Kriselnder Grafitkonzern SGL Carbon - Susanne Klatten greift durch

Großaktionärin Susanne Klatten greift jetzt durch beim kriselnden Grafitkonzern. Deren Macht spürt jetzt das SGL-Management, die Schonzeit ist vorbei. Der neue Chef soll die Wende schaffen.

Großaktionärin Susanne Klatten greift jetzt durch. Quelle: dpa

Ein halbes Jahr lang hat Susanne Klatten, seit Ende April neue Aufsichtsratsvorsitzende des Wiesbadener Grafit- und Carbonherstellers SGL, sich zurückgehalten. Während der vergangenen Monate reiste Klatten durch die SGL-Welt, besuchte etwa ein Werk in Polen, redete mit Betriebsräten und diskutierte mit Noch-Vorstandschef Robert Koehler. Hier scheint die persönliche Chemie nicht zu stimmen: Patriarch Koehler, der seit fast zwei Jahrzehnten über den MDax-Konzern herrscht, ließ seine neue Chefkontrolleurin angeblich mehrfach auflaufen.

Dabei ist Klatten nicht irgendwer. Mit einem geschätzten Vermögen von etwa elf Milliarden Euro gilt die Quandt-Erbin als reichste Frau Deutschlands. Über ihre Gesellschaft Skion hält die 51-Jährige zudem 26,87 Prozent der SGL-Anteile und ist damit die wichtigste Aktionärin.

Welche Chefs massiv unter Druck stehen
Commerzbank: Martin Blessings ewige BaustelleSeit sechs Jahren saniert Martin Blessing die teilverstaatlichte Commerzbank: Zu seinem Rezept gehört, das Institut auf Privatkunden und Mittelstand neu auszurichten, bis 2016 rund 5200 Stellen einzusparen und weniger lukrative Randbereiche und Altlasten abzustoßen. So konnte Blessing im Juli den Verkauf des britischen Immobiliengeschäfts aus dem Bestand der ehemaligen Hypothekentochter Eurohypo vermelden. Ein Fortschritt, doch die Reste der Eurohypo kleben Blessing noch immer wie ein Klotz am Bein. Unterm Strich liefert die Commerzbank keine gutes Ergebnisse ab. In der ersten Jahreshälfte ist die Aktie um fast 45 Prozent gefallen - hält diese Entwicklung an, droht der Ausstieg aus dem Dax. Die Ratingagentur Moody's geht davon aus, dass der Umbau der Commerzbank frühestens 2015 Früchte tragen wird. Auch für Blessing wird das Eis dünn. Jetzt mischt sich auch noch der Bund in die Verhandlungen über Abfindungen von zwei Commerzbank-Vorständen ein. Quelle: REUTERS
K+S: Investoren sind unzufrieden mit Norbert SteinerKein DAX-Wert lief schlechter als der von K+S. Die Aktie des Düngemittelherstellers fiel von Juli 2012 bis Juli 2013 um knapp ein Drittel. Damit sorgt K+S-Chef Norbert Steiner für Unmut bei den Investoren, unter denen manche den Aufstand proben sollen. Steiner zu stürzen, wird jedoch schwierig sein – angesichts der zersplitterten Aktionärsstruktur auf der einen Seite und dem starken Rückhalt Steiners innerhalb des Unternehmens auf der anderen. Quelle: dpa
ThyssenKrupp: Heinrich Hiesinger kämpft mit AltlastenMilliardenhohe Schmiergelder an Auftragnehmer, Kartellbildung mit Schienen-, Aufzug- und Rolltreppenherstellern, ausufernde Bürokratie, Luxusreisen für Journalisten, Fehlinvestitionen in Stahlwerke in Übersee. Die Altlasten, die ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger übernommen hat, sind gewaltig. Durch die Abschreibungen auf die Stahlwerke hat der Konzern Schulden von 5,3 Milliarden Euro angehäuft. Die Eigenkapitalquote schrumpft zusehends. Hiesinger hat das Gros der Probleme nicht verursacht, soll es nun aber richten. Eine Sisyphusaufgabe. Quelle: dpa
Daimler: Zetsche kämpft gegen die MarktlageSeit Dieter Zetsches Vertrag nur um drei, statt um fünf Jahre verlängert wurde, gilt der Daimler-Chef als angezählt. Gründe gibt es viele. Die Aktionäre sind unzufrieden, die Renditen bleiben hinter den Erwartungen zurück und ausgerechnet im Wachstumsmarkt China fährt Daimler der Konkurrenz hinterher. Der Kastenwagen Citan patzte beim Crashtest und jetzt auch noch das Gerangel mit Frankreich wegen eines nicht zulässigen Kältemittels. Für Zetsche läuft es nicht rund. Es fehlen die großen Innovationen - BMW setzt auf seine Elektro-Flitzer aus Karbon. Nissan, General Motors und Toyota verkaufen jedes Jahr Zehntausende von Elektroautos. Von Mercedes dagegen gibt es bis heute kein einziges E-Mobil. Der Daimler-Chef hat den Aktionären eine Verbesserung der Geschäftslage versprochen. Angesichts des schwachen deutschen und europäischen Markts ein mutiges Versprechen. Quelle: dpa
Karstadt: Andrew Jennings bekommt nicht die KurveDrei Jahre nach der vermeintlichen Karstadt-Rettung durch Investor Nicolas Berggruen geht es dem Warenhaus immer noch nicht besser. Der neu eingesetzte Chef Andrew Jennings konnte das Ruder nicht herumreißen, auch weil sich Berggruen bisher weigert, Geld zu investieren. Im vergangenen Geschäftsjahr 2011/12 fuhr Karstadt Verluste von knapp 250 Millionen Euro vor Steuern ein, für 2012/13 soll erneut ein Verlust anstehen. Jennings reagiert, indem er den Tarifvertrag aussetzt und 2.000 Stellen streicht. Ob das ausreicht, ist fraglich. Der Aufsichtsrat sucht bereits seit mehreren Wochen nach einem Nachfolger. Quelle: dpa
Apple: Tim Cook soll endlich liefernApple-Chef Tim Cook fehlt nicht nur die Strahlkraft des 2007 verstorbenen Unternehmensgründers Steve Jobs – sondern auch dessen Erfolge: Seit dem iPad hat das Unternehmen in drei Jahren kein grundlegend neues Produkt mehr herausgebracht, das iPhone 5 war im Herbst 2011 bloß eine Weiterentwicklung des 4S. Während Konkurrent Google an der Computer-Brille Google Glass arbeitet, setzt Apple auf eine Computer-Uhr, die "iWatch". Nach zahlreichen Neueinstellungen sollen mittlerweile 100 Tüftler an dem Produkt dran sein.  Neue Verkaufsschlager sind nötig, wenn Cook den Erfolgskurs seines Vorgängers fortsetzen will. Denn im dritten Geschäftsquartal (bis Ende Juni 2013) stagnierte der Umsatz bei etwa 35,3 Milliarden Dollar, der Gewinn schrumpfte sogar das zweite Mal in Folge. Er fiel mit 6,9 Milliarden Dollar um 22 Prozent niedriger aus als im Vorjahreszeitraum (5,3 Milliarden Euro). Quelle: REUTERS
Siemens: Peter Löscher muss gehenFür ihn heißt es bereits "game over". Vorstandschefs Peter Löscher musste seinen Chefsessel räumen. Finanzvorstand Joe Kaeser hat das Ruder übernehmen. Zu viele Probleme hatten sich angesammelt. Zweimal in Folge musste Löscher die Gewinnerwartungen senken - einmal für 2013, einmal für 2014. Auf die Bilanz drücken Vorfälle wie Verluste bei Windparks, versemmelte Zukäufe und verspätete Auslieferung der neuen ICE-Züge an die Deutsche Bahn. Quelle: dapd

Deren Macht spürt jetzt das SGL-Management, die Schonzeit ist vorbei. Klatten schrumpft den Vorstand von fünf auf drei Mitglieder. Die Vergütung der Top-Führungskräfte lässt die Aufsichtsratsvorsitzende gerade überprüfen. Ein Sparprogramm, das vor allem Arbeitsplätze in den oberen Managementetagen trifft, ist beschlossen. Und vom 1. Januar an regiert statt des Patriarchen Koehler ein neuer, von Klatten ausgesuchter Vorstandschef in der Wiesbadener Zentrale, dem früheren Palais der Sekt-Dynastie Söhnlein.

Klatten hat dafür gute Gründe: Die Lage beim Grafit- und Carbonspezialisten SGL (Umsatz 2012: 1,7 Milliarden Euro, weltweit mehr als 6.000 Mitarbeiter) ist alles andere als prickelnd. In den ersten neun Monaten dieses Jahres reduzierten sich Umsatz und Betriebsergebnis (Ebitda) in nahezu allen Geschäftsbereichen (siehe Grafik). Zweimal in diesem Jahr musste Koehler die Gewinnprognose nach unten korrigieren. Die Ratingagenturen haben SGL bereits auf „spekulativ“ heruntergestuft.

Entwicklung von Umsatz und Gewinn bei SGL (zum Vergrößern bitte anklicken)

SGLs Dilemma: Das Hauptgeschäft Grafit hängt an zurzeit kriselnden Branchen wie der Stahl- und der Solarindustrie. Gleichzeitig erfordert der zukunftsträchtige Werkstoff Carbon hohe Investitionen, bringt aber noch längst nicht so viel Ertrag wie erhofft. Das Unternehmen muss daher zunächst vor allem die Kosten drücken.

Aus Carbon, dem superleichten, kohlefaserverstärkten Kunststoff – hart wie Stahl, aber schwierig zu verarbeiten –, wird etwa die Karosserie des neuen BMW-Elektroautos i3 gebaut. Die Carbonherstellung gilt als SGL-Domäne. So hat sich Klatten neben ihrem Engagement via Skion auch über BMW SGL-Anteile gesichert (15,72 Prozent). Sie besitzt knapp 13 Prozent der Aktien des Autobauers. VW hält knapp zehn Prozent der SGL-Anteile, der Maschinenbauer Voith neun Prozent.

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