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Koks-Kohle-Förderung Entsteht eine neue Zeche im Ruhrgebiet?

Ein Rohstoffabkommen mit der Mongolei sichert Deutschland zwar den Zugang zu Kokskohle. Doch auch bei Hamm gibt es lohnende Vorkommen. Dort verbieten aber EU-Verträge den Abbau.

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Förderturm des ehemaligen Steinkohle-Bergwerks Zeche Amalie in Essen. Quelle: dpa

Düsseldorf, Frankfurt Wer in Deutschland an Rohstoffmangel denkt, dem fallen Metalle ein wie Kupfer, Lithium, Molybdän oder auch Seltene Erden wie Neodym - rare Stoffe also, die in Computern verbaut werden. Kaum jemand aber denkt an Kohle, genauer gesagt: an Kokskohle.

Dieses schwarze, poröse Gestein, eine besondere Art der Steinkohle, ist zwar nicht rar - wohl aber teuer. Gut neun Millionen Tonnen importiert Deutschland jedes Jahr, denn Kokskohle wird veredelt zu Koks - dem Brennstoff, der in Stahlhütten verfeuert wird. Eine Tonne kostet zurzeit rund 215 Dollar zuzüglich 8,50 Dollar pro Tonne für die Seefracht. Der Preis wird in den kommenden Jahren vermutlich stetig steigen, ganz einfach, weil die Industrialisierung auch in den Schwellenländern enorm voranschreitet.

Es drohen also Engpässe - und deshalb ist jetzt über die Kokskohle ein erbitterter Streit entbrannt. Denn es gibt einen Plan, Kokskohle mit deutschem Geld in Asien zu fördern und dann um den halben Erdball zu transportieren. Eine absurde Vorstellung, denn man könnte den Rohstoff auch im Ruhrgebiet aus der Tiefe buddeln. Zurzeit sogar ohne Subventionen. Beide Optionen sind jedenfalls machbar - zumindest in der Theorie.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat im Oktober ein Rohstoffabkommen mit der Mongolei und Anfang Februar mit Kasachstan unterzeichnet. Das Ziel: Deutschland wird den Ländern Technologie liefern und beim Aufbau der Infrastruktur helfen - im Gegenzug für ein Kontingent dort abgebauter Rohstoffe.

Unter Federführung des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) hat sich nun die "Allianz zur Rohstoffsicherung" gebildet, ein Zusammenschluss von zwölf Unternehmen. Sie soll die Kooperationen mit Kasachstan und der Mongolei ausgestalten. Im Konzept des BDI, das dem Handelsblatt vorliegt, ist auch Kokskohle als Rohstoff "mit Versorgungsrisiko" genannt.

Dabei hat Deutschland eigene Kokskohleflöze. Jedenfalls bis zum 31. Dezember 2018 - danach ist Schluss. So will es die Europäische Union, die erbittert für ein Ende der jahrelangen Subventionierung der deutschen Steinkohle gekämpft hat. Danach aber ist nicht nur die subventionierte Kohleförderung verboten, was ja vernünftig wäre - es darf dann in bestehenden Zechen überhaupt keine Kohle mehr abgebaut werden. Bei einem Verstoß müssten alle Subventionen, die je in die Zeche geflossen sind, rückerstattet werden.


Kokskohle könnte auch ohne Subventionen abgebaut werden

"Das ist eine politische Entscheidung, die wir akzeptieren müssen, die wir aber nach wie vor für falsch halten", sagt Ludwig Ladzinski, oberster Betriebsrat des RAG-Konzerns, der fünf Zechen an Rhein, Ruhr und Saar betreibt. Für "völligen Unsinn" hält er sogar die Pläne, Kokskohle mit der Rohstoff-Allianz aus Ländern wie der Mongolei oder Kasachstan einzukaufen. "Wir machen uns doch abhängig von diesen Ländern."

Während normale Steinkohle ohne Subventionen in Deutschland nie wettbewerbsfähig sein dürfte, könnte Kokskohle, die den dreifachen Weltmarktpreis erzielt, derzeit ohne staatliche Hilfe abgebaut werden. In den bestehenden Bergwerken wird für 170 Euro pro Tonne gefördert - also etwa 208 Dollar. 2014 wird zudem auf Prosper-Haniel in Bottrop, mitten im Ruhrgebiet, ein ergiebiger Kokskohleflöz erreicht. Doch was wirtschaftlich möglich, vielleicht sogar sinnvoll ist, bleibt dennoch verboten.

Deshalb böte sich der Rohstoff-Allianz noch eine weitere Option an: Ein völlig neues Bergwerk im sogenannten Donar-Feld nördlich von Hamm. Dort liegen gut 100 Millionen Tonnen Kokskohle. Laut Andreas-Peter Sitte vom Gesamtverband Steinkohle wäre die Förderung dank neuer Technik wohl zu "auskömmlichen Preisen" möglich.

Eine neue Zeche würde zwar 1,5 Milliarden Euro kosten, aber auch die Auslandsoption verschlingt Geld. Der BDI veranschlagt für die Suche nach Lagerstätten "je Rohstoffthema 40 bis 100 Millionen Euro". Kommt es zur Förderung, "kann der Investitionsumfang 700 bis 900 Millionen Euro betragen".

Manuel Frondel vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) hält es nicht für ausgemacht, dass sich die Förderung von Kokskohle in Deutschland langfristig rechne. "Wenn die Wirtschaftslage sich aber eintrübt, dann geht es mit dem Preis bergab", glaubt er. Mit dem Ausland, wo Kohle mit großen Baggern im Tagebau gefördert wird, könne der deutsche Bergbau nie konkurrieren. BDI-Vizepräsident Ulrich Grillo, der im Lenkungskreis des Bündnisses sitzt, will sich noch nicht festlegen: "Das Portfolio der Rohstoff-Allianz ist noch völlig offen", sagt er. Bisher sei noch nicht entschieden, wo und in welche Rohstoffe investiert wird. Grillo: "Es sind auch Projekte in Deutschland möglich."

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