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Landwirtschaft Digital gegen den Hunger in der Welt

Exklusiv

Die Wachstumsraten in der Landwirtschaft werden weiter sinken. Die Zukunft liegt in digitalen Lösungen für die Bauern – mithilfe der Digitalisierung könnten zusätzlich eine Milliarde Menschen mit Nahrung versorgt werden.

Mähdrescher auf einem Weizenfeld in Niedersachsen. Quelle: dpa

Schlechte Nachrichten für Bayer, Monsanto & Co.: Die Wachstumsraten in der Landwirtschaft werden weiter sinken. Die Zukunft liegt in digitalen Lösungen für die Bauern, schreibt die Beratung A.T. Kearney in einer Studie, die der WirtschaftsWoche exklusiv vorliegt. Dadurch könnten die weltweiten Ernteerträge um zwanzig bis dreißig Prozent steigen – und zusätzlich im kommenden Jahrzehnt eine Milliarde Menschen mit lebensnotwendiger Nahrung versorgen.

Die schönen Zeiten für die Hersteller von Saatgut, Dünge- und Pflanzenschutzmitteln sind vorbei und werden so schnell nicht wiederkommen. Nach den Zahlen der OECD, einer Vereinigung führender Industrieländer und der FAO, der Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen, werden die Wachstumsraten in der Landwirtschaft und die Preise für Getreide, Weizen oder Fleisch bis 2025 fallen oder bestenfalls stagnieren.

Dafür gibt es mehrere Gründe: Weil viele Einwohner der Industrieländer sich zunehmend vegetarisch ernähren, müssen weniger Rinder und Schweine zur Fleischproduktion gefüttert werden. Die Nachfrage nach Biokraftstoffen für den Tank, etwa Raps, flaut schon wieder ab. Zunehmend bilden sich Initiativen gegen die Lebensmittelverschwendung – jede Tonne weniger Lebensmittelabfall übersetzt sich in eine geringere Produktionsmenge.

Mehr und mehr reagiert die Bevölkerung in den Industrieländern auch kritisch auf intensive Landwirtschaft, Gentechnik auf dem Feld und umstrittene Pflanzenschutzmittel wie Glyphosat; Regierung verstärken den regulatorischen Druck. Nahrungsmittelhersteller wie Hipp, Unilever oder Mondelez achten beim Einkauf ihrer Rohstoffe bereits darauf, dass gar keine oder nur wenige Pestizide zum Einsatz kommen.

„Auf rückläufige Wachstumsraten und sinkende Rohstoffpreise in der Agrarindustrie reagieren die Unternehmen mit Kostensenkungen sowie Fusionen und Übernahmen“, sagt Carsten Gerhardt, Partner bei A.T. Kearney. Tatsächlich hat es in jüngster Zeit etliche Fusionen und Übernahmen gegeben: So schließen sich die US-Konzerne DuPont und Dow Chemical zusammen, um unter anderem einen führenden Agrarkonzern zu formen. Der chinesische Staatskonzern Chemchina greift nach dem Schweizer Agrarkonzern Syngenta. Und schließlich will Bayer für 66 Milliarden Dollar das umstrittene US-Unternehmen Monsanto übernehmen.

Nicht alle Betriebe haben die finanziellen Mittel

Die Branche konsolidiert sich gerade in atemberaubenden Tempo – das Agrar-Oligopol rückt künftig noch stärker zusammen. Doch A.T. Kearney-Berater Gerhardt ist skeptisch, dass die Konzerne damit Erfolg haben werden: „Ob sich die erhofften Synergien tatsächlich erzielen lassen, ist fraglich.“

So wollen etwa Bayer und Monsanto ihre Stärken Pflanzenschutz (Bayer) und Saatgut (Monsanto) miteinander kombinieren. Ohne darauf konkret Bezug zu nehmen, schreiben die A.T. Kearney-Berater, dass Saatgut und Pflanzenschutz zwei unterschiedliche Geschäfte sind; der Aufbau einer gemeinsamen Vertriebsorganisation dürfte eine herausfordernde Angelegenheit werden und funktioniere nur bei bestimmten Kundensegmenten. Dazu dürften etwa Großbauern zählen, die den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und Saatgut aufeinander abstimmen.

Der Saatgutkonzern Monsanto

Natürlich haben die Berater von A.T. Kearney für die Unternehmen in dieser schwierigen Situation auch eine Lösung parat: Digital Farming. Durch den Einsatz von Drohnen zur Überwachung von Feldern, durch Satelliten- und Robotertechnik könnten die Landwirte ihre Erträge deutlich steigern und im besten Fall weltweit zusätzlich Nahrung für eine Milliarde Menschen liefern, so Studien-Coautor Benjamin Subei.

Die großen Agrarkonzerne arbeiten allesamt bereits an Systemen zur Datenerfassung, die den Landwirten konkrete Empfehlungen zu Aussaat, Düngung und Ernte geben. Was die Studie allerdings kaum thematisiert: Vielen Bauern, die unter sinkenden Einkommen leiden, dürfte schlichtweg das Geld für solche Systeme fehlen.

Beim Digital Farming haben allerdings noch nicht die Konzerne die Nase vorn. „Digital Farming konzentriert sich derzeit auf Start-ups“, sagt Subei. Künftig dürfte der Wettbewerb zunehmen „Wir gehen davon aus, dass die Großen der Branche sich jetzt als First Mover platzieren werden, dicht gefolgt von Start-ups, die das Zeug haben, die Möglichkeiten der Digitalisierung clever für sich zu nutzen und praktikable Lösungen auf den Markt zu bringen“, sagt Berater Gerhardt. „Bei der Digitalisierung kommt es auf Schnelligkeit und Größe an. Wer hier den ersten Schritt macht, bestellt das Feld und wird die Ernte einfahren.“

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