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Linde besiegelt Praxair-Fusion Wolfgang Reitzle ist am Ziel

Die Mega-Fusion des Münchner Gasekonzerns mit dem US-Konkurrenten Praxair wird wohl kommen. Doch zunächst stehen beide Unternehmen vor großen Aufgaben. Vor allem muss das Management verlorenes Vertrauen zurückgewinnen.

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Linde-Chefkontrolleur Wolfgang Reitzle Quelle: dpa

Nach zähem Ringen hat der Linde-Aufsichtsrat am Donnerstagabend dem Zusammenschluss mit dem amerikanischen Industriegasekonzern Praxair zugestimmt. Von den Arbeitnehmervertretern im Kontrollgremium hatte es über Wochen massiven Widerstand gegen die Fusion gegeben.

Synergien im Umfang von jährlich gut einer Milliarde Euro bringe der Merger, haben die Strategen bei Linde und Praxair ausgerechnet. Und in der Tat: Auf den ersten Blick ergänzen sich Linde und Praxair perfekt. Die Münchner sind stark in Europa und Fernost, Praxair dominiert auf den amerikanischen Märkten. Der fusionierte Konzern, die neue Nummer Eins unter den Herstellern von Industriegasen, dürfte eine enorme Marktmacht entfalten – mit der Gefahr großer Abhängigkeit der Kunden von dem neuen Giganten.

Darum werden sich die Kartellbehörden den Deal nun genau ansehen. Da steht jetzt viel Kleinarbeit auf dem Programm. Als sicher gilt, dass Linde beträchtliche Teile seiner US-Aktivitäten wird verkaufen müssen. Die Rede ist von Umsatzanteilen in Milliardenhöhe. Die Münchner haben in den vergangenen Jahren ihr Engagement vor allem am Golf von Mexiko kräftig ausgebaut, haben Luftzerlegungsanlagen gebaut und den Vertrieb erweitert. Der französische Rivale Air Liquide dürfte an der einen oder anderen Stelle beherzt zugreifen.

Die Historie der Linde Group

Linde-Chef Aldo Belloni, im Dezember überstürzt von Chefkontrolleur Reitzle aus dem Ruhestand geholt, nachdem Vorstandschef Wolfgang Büchele seinen Hut genommen hatte, begründete die angestrebte Fusion stets mit der betriebswirtschaftlichen Sinnhaftigkeit. Reitzle, der eigentliche Treiber hinter dem amerikanisch-deutschen Merger, argumentiert ähnlich.

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    In Wahrheit spielte eine mindestens ebenso wichtige Rolle bei der Megafusion das Ego des 68-jährigen Chefkontrolleurs. Nach den Turbulenzen bei Linde um Gewinnwarnungen, Machtkämpfe, dem gescheiterten ersten Anlauf für die Fusion im vergangenen Jahr und dem unglücklichen Büchele-Abgang, wollte das selbstverliebte Alphatier Reitzle es noch mal allen zeigen.

    Der Mann, der als Wunderkind der deutschen Wirtschaft galt, der sich durch seine Erfolge bei BMW und Ford den Ruf als „Car Guy“ erworben hatte, wollte zeigen, dass er als Aufsichtsratschef bei Linde nicht nur für Ruhe sorgen kann, sondern aus dem Münchner Traditionskonzern auch noch fix den mit Abstand weltgrößten Industriegasekonzern formen kann.

    Linde-Mitarbeiter sorgen sich um Arbeitsplätze

    Unbestritten ist, dass der Mann mit der stets akkuraten Fönfrisur in seinen elf Jahren bis 2014 als Vorstandvorsitzender bei Linde aus dem etwas verschlafenen Unternehmen einen hoch profitablen und schlagkräftigen Konzern gemacht hat. Dann, Wochen vor dem Fusionsbeschluss, sah es so aus, als könnte der Zusammenschluss mit Praxair – und damit auch Reitzle – scheitern. Die Arbeitnehmervertreter bei Linde, die zunächst Zustimmung signalisiert hatten, machten auf einmal massiv Front gegen die Fusion.

    Reitzle reagierte immer gereizter  und gab zu erkennen, er werde den Zusammenschluss auf Gedeih und Verderb durchziehen. Auf der Hauptversammlung Anfang Mai kam der Aufsichtsratschef dann massiv unter Beschuss.

    Da ist in den vergangenen Monaten viel Porzellan zerschlagen worden, das die Beteiligten nun kitten müssen.

    Ganz unberechtigt sind die Bedenken der Arbeitnehmervertreter hierzulande ja nicht. Die immer wieder bemühte Formel von der „Fusion unter Gleichen“ ist nicht mehr als Rhetorik. Operativ geführt werden wird das neue Unternehmen vom Praxair-Headquarter in Danbury in den USA.

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      Chef des neuen Mega-Konzerns wird Steve Angel, zurzeit CEO bei Praxair. Der hat in den vergangenen Monaten kaum eine Gelegenheit ausgelassen, um zu signalisieren, wer in dem fusionierten Unternehmen am Steuer sitzen wird (die Amerikaner) und nach welchen Managementmethoden der Konzern geführt werden wird (amerikanischen). Vom Linde-Stammsitz in München wird wohl eine Reihe von Funktionen abgezogen. Manche sprechen von einer Aushöhlung der deutschen Linde-Standorte.

      Viele der etwa 8000 deutschen Linde-Mitarbeiter sorgen sich denn auch um die langfristige Sicherheit ihrer Arbeitsplätze. Zwar gilt bis Ende 2021 eine Beschäftigungsgarantie; der Konzern hat zugesichert, bis dahin auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten, die Sorgen mancher sind dennoch mit Händen zu greifen.

      Im April gingen Tausende deutsche Linde-Arbeiter auf die Straße und demonstrierten gegen den Zusammenschluss. Reitzle, der dem Board des fusionierten Konzerns als Chairman vorstehen wird, und Steve Angel werden einiges investieren müssen, um Vertrauen zurückzugewinnen.

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