Künftiger Wehrbeauftragter Bartels "Bundeswehr-Reformen haben viel Geld verbrannt"

Als Wehrbeauftragter ist Hans-Peter Bartels bald der Kummerkasten der Soldaten. Ein Gespräch über die großen Baustellen der Bundeswehr und die Frage, warum Deutschland seine Verteidigung nicht mehr allein organisieren sollte.

Hans-Peter Bartels ist Vorsitzender des Verteidigungsausschusses des Deutschen Bundestages und künftiger Wehrbeauftragter. Quelle: dpa

WirtschaftsWoche Online: Herr Bartels, Ihr Wehrdienst liegt 35 Jahre zurück. Würden Sie als 18-Jähriger heute freiwillig bei der Bundeswehr dienen?
Hans-Peter Bartels: Mir scheint die Konstruktion des freiwilligen Wehrdienstes heute nicht ideal gelungen zu sein. Die Mehrzahl der 12.500 Stellen sind nicht fest eingeplant, sondern zusätzlich, das heißt: irgendwie über. Das bekommen die jungen Leute natürlich mit! Sie sollten aber das Gefühl haben, gebraucht zu werden. An dem Konzept wäre also noch zu feilen.

Hans-Peter Bartels

Klingt wenig enthusiastisch. Hat Ihre Skepsis nicht auch damit zu tun, dass Sie als junger Mann nicht zu einer Armee wollen würden, deren Gewehre nicht schießen, deren Helikopter nicht abheben und deren Kasernen verschimmeln?
Vielleicht doch! Auch damals war nicht alles super. Aber es stimmt schon: Die Bundeswehr kommt nach den Rüstungsdebatten in der öffentlichen Wahrnehmung zurzeit nicht gut weg. Was wir in den Medien lesen, spiegelt ja oft tatsächlich besondere Probleme, insbesondere bei den großen Modernisierungsprojekten. Vom Transportflugzeug A400M über den Hubschrauber NH 90 bis zum Schützenpanzer Puma kommt fast alles zu spät. Andererseits stimmt auch: Wir haben vieles an Ausrüstung, etwa geschützte Fahrzeuge oder Sanitätseinrichtungen, um die unsere Verbündeten uns beneiden.

Die heißen Eisen unter den Rüstungsprojekten der Bundeswehr

Der Nachholbedarf ist dennoch groß. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hat gerade selbst der Standardwaffe der Soldaten die Zukunft abgesprochen.

Und sie folgt so dem richtigen Ansatz. Frau von der Leyen hat das Problem nicht wegdelegiert, sondern wollte selbst wissen, was es mit den Berichten über mögliche Mängel des Sturmgewehrs G36 auf sich hat. Auf Grundlage des sehr eindeutigen Ergebnisses der aktuellen Überprüfung hat sie nun eine schnelle Entscheidung getroffen. Mit ihrer Linie, nichts schönzureden, fährt sie besser als ihre Vorgänger. Die haben versucht, Rüstungsthemen von sich fernzuhalten und wurden trotzdem von ihnen eingeholt. Vorneverteidigung ist besser.

Neben ihrem Vorgänger Thomas de Maizière steht Frau von der Leyen aber mittlerweile selbst in der Kritik, mögliche Probleme lang ignoriert, wenn nicht gar vertuscht zu haben.
Was in dem Fall G36 sehr offenkundig wurde, ist eine Tendenz im Apparat, unangenehme Meldungen nach oben hin angenehmer zu formulieren. Motto: 'Probleme? Gibt’s nicht.' Es gab zum Beispiel schon im Jahr 2012 einen Beschluss des Verteidigungsausschusses, der die Bundesregierung aufforderte, möglichen Mängeln nachzugehen. Einen Monat später kam die Antwort aus dem Ministerium, es gebe keine Mängel. Das steht jetzt in diametralem Gegensatz zu den Ergebnissen des abschließenden Vergleichsschießens. Warum zwischen 2012 und 2015 nichts passiert ist und der Fall im Ministerium hin und her ging muss eine Untersuchung klären. Dafür hat Frau von der Leyen Herrn Müller von der Commerzbank engagiert.

Die Debatte um das G36

Wie geht es denn jetzt mit dem G36 weiter? Heckler & Koch-Chef Andreas Heeschen hat bereits Kontakt zu Rüstungs-Staatssekretärin Katja Suder aufgenommen.
Es gibt gewiss Überlegungen in alle Richtungen. Sie reichen von Verbesserungen am G36, über die Neuanschaffung bis hin zu einem Wechsel des Herstellers. Der Verteidigungsausschuss macht aber keine Vorschläge für bestimmte Modelle und auch keine Vorschläge für einen Hersteller. Fest steht nur: Nachdem der Mangel hochoffiziell erkannt ist, kann man es nicht beim derzeitigen Stand belassen.

Kommt Heckler & Koch nach dem Wirbel der vergangen Wochen überhaupt noch als Partner für die Armee in Frage?
Ja. Ich glaube nicht, dass das Verteidigungsministerium da alle Brücken abbricht. Und auch Heckler & Koch wird weiter an einer Zusammenarbeit interessiert sein.

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