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Kohleausstieg So verschläft RWE den Strukturwandel

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Kein Vergleich zum „Pott“

Im Rheinland fehlt diese Kohle-Tradition vom Ruhrgebiet. Die Region ist von der intensiven Landwirtschaft geprägt, die Bagger stehen nicht im Mittelpunkt des kulturellen Selbstbildes. Entsprechend unemotional ist die Beziehung der Beschäftigten zu ihrer Arbeit: Ob sie den Bagger in einem Braunkohletagebau steuern oder die Maschine in einer Autofabrik, dürfte vielen Beschäftigten von RWE herzlich egal sein – solange das Gehalt stimmt. Schon das dürfte die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt deutlich abmildern. Auch die Gesamtzahl der Arbeitskräfte in der Braunkohle ist nicht mit Ruhrgebietsverhältnissen zu vergleichen. Nur 1,3 Prozent aller Beschäftigten in der nicht besonders dicht besiedelten Region arbeiten im Tagebau oder den nachgelagerten Bereichen. Im zur Vielmillionenstadt verwachsenen Ruhrgebiet stellten Kohle und Stahl einst 28 Prozent aller Arbeitsplätze.

Für RWE könnte das Ende der Braunkohle gar zum Erfolgsgeschäft werden. Denn anders als die Steinkohle im Ruhrgebiet hinterlässt die Braunkohle keine offenen Flöze, aus denen über Jahrhunderte das Wasser abgepumpt werden muss. Die sogenannten Ewigkeitslasten dürften hier in ein paar Jahrzehnten zu bewältigen sein: Wasser rein und Ufer sichern, wenngleich auch das ein paar Milliarden Euro verschlingen wird. Doch RWE bekommt durch den Strukturwandel auch Werte, mit denen sich über Jahrzehnte Geld verdienen lassen könnte: Grundstücke. Da, wo derzeit der Abraum der Braunkohle aufgeschüttet wird, dort, wo derzeit noch die Kraftwerksparks stehen.

Anders als im Ruhrgebiet sind das keine unterirdischen Hinterlassenschaften, sondern große, oberirdische Flächen. Und anders als in der Lausitz liegen die nicht irgendwo im Nirgendwo, sondern im Städtedreieck Aachen-Köln-Düsseldorf und damit mitten in einer der verkehrstechnisch zentralsten Regionen Europas. „Große, zusammenhängende Flächen ohne Einschränkungen, was Lärm und Emissionen angeht, besser geht es eigentlich nicht“, preist Hans-Jürgen Petrauschke, 62-jähriger CDU-Landrat des Rhein-Kreises schon mal an, was er oder seine Nachfolger da bald zu vermarkten haben werden.

Nicht umsonst haben sich in der Umgebung in den vergangenen Jahren so viele Logistikkonzerne niedergelassen wie sonst fast nirgendwo in Deutschland. Allein im Rhein-Kreis-Neuss, in dem sich der Tagebau Garzweiler befindet, arbeiten schon heute mehr Menschen in der Logistik als in der gesamten deutschen Braunkohleindustrie. Und an einzelnen Projekten lässt sich bereits erkennen, wie stark RWE selbst dadurch zum Gewinner werden könnte. Mitte August vereinbarten RWE und der Hafenbetreiber Duisport den Bau eines Containerterminals – auf den Abraumflächen des Tagebaus Garzweiler. Im Gewerbepark Weisweiler rund um das gleichnamige Kraftwerk errichtet gerade das Logistikunternehmen Hammer seine neue Zentrale, auch der Computerhersteller QSG will sich hier niederlassen, ebenso der niederländische Nutzfahrzeughersteller Loven. 1300 Arbeitsplätze sind bereits entstanden. Miteigentümer der Flächen: RWE.

Das größte Risiko, den aussichtsreichen Wandel zu verschlafen, liegt nun darin, sich all zu sehr an die Braunkohle zu klammern. So sagt Rudolf Bertram, SPD-Bürgermeister von Eschweiler: „Am meisten Konflikte hat es hier gegeben, als wir Windkraftanlagen bauen wollten.“ Tag für Tag kämpfe er dafür, dass sich das Bild ändere. Etwa mit der Nähe zum Wissenschaftsstandort Aachen, mit dem Forschungszentrum mitten im Braunkohlegebiet. Betram ist sich sicher: „Das Ende der Braunkohle ist eine Chance für die Region.“

Zwar ist der Essener Konzern im Rahmen der Zukunftsagentur Rheinisches Revier mit fast einem Dutzend Projekten direkt vertreten. So beteiligt sich RWE am Bau eines 42 Hektar großen Gewerbe- und Industriegebiets in der Region. Es konzipiert „Brennstoffzellensiedlungen“ und „Solarsiedlungen“ und tüftelt zusammen mit Thyssenkrupp an der Umwandlung von Kohle in andere chemische Stoffe. Andere Projekte wie „Time Park“ sind in ihrem Anspruch bescheidener: RWE will damit das Naherholungsgebiet Terra Nova ergänzen - und dort „insbesondere“ neue Radwege bauen.

Als „absolut ungenügend“ bezeichnet Oliver Krischer, Bundestagsabgeordneter der Grünen mit Wahlkreis in Düren, aber die Anstrengungen von RWE zum Strukturwandel im Rheinischen Revier. Das von RWE initiierte Projekt der Umwandlung von Kohle in andere Stoffe bezeichnet er als „Rettungsversuch für die Braunkohle“. Dabei sei ein konkretes Ausstiegsdatum aus der Kohle, dass die von der Regierung eingesetzte Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung vulgo Kohlekommission gerade erarbeiten soll, laut Krischer zweitrangig. „Statt auf das Datum für den Kohleausstieg zu warten, sollte RWE sofort seine ältesten Kraftwerke vom Netz nehmen. Aber statt den Strukturwandel langsam einzuleiten, hält der Konzern um jeden Preis an der Kohle fest.“

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