbarrieren zurechtfinden. Wir bauen in Großbritannien ein neues Vertriebsgebäude nach dem Motto „Jetzt erst recht“ und haben langfristig Vertrauen in den dortigen Markt.

Auch Ihr Vater Hans Peter Stihl äußert sich immer gerne und bestimmt über die Politik. Zuletzt bezeichnete er die Große Koalition als „grottenschlecht“. Sollten Unternehmer und Manager häufiger Ihre politische Meinung kundtun?
Ja. Wir Unternehmer dürfen und sollten uns durchaus äußern. Zum einen bei grundsätzlichen Themen wie etwa Fremdenfeindlichkeit, wie wir Familienunternehmer es vergangenes Jahr getan haben mit der Kampagne „Made in Germany, made by Vielfalt“. Und wir Unternehmer sollten uns einsetzen für die soziale Marktwirtschaft. Dass wir damit nicht jedem Freude bereiten, müssen wir schlicht in Kauf nehmen.

Damit macht man sich auch angreifbar.
Selbstverständlich. Aber wir sind als Unternehmer nicht nur Verkäufer, wir sind auch Staatsbürger und tragen Verantwortung. Wenn man der Meinung ist, in irgendeiner Richtung läuft etwas falsch, sollte man darauf hinweisen. Gewerkschaften tun das ja auch. Aber man kann nicht alles nur auf die Verbände abwälzen. Wir müssen uns auch selbst zu Wort melden.

Und, sind Sie zufrieden mit der Politik?
Nein.

Was stört Sie?
Mich stört am meisten, dass wir die Zukunft schleifen lassen.

Was meinen Sie?
Wir investieren viel Geld ins Soziale, aber bei Weitem nicht genug in die Zukunft. Wir planen mit gerade mal 500 Millionen Euro jährlich für die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz. Das ist das KI-Jahresbudget einer besseren, chinesischen Stadt. Wenn wir glauben, dass wir uns mit diesen Kleckerbeträgen im Wettbewerb halten können gegenüber den Amerikanern und Chinesen, dann werden wir eines Tages unsanft aufwachen. Und dann werden wir auch eines Tages die Grundrente nicht mehr bezahlen können, weil alles, was ins Soziale geht, ja erst mal erwirtschaftet werden muss. Und mit der Industrie von gestern werden wir das nur noch begrenzt tun können. Wir müssen viel mehr investieren und tun es nicht.

Die Industrie, die Sie vertreten, ist doch auch nicht gerade das Symbol der Zukunft.
Das würde ich so nicht sagen. Bäume werden auch in Zukunft wachsen und werden allein schon zur CO2-Kompensation gepflanzt. Natürlich wird Stihl in 30 Jahren anders aussehen als heute. Das ist ja unsere Aufgabe: dass wir unser Unternehmen transformieren in die neue Zeit. Aber genau das erwarte ich von der Politik ja auch. Man kann nicht einfach sagen: Wir schalten jetzt Kohle- und Atomkraftwerke ab, aber dann bauen wir die erneuerbaren Energien nicht aus, und die notwendigen Stromleitungen bauen wir auch nicht. Was soll das? Unsere Brücken und Straßen sind marode, unsere Netze sind nicht leistungsfähig genug für die ganzen E-Autos, die da kommen sollen; in Rumänien finden Sie teilweise ein besseres Mobilfunknetz als in Stuttgart. Die Liste lässt sich lange fortsetzen. Und was machen wir? Rente mit 64. Das ist nicht zukunftsfähig

Ihr Vater ist FDP-Mitglied und ein Fan von Friedrich Merz, der auch im Stihl-Beirat sitzt. Sind Sie auch Parteimitglied?
Ich bin kein Mitglied irgendeiner Partei. Und von der FDP bin ich im Übrigen nach dem Ausgang der letzten Koalitionsverhandlungen relativ enttäuscht. Da hatten sie mal die Möglichkeit, Regierungsverantwortung zu übernehmen, selbst wenn sie nicht all ihre Vorstellungen durchbekommen hätten, und haben es nicht gemacht. Das stört mich. Wenn drei Leute zusammenwohnen, muss man Kompromisse schließen. Politik besteht aus Kompromissen.

Wie wichtig ist es für einen Unternehmersohn, sich vom Vater abzuheben?
Man muss in jedem Fall eine eigene Persönlichkeit entwickeln. Man darf nicht versuchen, zu klonen. Auch mein Vater war der Junior neben seinem Vater. Als Nachfolger in so einer Position muss man akzeptieren können, dass es immer den Vorgänger gibt. Und wenn der erfolgreich war, werden die Mitarbeiter, die schon lange dabei sind, erst einmal in Richtung Seniorchef schauen. Wenn man das nicht aushält, kann man nicht in die eigene Firma gehen.

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