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Konzern verschiebt Bilanzvorlage Letzte Galgenfrist für ThyssenKrupp

ThyssenKrupp-Chef Hiesinger befindet sich in zähen Verhandlungen mit Kaufinteressenten für das US-Stahlwerk in Alabama. Die Verschiebung der Bilanz schafft nur wenig Luft. Die Uhr läuft.

Die Verschiebung der Bilanzvorlage wirkt wie die letzte Galgenfrist für das Unternehmen, das in gefährliche Schieflage geraten ist. Quelle: dpa

Es sind noch anderthalb Wochen, sieben Arbeitstage bis zum 2. Dezember. Das ist der neue Termin für die Bilanzpressekonferenz des Stahlgiganten ThyssenKrupp, nachdem in der Nacht zu Mittwoch die Ad-hoc-Mitteilung über den Ticker ging, dass der Konzern seine Präsentation der Jahreszahlen für das Geschäftsjahr 2012/2013 verschieben muss. Es wirkt wie die letzte Galgenfrist für das Unternehmen, das in gefährliche Schieflage geraten ist. Gelingt es Konzernchef Hiesinger nicht, bis dahin den Verkaufsvertrag zumindest für das Walzwerk in Alabama (USA) unter Dach und Fach zu bringen, drohen dem Revierunternehmen weitere massive Abschreibungen und ein gefährliches Abschmelzen der Eigenkapitaldecke.

Die großen Krupp-Krisen
Gussstahlfabrik Fried. Krupp in Essen um 1905 Quelle: dpa
Arndt von Bohlen und Halbach, sein Vater Alfried Krupp und der Generalbevollmächtigte Berthold Beitz posieren vor der Villa Hügel in Essen Quelle: dpa
Der Schah von Persien, Retter von Krupp: Im Herbst 1976 schlitterte Krupp in eine bedrohliche Liquiditätskrise. Der Konzern litt unter gigantischen Überkapazitäten in der europäischen Stahlproduktion. Krupp-Generalbevollmächtigter Beitz fand in den märchenhaft reichen Schah von Persien einen neuen Investor, 25 Prozent von Krupp übernahm und eine Milliarde Dollar in den wankenden Konzern pumpte. Außerdem winkten Krupp Großaufträge des Kaisers aus Teheran. Es war mal wieder ein Kaiser, von dem sich Krupp abhängig machte. Im 19. Jahrhundert war dies der deutsche Herrscher Wilhelm II, der Krupp mit Kanonenaufträgen versorgte. Im Bild: Berthold Beitz Quelle: dpa
Gerhard Cromme Quelle: dpa
 Ekkehard Schulz Quelle: dapd

„Eine Kapitalerhöhung ist schon jetzt unausweichlich“, schätzt ein Frankfurter Analyst heute Morgen die Lage ein. Fragt sich nur, wie hoch. Und vor allem: Welche Rolle wird dann noch die Krupp-Stiftung spielen, die bisher Ankeraktionär bei ThyssenKrupp war und diese Rolle in jedem Fall einbüßen wird. Damit fällt ein Schutzwall um ThyssenKrupp. Angreifer, die es auf das lukrative Aufzugsgeschäft, den Anlagenbau und das Automotive-Komponentengeschäft abgesehen haben, könnten dann an die Filetstücke von ThyssenKrupp möglicherweise zum Schnäppchenpreis vordringen und den Stahl als defizitäre Hülle zurücklassen. „Dann wird der Staat einspringen müssen, um die 20 000 Stahlarbeitsplätze zumindest übergangsweise zu retten“, mutmaßt ein ThyssenKrupp-Arbeitnehmervertreter.

Mit wem verhandelt das Vorstandsduo Hiesinger und sein Finanzchef Guido Kerkhoff zur Zeit? Offizielle Mitteilungen gibt es naturgemäß darüber nicht. Aber Gerüchte sickerten gestern Nacht durch, dass es sich um ein Konsortium um ArcelorMittal und Nippon Steel handeln könnte. Das macht die Verhandlung nicht einfacher, denn mit gleich zwei selbstbewussten Partnern um die Übernahme des Walzwerks in Alabama zu feilschen, braucht noch mehr Zeit. Zumal es einen gordischen Knoten in Alabama gibt. Denn das Walzwerk bezog bisher, zuletzt in immer kleineren Mengen, seine Rohlinge aus dem Stahlwerk in Brasilien, ebenfalls eine Neuanschaffung von ThyssenKrupp, die hochdefizitär ist. Um den Verkauf des brasilianischen Schmelzwerks nach der Loslösung von Alabama sicherzustellen, müssen langfristige Lieferverträge zwischen Alabama und Brasilien bestehen bleiben. Die brasilianische Stahlhütte wiederum verfranst sich mit komplizierten Garantie-Abnahmeverträgen für brasilianische Erze, Lieferverträge, die vielen Kaufinteressenten bisher zu teuer waren.

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