Konzern-Umbau: Entflechten und erneuern – Fresenius-CEO Sen macht jetzt Ernst
Am Freitag treffen sich die Aktionäre von Fresenius Medical Care, einer der weltweit größten Betreiber von Dialysezentren, im Frankfurter Messe-Center. Es ist bereits die zweite Hauptversammlung in diesem Jahr, der Anlass ist außerordentlich: Fresenius Medical Care ändert seine Rechtsform – von einer Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA) zu einer Aktiengesellschaft (AG).
Was sich wie eine rein juristische Formsache anhört, ist Teil eines großen Plans von Fresenius-CEO Michael Sen. Der Medizinkonzern aus Bad Homburg entsteht gerade neu, zumindest teilweise. Sen entflechtet, erneuert und wechselt aus. In zwei von vier Sparten stehen Veränderungen an – beim Klinikdienstleister Vamed und beim Dialyse-Anbieter FMC. Außerdem produziert der Konzern noch Medikamente (Fresenius Kabi) und betreibt Krankenhäuser mit der Klinikkette Helios Krankenhäuser. In seiner jetzigen Form erreicht Fresenius vierzig Milliarden Euro Jahresumsatz und beschäftigt weltweit über 300.000 Mitarbeitende.
Von seinem Vorgänger Stephan Sturm hat der frühere Siemens-Manager Sen, seit Oktober an der Spitze des Konzerns, einige Probleme geerbt. Vor allem FMC, jahrzehntelang hochprofitabel, schwächelt seit einigen Jahren. Eine Senkung der Gewinnprognose jagte die nächste. Zwar ist Fresenius nur mit 32 Prozent an FMC beteiligt, übt aber dank der KGaA-Konstruktion die volle Kontrolle aus und muss FMC voll bilanzieren. Das heißt: Jede Gewinnwarnung bei FMC schlug auf das Ergebnis von Fresenius durch. Der Dialyse-Anbieter wurde so zu Sens größtem Problem.
Wie Alexander der Große
Sen hat sich nun für eine radikale Lösung entschieden – das Projekt „Gordian“. Wie seinerzeit Alexander der Große will der Fresenius-CEO nun sein schwierigsten Problem unkonventionell lösen – und den gordischen Knoten zerschlagen. Dazu bedient sich Sen einer Rechtsform-Änderung von der KGaA zur AG. In der AG, so der Plan, gibt Fresenius die volle Kontrolle an FMC ab und muss nur noch seinen 32 Prozent-Anteil konsolidieren. Fresenius ist dann keine Konzernmutter mehr, sondern nur noch ein – allerdings ziemlich großer – Investor.
Für diese Rechtsformänderung bittet FMC seine Aktionäre am Freitag um Zustimmung. Für den Beschluss ist eine Mehrheit von 75 Prozent notwendig. Fresenius darf entsprechend seinem 32-Prozent-Anteil mitstimmen. Offensichtlich gehen sie in Bad Homburg davon aus, dass der Beschluss durchgeht.
Vor den FMC-Aktionären wird Sen vermutlich noch auf weitere Vorteile der Entflechtung verweisen. Die bisherige KGaA-Struktur – mit zwei Aufsichtsräten – galt als sehr komplex und wurde von vielen angelsächsischen Investoren nicht verstanden. Für die FMC-Vorstände, die zwei Aufsichtsräten berichten mussten, soll der Zeitaufwand enorm gewesen sein.
Chefwechsel in Wien
FMC bleibt jedoch nicht die einzige Veränderung, die Sen anstößt. Auch bei der kleinsten Sparte Vamed, die weltweit Kliniken plant, errichtet und betreibt, greift Sen durch. Anfang Mai berichtete die WirtschaftsWoche über einen Brandbrief aus der Bad Homburger Rechtsabteilung an die Vamed-Zentrale in Wien. In dem Schreiben war von „Performance-, Liquiditäts- und Compliance-Risiken“ die Rede. Der Vorstand blicke mit „großer Besorgnis“ auf die „aktuellen Problemfelder“. Schon im Februar hatte Sen durchblicken lassen, dass er mit der Entwicklung bei Vamed unzufrieden ist. 2022 brach der operative Vamed-Gewinn von 101 auf zwanzig Millionen Euro ein; bei einem Umsatz von 2,3 Milliarden Euro.
Ende Juni gab Fresenius bekannt, dass Vamed-Chef Ernst Wastler mit Erreichen des Pensionsalters Mitte Juli ausscheidet. Es gab zwar blumige Abschiedsworte von Fresenius-Aufsichtsratschef Wolfgang Kirsch, der Wastler für „seine langjährige und höchst engagierte Arbeit im Vorstand von Fresenius“ dankte. Doch intern wurde Wastler offensichtlich der drastische Gewinnrückgang sowie Defizite im Finanz- und Rechnungswesen angelastet. Im Vorstand von Fresenius wird künftig der einstige Energiemanager Michael Moser über die Vamed-Geschäfte wachen.
Vamed und FMC werden künftig nur noch als Finanzbeteiligungen geführt. Die Zukunft gehört vor allem den „Operating Companies“ Kabi (Infusionen) und Helios (Kliniken). Auch dort steht Sen noch vor einigen Herausforderungen: Bei Kabi müssen noch einige Zukäufe integriert werden. Und bei Helios muss sich Sen unter anderem damit auseinandersetzen, welche Auswirkungen die von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach geplante Krankenhausreform haben könnte.
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