Kupferproduzent Aurubis „Die völlige Umstellung auf Wasserstoff ist mittelfristig möglich“

Der studierte Diplom-Maschinenbau-Ingenieur Roland Harings ist seit 2019 Vorstandsvorsitzender der Aurubis AG. Quelle: Aurubis

Roland Harings, Chef von Europas größtem Kupferproduzenten Aurubis, hat einen Notfallplan ausgearbeitet, sollte Gas gekappt werden. Was Wasserstoff damit zu tun hat – und wie er mit steigenden Metallpreisen kalkuliert.

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WirtschaftsWoche: Herr Harings, Wirtschaftsminister Robert Habeck hat die Frühwarnstufe im Notfallplan Gas der Bundesregierung ausgerufen. Jetzt wird eine Abschaltreihenfolge erarbeitet. Wie stellen Sie sich darauf ein?
Roland Harings: Wir haben konzernweite Notfallpläne, die der aktuellen Situation gemäß laufend überprüft und gegebenenfalls angepasst werden, und seit dem Kriegsausbruch tagt regelmäßig unser konzernweiter Experten-Krisenstab.

Bisher haben Sie keine Versorgungsprobleme beim Erdgas?
Nein. Gleichwohl ist nicht absehbar, wie sich die Lage entwickelt. Für Aurubis bestehen bisher zwar keine Versorgungsengpässe, weil zum einen derzeit die Lieferungen stabil sind und zum anderen an unseren großen europäischen Standorten außerhalb Deutschlands sehr wenig russisches Gas eingesetzt wird. Falls jedoch die Bundesregierung nach Aktivierung der Frühwarnstufe die höchste Notfallstufe ausrufen sollte, würde die Belieferung mit Gas in vielen Industrien wahrscheinlich reduziert oder eingestellt werden – was natürlich auch Auswirkungen auf die Energieversorgung unserer Werke haben würde.

Haben Sie Sorge, dass Ihre Gasversorgung gekappt wird?
Wir gehen davon aus, dass die Schlüsselindustrie weiter mit Gas versorgt wird, insbesondere diejenige Grundstoffindustrie, die am Anfang der Wertschöpfungskette steht und für gesellschaftlich höchst notwendige Bereiche wie zum Beispiel die Energie- und Medizintechnik benötigt wird. Ein Windrad benötigt allein 30 Tonnen Kupfer. Ohne die Kupferindustrie also keine Dekarbonisierung.

Und was bedeutet die absehbare Krise bei der Versorgung mit Rohstoffen für Sie als „Multi-Metall-Anbieter“? Wie sehr trifft Sie die Nickel-Knappheit?
Wir produzieren Metalle, darunter auch Nickel, aus Konzentraten und Recyclingmaterial; die Nickelknappheit betrifft uns insofern, als dass der Handel mit Nickel Mitte März durch die Verknappung und die damit verbundenen Preissteigerungen vom Handel kurzzeitig ausgesetzt wurde. Das Angebot an Einsatzmaterialien – Konzentraten wie auch Recyclingmaterial, also Schrotten –  ist derzeit jedoch sehr gut und wir können uns ausreichend versorgen, um daraus Metalle höchster Reinheit zu produzieren und unseren Beitrag zur Kreislaufwirtschaft in Europa zu leisten.

Es heißt jetzt überall: Bloß weg vom Gas! Sie haben in Ihrem Hamburger Werk schon im vergangenen Jahr getestet, ob sich die Kupferschmelze im Anodenofen auch mit Wasserstoff statt mit Erdgas bearbeiten lässt. Was ist Ihre Erkenntnis aus der Testreihe: Können Sie Erdgas mit Wasserstoff ersetzen?
Das positive Ergebnis der durchgeführten Testreihe in unserem Hamburger Werk ist, dass der Einsatz von Wasserstoff in der industriellen Produktion funktioniert, und zwar ohne Qualitätsverluste. Allerdings müssten die Öfen vergrößert werden.

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Bis wann ist das möglich?
Der sofortige Umbau der Anlagen und der Einsatz ist bis auf weiteres nicht möglich, da Wasserstoff noch nicht zu wettbewerbsfähigen Preisen zur Verfügung steht. Dafür brauchen wir aber nicht nur eine Förderung der Investitionskosten, sondern auch der operativen, der Betriebskosten (OPEX) – etwa durch Carbon Contracts for Difference: also Förderung und Investitionssicherheit für die klimafreundliche Umstellung in der Industrie, damit ein wirtschaftlicher Betrieb überhaupt möglich wird.

Sie erwarten also Hilfe von der Bundesregierung für die Zeit des Übergangs von Erdgas auf Wasserstoff?
Anders als mit einer Absicherung durch die genannten Carbon Contracts for Difference funktioniert es in meinen Augen gar nicht.

Wie kann so ein Differenzvertrag genau aussehen?
Die genaue Ausgestaltung des Modells liegt noch beim Wirtschaftsministerium, und wir erhalten hier sehr unterschiedliche Signale. Uns ist dabei natürlich besonders wichtig, dass die Rolle der Kupferindustrie, der Multimetallverarbeiter – als Schlüsselindustrie für die Rohstoffsicherung in Deutschland – ausreichend berücksichtigt wird.

Ab wann wäre eine Umstellung der Produktion in Anodenöfen, etwa in Ihrem Hamburger Werk, auf Wasserstoff dann möglich?
Eine völlige Umstellung kann nicht kurzfristig, wohl aber mittelfristig – in den Jahren 2026 und 2027 – geschehen, wie gesagt: Wirtschaftlichkeit des Wasserstoffs vorausgesetzt. Da unsere Anlagen rund um die Uhr laufen, bietet sich nur ein großer Wartungsstillstand, der in regelmäßigem Turnus erfolgt, für eine solche Umstellung an.

Würden Sie auch ohne einen solchen Differenzvertrag die Investition tätigen und die Umstellung vorantreiben?
Ja – um unsere selbst gesetzten Nachhaltigkeitsziele zu erfüllen, sind diese Investitionen nun mal erforderlich, könnten aber durch Differenzverträge wahrscheinlich beschleunigt werden. Allerdings erfahren wir durch den bitteren Krieg in der Ukraine derzeit andere Rahmenbedingungen, die zuallererst einer politischen Unterstützung bedürfen, das ist klar und richtig.

Die Wirtschaftlichkeit der Wasserstoffversorgung ist für Sie zentral. Sie haben in Abu Dhabi mit anderen deutschen Firmen gemeinsam mit der Abu Dhabi National Oil Company (ADNOC) eine Absichtserklärung unterzeichnet. Abu Dhabi soll testweise blauen Ammoniak liefern. Warum bestehen Sie nicht auf grünem Wasserstoff?
Wir wollen bis deutlich vor 2050 klimaneutral produzieren und testen daher neben Wasserstoff auch weitere Möglichkeiten zur Reduzierung von CO2 in der Kupferproduktion. Es ist wichtig, zu starten, und „blau“ bedeutet ja bereits eine deutliche Reduzierung von CO2-Emmissionen. Das muss unser Etappenziel sein.

Das ist ein sehr pragmatischer Ansatz.
Grundsätzlich wird Europa zukünftig nicht ohne Importe von Energie, idealerweise grünem Wasserstoff, auskommen. Abu Dhabi wird grünen Ammoniak und Wasserstoff liefern, aktuell ist dies noch nicht möglich. Uns geht es auch jetzt darum, die technische Machbarkeit zu testen und in die Produktion bringen. Übrigens ist Ammoniak im Vergleich zu Wasserstoff einfacher zu transportieren und auch lagerfähiger als Wasserstoff.

Wann ist eine ausreichende Versorgung mit Wasserstoff, grün oder blau, realistisch erwartbar?
Ausreichend vermutlich nicht mehr in diesem Jahrzehnt. Das hängt aber nicht allein von technischer Machbarkeit, sondern auch von politischen und Infrastruktur-Rahmenbedingungen ab, die heute noch nicht abschließend geklärt sind. Die Stadt Hamburg will beispielsweise, auch durch Umnutzung bestehender Gasleitungen, ein Wasserstoff-Industrienetz mit zunächst 60 Kilometern Länge bis 2030 – in der ersten Stufe – errichten, das insbesondere energieintensive Industrie wie Aurubis südlich der Elbe mit grünem Wasserstoff versorgen kann. Das begrüßen wir natürlich.

Wie wirken sich die Gaskrise, absehbare Knappheit und hohe Preise auf Ihr Vorhaben aus, Erdgas mit Wasserstoff zu ersetzen?
Es steigen ja Kosten für ganz unterschiedliche, eigentlich alle, Energieträger. Die Wasserstoffkosten basieren auf dem Strompreis, und der ist durch Gasknappheit ebenfalls gestiegen. Fest steht, dass wir den Ersatz fossiler Energie, unter anderem auch durch Wasserstoff, bei Aurubis weiter vorantreiben werden; dies stand jedoch auch schon vor dem Krieg und vor steigenden Energiekosten bei uns im Fokus.

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Sie haben 2020/21 ein Rekordjahr verbucht. Sind Sie bisher Krisengewinner?
Nein, denn diese Krise fordert auch bei Aurubis ein aktives Krisenmanagement. Die Auswirkungen spüren wir in Form von erheblich gestiegenen Energiekosten. Und unsere globalen Logistikketten müssen wir sehr eng beobachten – wir sehen und erwarten weiter hohe Transport- und Logistikkosten. Gleichzeitig profitiert Aurubis von den steigenden Metallpreisen, die Nachfrage insbesondere nach unseren Kupferprodukten ist außerordentlich hoch.

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