Kommentar Winterkorns aussichtsloser Kampf

Als Konzernchef hat Martin Winterkorn Volkswagen zur Erfolgsmarke gemacht. Doch nach der scharfen Attacke von VW-Patriarch Piëch ist er angezählt. Winterkorn wird sich nicht mehr lange an der Spitze halten können.

Winterkorn im Torwartdress: Vielleicht sind die Gegner zu mächtig.

Volkswagen-Chef Martin Winterkorn versteckt sich nicht seit Freitagnachmittag. Da wurde bekannt, dass er erstens wohl nicht Aufsichtsratschef des Konzerns werden wird in zwei Jahren. Und noch überraschender: Dass es zweitens eine Distanz zum mächtigen Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch gibt.

Winterkorn war am Samstag in München beim Bundesliga-Spiel der Bayern, er ist heute bei der Eröffnung der Hannover-Messe und wird morgen mit der Kanzlerin den Rundgang machen. Keine Frage: Er lässt sich nach außen nicht anmerken, dass er seit Freitag noch mehr zur öffentlichen Person geworden ist als er es ohnehin schon war. Als Chef des womöglich bald größten Autobauers der Welt und als bestverdienender Dax-Vorstand.

An der Spitze zu bleiben wird jedoch ein aussichtsloser Kampf bleiben. Zu sehr ist Winterkorn durch die kurzen, aber tief ins Herz treffenden Aussagen des Aufsichtsratschefs angezählt. Selbst dass er bis zum Ende seiner Amtszeit, Ende 2016, als Vorstandschef durchhalten wird, ist nach aktuellem Stand völlig unwahrscheinlich. Es wäre für ihn nicht gut. Und auch nicht für den Konzern.

Volkswagen in Zahlen

Stand heute könnte Winterkorn erhobenen Hauptes seinen Posten räumen. Es war das Jahr vor der Finanzkrise und dem Beinahe-Kollaps der Weltwirtschaft, als er in das Büro des Vorstandschefs im zwölften Stock im Backsteinbau der Wolfsburger Konzernzentrale einzog. Volkswagen war damals zwar schon Europas größter Autobauer, von den Dimensionen, die General Motors in den USA oder gar Toyota in Japan produzierten, war man indes meilenweit entfernt.

Acht Jahre später hat Volkswagen General Motors überholt, und zu Toyota fehlten im vergangenen Jahr gerade noch 90.000 Autos. 10,14 Millionen Autos verkauften die Deutschen, 10,23 Millionen die Japaner. Und da sich Winterkorn zum Ziel gesetzt hat, die Umsatzerlöse auch in diesem Jahr um bis zu vier Prozent zu steigern, die Japaner aber bereits angekündigt haben, sich eher auf den Neustrukturierung interner Prozesse konzentrieren zu wollen, könnte Volkswagen in diesem Jahr bereits zum größten Autobauer der Welt aufsteigen. Winterkorns Name ginge damit unweigerlich in die Geschichtsbücher des Konzerns an ganz prominenter Stelle ein.

Das ist das Autoreich von VW
Die britische Nobeltochter ist das Übrigbleibsel aus einer Übernahmeschlacht im Jahr 1998 zwischen BMW und Volkswagen um Rolls-Royce, in der sich die Wolfsburger am Ende durchsetzten, doch auch einen Streit um Markenrechte lostraten, der am Ende in der Scheidung der beiden britischen Marken gipfelte. Mittlerweile sind die Briten auch außerordentlich profitabel - und längst mehr als ein Imageprodukt. *im ersten Halbjahr 2014 Quelle: Reuters
Das spanische Sorgenkind des VW-Konzerns verkauft zwar - auch durch den Erfolg des Leon - wieder deutlich mehr Autos. Doch profitabel sind die Spanier immer noch nicht. Das Unternehmen, das in seiner Historie eine enge Beziehung zu Fiat pflegte, ist seit 1986 Teil des Markenreiches der Wolfsburger. Quelle: Reuters
Als eigene Marke im VW-Konzern wird die Nutzfahrzeugsparte seit 1995 geführt. Mit dem Tranporter haben die Hannoveraner eines der bekanntesten Modelle des Segments im Portfolio. Doch insgesamt bewegt sich VW Nutzfahrzeuge in schwierigem Gelände: Vor allem braucht man dringend einen Großtransporter, wenn die Gemeinschaftsproduktion mit Daimler ausläuft. Quelle: dpa
Nachdem Volvo vergeblich versucht hatte, bei Scania das Steuer zu übernehmen, griff 1999 der VW-Konzern zu. Um aus Scania und MAN einen neuen Nutzfahrzeugriesen zu schaffen, zog man in diesem Jahr in Wolfsburg die Zügel an - und übernahm alle Aktien der Schweden. Bald könnte sich das Unternehmen von der Börse verabschieden. Quelle: dpa
Die Tschechen sind einer der großen Gewinnbringer im VW-Konzern. Kein Wunder, dass der Fabia das erste Auto aus der Kleinwagenriege ist, das auf dem neuen Baukasten-System basiert. 1990 nutzte VW die Gunst der Stunde und setzte sich beim Privatisierungsverkauf gegen Renault und BMW durch. Seitdem geht es steil aufwärts für Skoda. Quelle: ap
Die zweite Lkw-Tochter macht endlich wieder Gewinn. Doch wie es mit den Münchenern weitergeht, ist weiterhin ungewiss. Denn die Allianz mit der Konzernschwester Scania geht nur schleppend voran - zu groß scheinen die Gräben zwischen den Schweden und den Bayern. Quelle: dpa
Gewinne, Gewinne, Gewinne - der Sportwagenbauer aus Zuffenhausen fährt bei der Rendite allen anderen Autobauern davon. Mit einer Hybrid-Offensive will Porsche auch beim Verbrauch in die Spitzengruppe vorstoßen. Ihre Unabgängigkeit verloren die Schwaben im Jahr 2009 - nachdem sie ihrerseits vergeblich versucht hatte, den größeren Konkurrenten Volkswagen zu übernehmen. Quelle: dpa

Doch auch ohne diesen Rekord kann man Winterkorns Wirken bei VW erfolgreich nennen. Das belegen allein die Zahlen seit seinem Amtsantritt: Rund sechs Millionen Autos wurden damals gebaut, zuletzt waren es erstmals mehr als zehn Millionen. Bei knapp zehn Prozent lag damals der Weltmarktanteil, nun sind es 12,9 Prozent. Der Umsatz wurde fast verdoppelt, das operative Ergebnis sogar mehr als verdoppelt. Hinzu kamen rund 140.000 neue Arbeitsplätze, davon gut 55.000 in Deutschland. Rund 600.000 Menschen arbeiten inzwischen weltweit für den Konzern. Kein Wunder, dass gerade das Verhältnis des Betriebsrates zum Chef als besonders gut gilt.

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