Lafarge und Holcim Fusion von Zement-Giganten alarmiert Behörden

Der geplante Zusammenschluss der Marktführer Lafarge und Holcim zum weltgrößten Zementkonzern könnte die Preise für den Baustoff nach oben treiben. Die Behörden sind alarmiert.

Zement Quelle: dpa

Die vier haben sich einen Namen auf ganz eigene Weise gemacht. Thomas Schmidheiny etwa stand in der Schweiz als Verwaltungsrat des Rohstoffkonzerns Xtrata in der Kritik, dessen Tochterfirma Vantech in Südafrika schwer gegen Gesundheits- und Sicherheitsvorschriften verstoßen haben soll. In Spanien musste der steinreiche Eidgenosse 1,5 Millionen Euro Buße wegen eines illegalen Börsengeschäftes zahlen.

Noch nicht ganz so unschön beleumundet ist Nassef Sawiris, der jüngste von drei Brüdern des gleichnamigen ägyptischen Unternehmerclans. Dem koptischen Christen gehört mit OCI der größte Baukonzern seines Landes, daneben fiel er nur durch aggressive Aktienkäufe auf.

Umso zweifelhafter ist dafür der Ruf der anderen beiden Herren im Bunde, Albert Frère und Filaret Galtschew. Frère, reichster Mann Belgiens, trickste die Regierung seines Landes aus, indem er ihr in den Siebzigerjahren seine Stahlunternehmen in der heraufziehenden Branchenkrise andrehte. In Deutschland stürzte er den Medienriesen Bertelsmann tief in die Schulden, indem er so lange mit einem Börsengang drohte, bis die Eigentümerfamilie Mohn ihm 2006 für 4,5 Milliarden Euro seinen Anteil wieder abkaufte.

Die wichtigsten Zementhersteller der Welt
In der Zementindustrie bahnt sich eine denkwürdige Fusion an: Die beiden Hersteller Lafarge und Holcim wollen sich zusammenschließen. Es soll eine Partnerschaft unter gleichen werden. Schon jetzt zählen die beiden Unternehmen zu den größten in der Zementindustrie: Nach Angaben von Statista haben sie im vergangenen Jahr den meisten Umsatz erzielt. Handelsblatt Online listet die Kennzahlen der beiden Firmen und die wichtigsten Konkurrenten des künftigen Großkonzerns nach Umsatz auf. Quelle: dpa/Picture Alliance
HolcimUmsatz 2013: 16,1 Milliarden EuroDer Schweizer Zementhersteller existiert bereits seit 1912. Heutzutage hat Holcim sein Geschäft in mehr als 70 Länder ausgeweitet. Als Kernbereiche gelten die Geschäfte mit Zement, Kies und Beton. Gemessen am Umsatz, ist Holcim derzeit der größte Zementproduzent der Welt. Die geplante Fusion sichert diesen Status weiter ab. Quelle: REUTERS
Lafarge GroupUmsatz 2013: 15,2 Milliarden EuroDie französische Lafarge Gruppe erzielte im vergangenen Jahr nur etwas weniger Umsatz als ihr künftiger Partner. Das Unternehmen bezeichnet sich auf seiner Webseite als die Nummer eins im Zementgeschäft. Mehr als zwei Drittel des Portfolios der Gruppe bestehen demnach aus dem Handel mit dem Baustoff. Lafarge ist nach eigenen Angaben in 64 Ländern unterwegs. Die Fusion mit dem bisherigen Konkurrenten aus der Schweiz hat auch Auswirkungen auf den Namen: Künftig firmieren die beiden Branchenführer unter dem Namen LafargeHolcim. Quelle: dpa
Heidelberg CementUmsatz 2013: 13,9 Milliarden EuroDie Konkurrenz kann bei diesen Zahlen kaum mithalten. Der noch gefährlichste Rivale der beiden Konzerne kommt aus Heidelberg. Der Dax-Konzern mischt seit der Übernahme von Hanson 2007 im oberen Segment der Zementhersteller mit. Heidelberg Cement ist in 40 Ländern aktiv, in vielen davon nach eigener Aussage auch Marktführer. Das könnte sich mit der Fusion seiner ärgsten Konkurrenten ändern. Quelle: AP
CemexUmsatz 2013: 11,1 Milliarden EuroDie Mexikaner produzieren bereits seit 1906 Zement und haben inzwischen mehr als 50 Produktionsstätten auf der ganzen Welt. Am meisten Zement verkauft Cemex in Mexiko, rund ein Drittel seiner Geschäfte macht der Konzern dort. Wichtig ist auch das US-Geschäft, das etwa ein Viertel des Umsatzes ausmacht. Der mexikanische Konzern wollte eigentlich Beteiligungen mit Holcim tauschen. Während Cemex die Holcim-Tochter Csesko kaufen wollte, wollte der Schweizer Konzern die Geschäftsteile der Mexikaner in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden übernehmen. Ob das Geschäft durch die anstehende Fusion gefährdet ist, ist bisher nicht bekannt. Allerdings hatten die Wettbewerbshüter ohnehin schon Bedenken angemeldet. Quelle: dpa
Anhui Conch CementUmsatz 2013: 6,6 Milliarden EuroMit deutlichem Abstand im Ranking der wichtigsten Zementhändler der Welt folgt Anhui Conch Cement. Das chinesische Unternehmen existiert zwar erst seit 1997, hat sich in dieser Zeit aber schnell einen Namen gemacht. Experten gehen davon aus, dass die Fusion von Lafarge und Holcim auch als Schutz vor der aufstrebenden Konkurrenz aus China dienen soll. Quelle: dpa
ItalcementiUmsatz 2013: 4,2 Milliarden EuroDer italienische Konzern selbst bezeichnet sich als fünftgrößten Zementhersteller weltweit. Gerankt nach dem Umsatzzahlen von Statista, kommt er aber lediglich auf den sechsten Rang. Italcementi betreibt sein Geschäft in 22 Ländern auf vier Kontinenten. Der sei 1864 agierende Konzern ist bis heute im Besitz der Familie Pesenti. Derzeit führt Carlo Pesenti (Bild) die Geschicke des Unternehmens. Von der Bekanntgabe der Fusion seiner beiden Konkurrenten konnte Italcementi übrigens profitieren: Die Aktien stiegen, weil Händler mit Preiserhöhungen in der Branche rechnen. LafargeHolcim muss zudem eventuell einige Geschäftsteile aufgeben, um die Zusammenarbeit von den Kartellbehörden genehmigt zu bekommen. Quelle: imago

80 Prozent

Die bemerkenswerteste Berühmtheit aber erlangte Galtschew. Der gebürtige Georgier ist der erste Industrielle in Russland, dem die dortigen Kartellbehörden die Zerschlagung seines Konzerns androhten. Der Oligarch war in der russischen Kohleindustrie reich geworden und hatte 2002 das Unternehmen Eurocement gegründet, das schnell zum größten Zementhersteller Russlands avancierte. 2005 mussten die Wettbewerbsbehörden einschreiten, weil Galtschew die Preise anhoben hatte – um sagenhafte 80 Prozent.

So herausragende Persönlichkeiten des Wirtschaftsgeschehens wollen sich nun zusammentun, um noch etwas viel Gewaltigeres zu schaffen: den weltgrößten Zementkonzern, der nach dem Zusammenschluss des Weltmarktführers Holcim (Schweiz) und des zweitgrößten Players Lafarge (Frankreich) entsteht. Je zwei der illustren Herren sind Großaktionäre dieser Unternehmen. Das alles geschieht ausgerechnet in einer Branche, die ohnehin von Kartellen und Preisabsprachen geprägt ist.

Zwar jubelten die Investoren und jagten den Aktienkurs von Holcim und Lafarge bei Bekanntgabe der Pläne Anfang der Woche in die Höhe. Weniger freuen können sich jedoch die Abnehmer von Zement. Was ihnen droht, kündigte sich indirekt dadurch an, dass auch die Aktie des deutschen Konkurrenten HeidelbergCement zulegte. Gewöhnlich lassen Großfusionen die Aktien der nicht beteiligten Wettbewerber eher sinken.

Kursentwicklung von Holcim und Lafarge sowie des Konkurrenten HeidelbergCement

Steigende Zementpreise

Für Experten ist die Botschaft des Kurssprungs von HeidelbergCement klar. Das deute darauf hin, „dass die Anleger steigende Zementpreise erwarten“, sagt Justus Haucap, bis 2012 Chef der Monopolkommission in Deutschland. Auf „schlimmstenfalls 25 Prozent“ Preissteigerungen müssten sich Bauträger und die öffentliche Hand einstellen. Auch große Teile der Bauindustrie sind deswegen alarmiert. „Wie die ausgeprägt positive Kursentwicklung der Holcim- und Lafarge-Aktien und anderer Zementproduzenten nach der Ankündigung der Fusion zeigt“, meint ein Top-Baumanager, „erwarten die Märkte allgemein Preiserhöhungen.“

Kein Wunder, denn durch die Megafusion schließen sich die Marktführer zu einem kaum anfechtbaren Giganten zusammen. Holcim mit Sitz in der Schweiz ist mit 71.000 Beschäftigen und rund 16 Milliarden Euro Umsatz Weltmarktführer. Die Nummer zwei, Lafarge aus Frankreich, beschäftigt 65.000 Leute, die 2013 über 15 Milliarden Euro Umsatz machten. Zusammen kommen die beiden Giganten in vielen Ländern auf Marktanteile von über 50 Prozent und weit mehr. „Die Konsolidierung am Zementmarkt könnte die Preismacht der Hersteller steigern, besonders in Westeuropa“, erwarten die Aktienanalysten der Hamburger Berenberg Bank.

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