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Landmaschinenhersteller Claas kämpft in Russland ums Korn

Der größte deutsche Landmaschinenhersteller Claas befürchtet Einbußen im Russland-Geschäft. Der Grund: zunehmender Protektionismus.

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Claas Russland

Tief in Russlands fruchtbarem Süden gedeiht das Brot für die Welt. Dort bebauen Mega-Landwirtschaftsbetriebe Flächen, deren Ausmaße sogar vom Flugzeug aus zu erkennen sind. Die Agroholding Kuban in Ust-Labinsk, die zum Imperium des hier aufgewachsenen Oligarchen Oleg Deripaska zählt, ist nicht die größte im Schwarzmeer-Gebiet – mit einer Fläche von 60.000 Hektar aber 1000 Mal so groß wie ein deutscher Getreidehof, der im Schnitt 56 Hektar bewirtschaftet.

Der deutsche Landmaschinenprimus Claas ist froh, Großkunden wie Kuban zu haben: Wenn in diesen Tagen die Ernte beginnt, stammt mehr als ein Drittel der bis zu 70 eingesetzten Mähdrescher von dem Familienbetrieb aus Harsewinkel bei Bielefeld. Mehr als eine halbe Million Euro kostet jede der 400-PS-Sensen. Solche Geräte steuern den Gutteil des Claas-Umsatzes von 3,8 Milliarden Euro bei und sichern 9000 Jobs, obwohl die Landwirtschaft in Europa immer mehr an Bedeutung verliert. Russland soll die Zukunft für Claas sein – es sei denn, der russische Staat greift ein. Das ist die größte Sorge von Ralf Bendisch, Russland-Chef von Claas mit Sitz in Krasnodar, zwei Flugstunden südlich von Moskau gelegen.

Auslandsanteil an Umsatz und Beschäftigten ausgewählter Dax-Konzerne

Die Spannungen zwischen Europa und Russland um die Ukraine sorgen bei hohen Regierungsbeamten in Moskau für protektionistische Reflexe. So erhalten Landwirte in Russland beim Kauf russischer Landmaschinen vom Staat einen Zuschuss von bis zu 15 Prozent des Kaufpreises. Davon profitiert vor allem Platzhirsch Rostselmasch mit Sitz im weiter westlich gelegenen Rostow am Don. Hinter den Kulissen kämpfen Lobbyisten russischer Unternehmen mit allen Mitteln dafür, dass technisch führende Hersteller wie Claas trotz Vor-Ort-Produktion nicht als russische Hersteller anerkannt werden – und nur Produkte einst sowjetischer Betriebe gefördert werden.

Unter den Anbietern in Russland habe sich kein gesunder Wettbewerb kultiviert, klagt Claas-Manager Bendisch, der trotz der politisch vertrackten Lage in Russland eine zweite Fabrik mitsamt Karosseriebau und Lackiererei errichten lässt. „Wir haben uns als russischer Hersteller integriert und wollen mit einer bald noch größeren Fertigungstiefe lokal den Durchbruch schaffen.“ Vom Staat erwarte man aber, dass das Engagement anerkannt werde.

Das ist offenbar nicht der Fall, wenn es um Zuschüsse für die Landwirtschaft geht: Russisch ist nach Lesart der Ministerialbeamten nicht, was im Land produziert wird, sondern was einen Karosserierahmen hat. Die westlichen Hersteller verzichten seit Jahren auf solche Rahmen, um Gewicht zu sparen. Ihre Maschinen werden von sämtlichen Bauteilen von der Achse bis zur Scheibe gemeinsam stabil gehalten.

So erklärt Bendisch das den Fachleuten im Ministerium. Trotzdem drängt sich ihm der Eindruck auf, dass die Definition von „russisch“ dem Schutz lokaler Wettbewerber diene – und das bringt ihn auf die Palme: „Wir fragen uns, was der Staat noch von uns verlangt, damit wir gleichberechtigt als russischer Hersteller behandelt werden?“, zürnt der Claas-Manager.

Stattdessen besucht entweder Präsident Wladimir Putin oder Regierungschef Dmitri Medwedew einmal im Jahr die Fertigung des Wettbewerbers. Dessen Manager tönen vollmundig, dass sie technologisch „mindestens so gut wie ausländische Unternehmen“ seien. Der Nationalismus, der das Land seit der Krim-Annexion erfasst hat, bereitet manch einem Unternehmer Sorgen. Bendisch betrübt zudem, dass die deutsche wie russische Politik als Schiedsrichter bei Streitigkeiten ausfällt: „Die Ukraine-Krise beschäftigt sie so sehr, dass für die Probleme einzelner Investoren wenig Zeit ist.“

Trotz aller Sorgen gibt Claas in Russland Vollgas: Die Werkserweiterung ist über die Rohbau-phase hinaus, im Frühjahr steht die Eröffnung an. Dann wird sich die Kapazität von 1000 Maschinen pro Jahr auf 2500 erhöhen. Claas steckt 115 Millionen Euro in den Bau, das ist die größte Einzelinvestition jenseits der Heimat.

Künftig will Claas in Russland nicht nur montieren, sondern in einer Vollfertigung samt Karosseriebau und Lackiererei die lokale Wertschöpfung auf mehr als 50 Prozent steigern. Lokale Produktion soll Importe ersetzen, die mit russischen Anti-Dumping-Gesetzen reguliert sind: In diesem Jahr darf Claas nur zwölf Maschinen einführen. Die Deutschen kommen den Behörden entgegen: Wenn sie voll produzieren, statt importierte Bauteile montieren zu lassen, kann ihnen das Attribut „made in Russia“ kaum verweigert werden – oder?

Mieses Investitionsklima

Es ist ein Vabanquespiel: Mit der teuren Werkserweiterung schafft Claas Fakten, bevor Klarheit über die Wirtschaftlichkeit besteht: Was, wenn aller Logik zum Trotz doch nur Rostselmasch Subventionen bekommt? Kein Wunder, dass keine Bank direkt an der Finanzierung des Werksausbaus beteiligt ist. Claas finanziert ihn komplett aus Eigenkapital oder über Anleihen.

Die Russland-Krise schlägt ohnehin auf die Geschäfte durch. Im ersten Quartal 2014 brach der Rubel-Kurs gegenüber dem Euro um mehr als ein Fünftel ein. Da in Claas-Landmaschinen derzeit zu 75 bis 80 Prozent europäische Komponenten verbaut werden, stiegen die Geräte dadurch im Preis – aber auch die der russischen Hersteller, die mangels heimischer Zulieferer ebenfalls im Westen einkaufen.

Landmaschinenbauer Rostselmasch

Bei Claas traf dies vor allem den Absatz von Traktoren, die die Landwirte im Frühjahr und Herbst bestellen. Finanzchef Michael Ritter musste Kunden entgegenkommen, indem er Verträge zu fixierten Rubel-Kursen abschloss. „Viele sahen den Rubel weiter schwächeln“, sagt Ritter, also stellten sie Investitionen in neue Technik zurück.

Bis heute steht der Hof voll bei Claas am westlichen Stadtrand von Krasnodar. Vor allem Traktoren und Mähdrescher parken neben der Fabrik, Hunderte sind es mittlerweile. Die Traktoren will Ritter im Herbst vom Hof kriegen. Bei Mähdreschern sei ein hoher Bestand Anfang Juni normal: Russische Kunden ließen sie „kurz vor knapp“ ausliefern, um so die hohen Zinskosten von 15 bis 16 Prozent pro Jahr zu sparen.

Inzwischen hat Claas halbwegs die Kurve gekriegt: Ende Mai, als die Bestellungen für Mähdrescher eingingen, stieg der Rubel-Kurs wieder, als Putin auf dem Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg eine Deeskalation in der Ukraine-Krise versprach. Sofern der Kurs stabil bleibt, hofft Claas auf ein besseres Geschäft im Herbst: „Wir haben zwar eine ordentliche Auftragslage, liegen aber unter dem Niveau, das wir uns noch 2013 vorgestellt hatten“, sagt Ritter.

Dieses Jahr verlassen nur knapp 800 Geräte das Claas-Werk Krasnodar. Die schieben Arbeiter per Hand auf ihren Aufbauten von einer Station zur nächsten. Sie nähern sich den Dresch-Giganten über drei Meter hohe Treppen. „Ein Mähdrescher ist eine richtige Fabrik, die drischt und siebt und häckselt“, schwärmt Ingenieur Bendisch. Jede Maschine ist heute vollgepackt mit Sensoren, die etwa Menge oder Konsistenz des Getreides messen, um den Ernteprozess effizienter zu machen.

Die Russland-Nachfrage allein wird die künftige Kapazität von Claas in Krasnodar vorerst nicht auslasten. Die Branche erwartet 2014 für Russland einen Gesamtabsatz von 5500 Mähdreschern, Traktoren und anderen Landmaschinen – im Vorjahr waren es 6000, im Rekordjahr 2008 gar 17.000. Der Agrarsektor schiebt einen gigantischen Modernisierungsbedarf vor sich her, der wegen teurer Kredite und des miesen Investitionsklimas nicht umgesetzt wird.

Industrie



Auf lange Sicht hoffen die Ostwestfalen auf die russische Agrarwirtschaft, wo große Felder profitabel zu bewirtschaften sind. Die Deutschen haben sich hier einen guten Ruf erarbeitet. Waleri Masergewitsch, Technikchef der Agroholding Kuban, setzt seit elf Jahren Claas-Mähdrescher ein. Jeder frisst pro Saison 1200 Hektar Getreide und wandert von den Schwarzmeer-Feldern nach Norden, wo Gerste und Weizen später reifen. Den Sommer über kommt jede Maschine auf 600 Motorstunden, einen Totalausfall gab es noch nie.

Seit einigen Tagen aber steht ein Mähdrescher von Rostselmasch auf dem Hof. „Vor zehn Jahren waren die technologisch keine Alternative, inzwischen holen sie auf“, sagt Techniker Masergewitsch. Darum hat er sich eine Maschine zum Testen kommen lassen. „Unsere Investitionsentscheidungen hängen von vielen Faktoren ab“, sagt er, „der deutlich günstigere Anschaffungspreis ist einer davon.“ Wie lange er noch bevorzugt deutsche Drescher kaufe? Keine Antwort. Den Kampf ums Korn hat Claas in Russland noch nicht gewonnen.

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