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Kohleausstieg So verschläft RWE den Strukturwandel

Kohleausstieg: So verschläft RWE den Strukturwandel Quelle: imago

Der Ausstieg aus der Braunkohle stellt die betroffenen Regionen vor massive Probleme. Dabei könnte gerade das von RWE dominierte Rheinische Revier als Gewinner aus dem Strukturwandel hervorgehen. Warum gelingt das nicht?

Gudrun Zentis steht zwischen Strandliegen und Schirmen, ihre Füße stecken im aufgeschütteten Sand. Von oben brennt die Sonne so heiß herab, dass sich Nordrhein-Westfalen an diesem Tag anfühlt wie Spanien. Und doch will bei der früheren Grünen-Abgeordneten im Düsseldorfer Landtag keine Urlaubsstimmung aufkommen. Mit versteinerter Miene blickt Zentis auf die gewaltige Grube, die unmittelbar vor der Strandpromenade über hunderte Meter zu den Kohleflözen hinabführt. Wie niedliche Spielzeuge wirken die Bagger, die dort unten die schwarze Erde umgraben.

Terra Nova, neue Erde, heißt das einigermaßen bizarre Naherholungszentrum am Rande des Tagebaus Hambach. In einigen Jahrzehnten, wenn der Essener Konzern RWE hier keine Braunkohle mehr abbaut, soll die Grube geflutet werden. Ein gigantischer See soll dann bis zu den Liegestühlen, dem Kinderspielplatz und dem neu gebauten Restaurant reichen. Zentis blickt über die Promenade und schüttelt den Kopf: „Ein paar Strandliegen werden für den Strukturwandel im Rheinischen Revier nicht ausreichen.“

Kaum ein Thema treibt die Energie-Branche und Umweltverbände derzeit so um wie der Ausstieg aus der Kohle. Bis wann Deutschland sich von dem schmutzigen Energieträger verabschieden wird, muss die Bundesregierung erst festlegen. Die von ihr eingesetzte Kohlekommission soll neben dem Fahrplan zum Kohleausstieg auch noch Antworten auf besonders heiße Frage finden: Was soll aus den Regionen im Rheinland und der Lausitz werden, wenn es dort keine Kohle und keine Arbeitsplätze bei Kohlekonzernen mehr gibt?

Die Regionen selbst suchen seit Jahren nach Wegen in eine kohlefreie Zukunft. Im Rheinischen Revier koordiniert etwa eine eigens geschaffen Zukunftsagentur Rheinisches Revier mehr als 70 Projekte, die neue Perspektiven für die Wirtschaft eröffnen sollen. Die Fülle reicht von Photovoltaik-Innovationen über Mobilitätskonzepte bis hin zur chemischen Veredelung von Braunkohle. Doch Kritikern aus Politik und Wirtschaft ist das zu wenig. Sie beklagen ein „Beharrungsvermögen“ an der Braunkohle. Schuld an dem Stillstand, darauf können sich so gut wie alle Kritiker einigen, sei vor allem RWE.

Dabei hätte RWE gerade im Rheinischen Revier beste Voraussetzungen, um aus dem Kohleausstieg als Gewinner hervorzugehen. Die Landschaft im Städtedreieck zwischen Aachen, Düsseldorf und Köln glänzt mit hervorragender Infrastruktur wie ausgebauten Autobahnen und Schienen. Zudem ist die Region keineswegs abhängig von der Kohle, nur ein Minimum der Arbeitsplätze hängt an dem Energieträger.

Die Geschichte des kleinen Unternehmens Stornetic etwa klingt fast, als hätte man sie erfunden, um genau dieses Potenzial zu belegen. „Unsere Technologie könnte einer der Schlüssel zum Funktionieren einer weitestgehend kohlefreien Energiegewinnung werden“, sagt Tobias Hoffmann, der sich bei dem 20-Mitarbeiter-Haus um die Repräsentation kümmert. Sie verdienen ihr Geld mit mechanischen Energiespeichern, die mittels Schwungrädern Energie zwischenlagern können. Das gelingt zwar nur für maximal zehn Minuten, um Leistungsspitzen auszugleichen wäre das locker ausreichend. Zugleich hat die Technik gegenüber Batterien einen entscheidenden Vorteil: Die Speicher nutzen sich nicht ab, egal wie oft sie benutzt werden, die Ladekapazität bleibt gleich. Ein Projekt mit dem französischen Energiegiganten EdF gibt es bereits, eines mit RWE beginnt gerade. Das Unternehmen sitzt in Jülich, gleich neben dem gleichnamigen Forschungszentrum. Mitten in der Braunkohle – und mitten in der Zukunft. „Wir sind sehr zufrieden mit dem Standort hier und haben noch viel vor“, sagt Hofmann.

Der Optimismus ist begründet. Denn die Umstände im Rheinischen Braunkohlerevier unterscheiden sich gravierend von denen in der Lausitz oder dem Ruhrgebiet. Dem Braunkohleabbau am Niederrhein fehlen fast alle Eigenschaften, die den Wandel im Ruhrgebiet zum nie endenden Abstieg machten. So war der Steinkohlebergbau im „Pott“ nicht bloß ein Wirtschaftszweig, sondern gehörte von je zum Kern der regionalen Identität. Man denke nur an das „Steigerlied“, das selbst die letzte SPD-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft bei jedem möglichen Anlass anstimmte.

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