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Luftfahrt- und Rüstungskonzern EADS setzt zum Steigflug an

Bei seiner ersten Bilanz als EADS-Chef kann Tom Enders auf ein erfolgreiches Jahr zurückblicken. Wenn der Luftfahrt- und Rüstungsriese 2013 ähnlich gut übersteht, ist EADS nach mehreren Jahren auf Schlingerkurs endlich auf einem soliden Steigflug.

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EADS-Chef Tom Enders wirkte müde, aber durchaus zufrieden. Quelle: REUTERS

Um zehn vor neun brauchte Tom Enders heute morgen im Swissôtel am Berliner Ku’Damm erst mal einen schwarzen Kaffee. „Ich muss mich wachhalten“, scherzte der Chef von Europas größtem Luftfahrt- und Rüstungskonzern, nachdem ihm kurz zuvor die Augen schwer geworden waren. Das einzig ungewöhnliche an Enders Wunsch war der Ort. Der 52-Jährige saß auf einem Podium, um den mehr als 100 Journalisten aus aller Welt die Bilanz seines ersten Jahrs als Konzernlenker vorzustellen.

Wo EADS der Konkurrentin Boeing voraus ist
Finanzen – Stärke der BilanzVorteil: BoeingDie Amerikaner verdienen derzeit nicht nur deutlich mehr Geld. Der Nachsteuergewinn lag mit gut vier Milliarden US-Dollar dreimal so hoch wie bei der EADS. Boeing hat auch die größere finanzielle Substanz. Doch wenn die EADS ihren Kurs beibehält und es keine weiteren größeren Pannen bei neuen Flugzeugprogrammen gibt, könnte sich die Lage bis 2015 ändern. Quelle: REUTERS
Kleine ZivilflugzeugeVorteil: EADSBei den Flugzeugen für die Kurz- und Mittelstrecke ist der A320 derzeit das Maß aller Dinge. Kein Flugzeug hat sich so schnell verkauft wie dessen sparsame Neuauflage mit dem Zusatz NEO. Und das wird wohl noch eine Weile so bleiben. Zwar bietet Boeing nach eigenen Angaben mit der dann fünften Auflage seines Bestseller 737 mit dem Kürzel MAX ein zumindest ähnlich gutes Flugzeug. Doch noch sind die meisten Airlines skeptisch. Uns selbst wenn hier Klarheit herrscht, dürfte NEO noch bis Ende des Jahrzehnts leicht vor MAX liegen. Quelle: dpa/dpaweb
Große ZivilflugzeugeVorteil: BoeingHier hat Boeing seit gut 40 Jahren die Nase vorn. Dafür sorgte zuerst der Jumbojet 747, der sowohl bei der Größer als auch bei der Eichweite die Maßstäbe setzte. Ab 1995 folgte dann die 777, die nur zwei Triebwerke hatte und darum deutlich günstiger flog als ihr viermotoriger Airbus-Widersacher A340.  Nun bedient Boeing den Markt für Flugzeuge zwischen 300 und 400 Plätzen praktisch alleine. Und bei den kleineren Fliegern hat nach Milliardenteuren Verspätungen nun der Siegeszug des neuen Leichtbaumodells 787 begonnen. Airbus hingegen kann mit der A330 die Lücke nicht füllen und bis der Sparflieger A350 Geld bringt vergehen noch mindestens zwei bange Jahre. Bei den ganz großen Maschinen hat  Airbus zwar mehr A380 verkauft als Boeing 747-8. Doch am Ende verdienen die Europäer wegen der deutlich höheren Entwicklungskosten damit auch nicht mehr Geld. Quelle: REUTERS
HubschrauberVorteil: EADSHier ist Boeing gut, aber EADS einfach bei weitem besser. Denn die Eurocopter genannte Tochter arbeitet als erster Teil des Konzerns so wie es sich der neue Chef Tom Enders sicher für die ganze EADS vorstellt: Weltmarktführer, viel Produktion im Dollarraum, eine wachsende Marge  und ein hoher Anteil im Servicegeschäft. Der Vorsprung wird bleiben, wenn Eurocopter-Chef Lutz Bertling kein Fehler passiert,  Quelle: dpa
RaumfahrtVorteil: unentschiedenHier liegen die Kontrahenten praktisch gleichauf. Boeing hat Vorteile im Militärgeschäft und besonders bei den Satelliten. Das bröckelt zwar, ist aber am Ende immer noch lukrativer als die vor allem im Zivilbereich aktive EADS-Tochter Astrium. Die hat jedoch ein bemerkenswertes Restrukturierungsprogramm hinter sich und könnte schon bald in Führung gehen. Quelle: dpa
Rüstung konventionellVorteil: BoeingAuch wenn Boeing daheim in den USA nur der zweitgrößte Rüstungskonzern hinter Lockheed Martin ist, am Ende kauft das amerikanische Verteidigungsministerium deutlich mehr Kampfflugzeuge ein als die Europäer. Dazu tun sich die Amerikaner leichter mit Exporten, denn dank der vielen Auslandseinsätze der US-Streitkräfte tragen US-Waffen das Gütesiegel Im Kampf bewährt.“  Darum hat Boeing deutlich die Nase vorne gegenüber der EADS-Tochter Cassidian Quelle: dpa
Rüstung ZukunftsgeschäftVorteil: EADSHier liegt die EADS-Tochter Cassidian leicht in Führung. Weil Europas Armeen schon früher als ihre US-Kameraden die Orders kürzten und die Exportchancen traditionell mäßig waren, müsste die in München ansässige Rüstungsabteilung der EADS schon früh in neue Geschäftsfelder vorstoßen, die sie zudem leichter exportieren konnte. Darum ist sie heute bei Dingen wie Internetsicherheit und Grenzüberwachung relativ gut im Geschäft. Dafür sorgt auch, dass Cassidian die vier Heimatländer Deutschland, Frankreich Großbritannien, Spanien hat und bei Aufträgen aus Schellenländern immer ein Land vorschieben kann, dass beim Auftraggeber zumindest als neutral gilt. Quelle: dpa

Wer sich den Geschäftsbericht 2012 genauer ansieht, kann Enders Müdigkeit auch nachvollziehen. Denn am Ende sind die Zahlen langweilig - im positiven Sinn. Gewinn und Umsatz sind gestiegen und trotz wachsender Investitionen gab es einen Cashflow genannten Mittelzufluss. Alle Geschäftsfelder vom Airbus-Flugzeugbau über Hubschrauber, ja sogar das angeschlagene Rüstungsgeschäft schreiben ordentliche schwarze Zahlen. Und obwohl die EADS mehr Flug- und Kriegsgerät denn je ausgeliefert hat, ist das Auftragsbuch weiter gewachsen. Da kann selbst einen tatendurstigen Konzernlenker wie Enders schon mal Müdigkeit überkommen.

Tatsächlich könnte die kurze Formschwäche des sportbegeisterten ehemaligen Luftlandesoldaten wohl auch die Folge einer gewissen Ermattung sein, die sich nicht nur darin niederschlug, dass Enders Haupthaar noch ein wenig schütterer wurde. Denn selbst für einen auf Umbau gepolten Manager wie Enders war 2012 ein extrem anstrengendes Jahr mit mindestens drei unerfreulichen Höhepunkten.

Airbus und das Boeing-Zivilgeschäft im Vergleich

Es begann mit einer wochenlangen Diskussion, ob Enders EADS-Chef wird. Denn obwohl Deutschland und Frankreich dies bereits vor fünf Jahren festgelegt hatten, knirschte es besonders auf der französischen Seite und sorgte wochenlang für Schlagzeilen, die der EADS Chaostage prophezeiten. „Das war ja für Sie in den Medien eher langweilig, aber für uns war es aufregend“, kommentierte Enders die Angelegenheit in beißender Ironie. Als dann doch wie geplant im Juni Enders Chef wurde und sein Team wie geplant installierte, gab es Krach im Rüstungsgeschäft und Enders setzte seinen alten Verbündeten und Freund Stefan Zoller als Leiter der Rüstungsdivision Cassidian ab. Und zu guter Letzt scheiterte die geplante Übernahme des britischen Rüstungsriesen BAE am deutschen Veto.

Viele andere Konzernlenker hätte das den Job kosten können. Enders jedoch saß danach tiefer denn je im Sattel. Denn die Niederlage verschaffte Enders einen Erfolg, von dem sein Vorgänger Louis Gallois nur träumen konnte. Die verkorkste Fusion erlaubte den Großaktionären Daimler und dem Verleger Lagardère, ihre Aktien zu verkaufen. Und am Ende stiegen zwar Deutschland und Frankreich erstmals direkt als Anteilseigner ein.

Enders muss neue Freiheit nutzen

Die Kassenschlager der deutschen Rüstungsindustrie
Eurofighter Das international Typhoon genannten Kampfflugzeug ist ein Gemeinschaftsprodukt der deutsch-französischen EADS, der britischen BAE Systems und Alenia aus Italien von EADS. Zu Zeiten des Kalten Kriegs als Jäger 90 erdacht, wollen es die Hauptbestellländer Deutschland, Großbritannien und Italien trotz mehrfacher Erneuerung heute eigentlich nicht mehr abnehmen. Quelle: REUTERS
NH90 Bei der EADS haben den „NATO-Helicopter 90“, wie das Fluggerät mit vollem Namen heißt, 14 Nationen weltweit bestellt. Das Fluggerät ist der der erste Hubschrauber mit einem elektronischen Flugsteuerungssystem wie es in Verkehrsflugzeugen lange üblich ist. Wegen technischen Problemen gibt es jedoch besonders bei den Exemplaren für die Bundeswehr deutliche Verspätungen. Quelle: Pressebild
A400M Der Militärtransporter von Airbus ist mit einem Wert von mehr als 20 Milliarden Euro das bislang größte europäische Gemeinschaftsprojekt der Waffenbranche. Es sollte eigentlich bereits ab Oktober 2009 in den europäischen Luftwaffen die alten Militärfrachter ersetzen. Doch weil sich Airbus bei der Technik überschätzt hat und die Bestellländer nur schwer erfüllbare Vorgaben machten, werden die ersten Exemplare wohl erst 2014 fliegen. Quelle: AP
U 212 und 214 Die U-Boote sind die Vorzeigeprodukte der ThyssenKrupp-Tochter HDW. Dank des Elektroantriebs, der den Strom von einer Brennstoffzelle erhält, sind die Tauchungetüme so leise und damit vom Feind so schlecht auszumachen wie kaum ein anderes U-Boot. Quelle: dpa
G-36 Das Sturmgewehr von Heckler & Koch ist die Standardwaffe der Bundeswehr als Nachfolger des Gewehres G3, das auch Heckler gebaut hat. Das G36 besteht zu einem Teil aus kohlefaserverstärktem Kunststoff mit Einlagen aus rostfreiem Stahl und ist deshalb relativ leicht. Es wird in mehreren Ländern wie Saudi-Arabien in Lizenz produziert. Auch darum taucht es trotz des strengen Exportverbots immer wieder in Krisengebieten wie dem Kaukasus oder in Libyen auf. Quelle: dpa/dpaweb
Leopard 2 – neueste Ausführung A7+. Den Kampfpanzer hat Krauss-Maffei Wegman entwickelt und gebaut mit Zulieferungen unter anderem von Rheinmetall. Das Fahrzeug hat KMW für die neuen Aufgaben der Bundeswehr entwickelt. Aber von dem Panzer möchte auch Saudi-Arabien angeblich bis zu 800 Stück bestellen. Der Leopard ist besonders gut geschützt, hat Schnittstelle zum Anbringen von Anbaugeräten, z.B. eines  Minenpflugs oder Räumschildes, ist für die Wüste klimatisiert und eine besonders gute Optronik für eine gute Sicht bei Nacht und in die Ferne. Die gut 3000 Leos, wie ihn die Branche nennt, sind bei 16 Ländern im Einsatz, darunter neben europäischen Staaten auch Chile, Kanada und Singapur. Quelle: dpa
Dingo 2Der wahrscheinlich sicherste Geländewagen der Welt schützt nicht nur weitgehend vor Bomben, Granaten sowie biologische und chemische Kampfstoffe. Die gut 800 bisher produzierten Dingos können nicht nur als Truppentransporter dienen, sondern auch zum Gefechtsstand, Krankenwagen oder als Aufklärungsfahrzeug umgebaut werden. Quelle: dpa

Doch sie mussten erkennen, dass sie dadurch nicht mehr zu sagen hatten als der russische Staat, der seit vor ein paar Jahren rund fünf Prozent der Aktien kauft hat, um die EADS zu mehr Produktion in Russland zu drängen: nämlich letztlich gar nichts. „Wir haben jetzt die gleich Governance wie wir sie bei EADS-BAE geplant haben, nur ohne BAE“, kommentierte Enders trocken und nicht ohne Genugtuung die gescheiterte Einflussnahme seiner Haupt-Heimatländer.  

Nun kommt es darauf an, dass Enders die neue Freiheit für die EADS auch nutzt. Denn so gut wie jetzt wird die Bilanz nicht ohne weiteres bleiben. In den nächsten 18 Monaten muss der neue Langstreckenjet A350 den Liniendienst aufnehmen. Und wie leicht es da milliardenteure Überraschungen gibt, erfuhr gerade Boeing, deren Konkurrenzmodell 787 wohl mindestens bis Mai wegen Problemen mit der Elektrik am Boden bleibt. Dazu braucht der Riesenairbus A380 endlich neue Kunden, soll das größte Passagierflugzeug der Welt nicht das Milliardengrab bleiben, dass er ist. Und am Ende muss der Militärtransporter A400M zeigen. dass er die Erwartungen erfüllt und auch Kunden außerhalb Europas überzeugt.

Die schwerste Aufgabe wird wohl sein, dem Rüstungsgeschäft Perspektive zu geben. Denn die Cassidian-Sparte braucht dringend neue Produkte, um die bisherigen Umsatzbringer Eurofighter oder Lenkwaffen abzulösen. Der bisherige Hoffnungsträger Sicherheitstechnologie bringt weniger als erwartet und im Bereich unbemannte Militärmaschinen ist EADS fast komplett aus dem Spiel.

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Vom Ziel des alten EADS-Chefs Gallois von einem Umsatzanteil von 50 Prozent redet schon lang keiner mehr. Selbst Boeing, die sich lange mit ihrem hohen Militäranteil brüsteten, tut dies nicht mehr. „Wenn Boeing einen Anteil von nur noch 40 Prozent als Vorteil ansieht, kann unsere Position nicht so schlecht sein“, sagt Enders. Somit dürfte die neue Strategie, die Enders im Sommer vorstellen will eher auf mehr Servicegeschäft und Produkte abseits des klassischen Tötungszeugs zielen, wie es die Hubschraubertochter Eurocopter vormacht.

Doch das wird schwer. In Europa ist wenig neues Geschäft zu holen. Die geplatzte Fusion EADS-BAE zeigt, dass die Nationalstaaten zwar den Waffenherstellern durch kleinere Etats das Geschäft entziehen, sich aber auch dagegen sträuben, dass die Branche durch Fusionen effizienter arbeitet und den Armeen mehr für das gleiche Geld liefern kann. „Trotz aller Beschwörungen gibt es kein Europa der Verteidigung“, klagte Enders. „Und es ist auch nicht in Sicht obwohl die Nato eigentlich mehr Einheitlichkeit bei den Waffensystemen anmahnt.“

Gleichzeitig kann die Branche aber auch nicht exportieren ohne das Risiko, dass zu viel Waffentechnologie in die Hände von Gegnern des Westens oder gar Terroristen gerät. Und wo es Wachstum gibt wie in der Golfregion oder in Lateinamerika, drängen nicht nur die großen US-Konzern in den Markt. Auch die Staaten selbst wollen eine eigene Industrie aufbauen mit den westlichen Branchenriesen als Steigbügelhalter.

Aber am Ende muss auch das Enders derzeit nicht den Schlaf kosten. Denn im Gegensatz zu anderen Unternehmen mit einem ähnlichen Strukturwandel wie etwa die Lufthansa, geht er die Probleme früh an und hat das nötige Geld, diese Veränderungen anzustoßen und wählerisch zuzukaufen. Denn in der Krise werden Rüstungsunternehmen eher billiger.

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