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Maschinenbaubranche „Im Moment sind wir in China noch Teil des Plans“

Stephan Mayer Quelle: Trumpf

Lange war Deutschland Maschinen-Exportweltmeister. Nun hat China die Führung übernommen. Damit sich der Trend wieder umkehrt, muss sich Vieles ändern, sagt Trumpf-Werkzeugmaschinenchef Stephan Mayer. Auch die Politik nimmt er in die Pflicht.

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Auf dem chinesischen Maschinenmarkt kennt sich Stephan Mayer bestens aus. Drei Jahre lang war er zuletzt als Präsident für China für sämtliche Aktivitäten des deutschen Maschinenbauers Trumpf in Fernost verantwortlich. Seit 1. Juli 2021 ist er als CEO Machine Tools (CEO MT) Teil der Trumpf-Geschäftsführung – und verantwortet damit den umsatzstärksten Geschäftsbereich der in Ditzingen bei Stuttgart ansässigen Unternehmensgruppe.

WirtschaftsWoche: Herr Mayer, lange Zeit war Deutschland weltweit unangefochtener Spitzenreiter bei Maschinen- und Anlagenexporten. Im vergangenen Jahr lag nun erstmals China vorn. Hat Sie dieser Führungswechsel überrascht?
Stephan Mayer: Es war schon länger abzusehen, dass dies passiert, da seit Jahren das prozentuale Wachstum in China deutlich höher liegt als in Deutschland. Die Frage war letztlich nicht ob, sondern wann China in Führung geht, wenn Deutschland den Trend nicht umgekehrt bekommt. Das haben wir leider nicht geschafft – und werden wir so schnell auch nicht schaffen, wenn sich nichts Grundlegendes ändert.

Auch die Coronapandemie war vermutlich ein Faktor für Chinas neue Führungsrolle. Während der europäische Absatzmarkt jetzt noch an den Folgen der Pandemie zu leiden hat, war die Volksrepublik sehr früh und vergleichsweise kurz betroffen.
Ich glaube, dass die Pandemie das Ganze um rund ein halbes Jahr beschleunigt hat. Bei uns dauerte vieles eben ein bisschen länger. Aber der grundsätzliche Trend wurde dadurch nicht ausgelöst. Mittlerweile haben wir in Europa und den USA ebenfalls wieder starkes Wachstum, doch das in China ist ungebremst. Auch der aktuell massive Rohstoffmangel ist in China weniger spürbar – schließlich kommen viele Vorprodukte auch von dort.

Ist Chinas neuerlicher Exportvorsprung für Deutschlands Maschinenbauer je wieder aufzuholen?
Ich glaube schon, dass wir aufholen können. Wir müssen jedoch an vielen Stellen umdenken und uns anstrengen – in allen Dimensionen. Beispielsweise müssen wir auch einfachere Maschinen anbieten und uns mit den einzelnen Ländern genauer auseinandersetzen, um zu wissen, was dort wirklich gebraucht wird. Die perfekte Maschine, die wir deutschen Ingenieure bauen können, ist nun mal nicht in allen Märkten die passende Lösung. Wir müssen die Kunden dort abholen, wo sie sind.

Um welche Länder geht es Ihnen da genau?
Vielleicht könnte man die Maschinenbau-Welt in grob zwei Gruppen unterteilen. Die eine Gruppe ist auf höchste Effizienz, Sicherheit – Stichwort CE-Norm –, Präzision, Lebensdauer und Nachhaltigkeit getrimmt. Das heißt, höhere Anfangs-Investitionen werden für eine längere Lebensdauer und damit über Jahre günstigere Teilekosten in Kauf genommen – dazu zählen zum Beispiel ganz Europa, Nordamerika, Australien, Japan und Südkorea. Die andere Gruppe hat geringere Standards und Sicherheitsverordnungen oder hält sich zumindest in den seltensten Fällen daran – China ist hier ein Beispiel. Dort gibt es zwar offiziell ähnliche Richtlinien für Maschinen wie hier, aber im Zweifelsfall geht Wachstum vor Sicherheit. Ähnlich ist es in Indien, Südostasien, Mexiko, Südamerika und Afrika. Wir deutsche Maschinenbauer investieren viel Geld, damit die Maschinen alle gesetzlichen Anforderungen zum Schutz der Bediener erfüllen, die aber in diesen Ländern oft nicht interessieren – und sind damit teurer als die chinesischen Produkte.

China hat Deutschland also mit günstigeren Maschinen aus diesen Märkten verdrängt?
Im Volumen hat China auf jeden Fall massiv aufgeholt, vielerorts auch überholt. Für Trumpf gilt: Wir haben in all den genannten Ländern Standorte, machen nach wie vor zweistellige Millionenbeträge. Aber beispielsweise Südamerika hat der deutsche Maschinenbau schon jetzt nahezu komplett an China verloren. Fast 90 Prozent der Blechmaschinen dort stammen inzwischen von chinesischen Herstellern, das gilt auch für Afrika. In Südostasien und Indien findet derzeit eine ähnliche Entwicklung statt.

Verwunderlich ist das alles nicht. Bei einer Biegemaschine etwa kostet es uns allein 20 Prozent der Herstellungskosten, die EU-Konformitätsregeln zu erfüllen. China hat zwar viel Technologie übernommen – doch diese 20 Prozent werden einfach ausgespart. Weitere Kosteneinsparungen kommen beispielsweise durch einfachere Bauteile und die günstigeren Lohnkosten. In den Ländern ohne europäische Sicherheitsstandards werden dann natürlich die günstigeren Maschinen aus China gekauft. Die meisten europäischen Richtlinien sind dort nicht etabliert. Außerdem erfüllen chinesische Maschinen oft nur bestimmte Funktionen, unsere sind vielfältiger einsetzbar und auch dadurch komplexer.

Dennoch ist es ja so, dass auch Deutschland mehr und mehr Maschinen aus China importiert.
Natürlich gibt es auch in Deutschland Einstiegskunden, die weniger multifunktionale Maschinen benötigen. Außerdem haben auch die chinesischen Maschinenbauer in den vergangenen fünf Jahren dazugelernt. Viele große und weitentwickelte Kunden kaufen nach wie vor bei den deutschen Maschinenbauern und kalkulieren die langfristigen Gesamtkosten, aber der ein oder andere Kunde, der sich die hohe Anfangsinvestitionen nicht leisten kann, sagt sich vielleicht: Bevor ich gar keine Maschine habe, versuche ich es mit den günstigen chinesischen Produkten. Und wie gesagt, gibt es auch Kunden mit eingeschränkten Anforderungen an Präzision, Produktivität und Flexibilität. Da reicht die billige Maschine vielleicht. Wie nachhaltig das dann ist, zeigt sich mitunter erst nach Jahren.

Planen Sie, Ihre Produktpalette zu erweitern, um auch bei kleineren Kunden mit China zu konkurrieren?
Wir wollen jedem Kunden die richtige Lösung bieten, ob Einstiegskunde, kleiner Kunde oder Großsystembetreiber. Insofern arbeiten wir gerade intensiv an der Erweiterung der Produktpalette auch für das Einstiegssegment. Diese Maschinen kosten dann weniger, haben aber auch eingeschränkte Funktionen. Wir sind dabei schon gut voran gekommen und rollen das jetzt weiter aus. Wir Maschinenbauer müssen uns aber generell fragen, ob wir damit zu spät begonnen haben – insbesondere, wenn wir die oben genannten Länder anschauen.

China zwingt also auch Sie dazu, Ihre Produkte zu verändern?
Ja und nein. Das Geschäft mit den High-End-Maschinen funktioniert nach wie vor sehr gut, da es ja auch weiterhin Kunden gibt, die langfristig denken und die Effizienz, Präzision, Gesamtverkettung und auch Sicherheit benötigen. Aber auf der Blechexpo im Oktober, der großen Leitmesse unserer Branche, werden wir nicht nur Innovationen, sondern auch neue Einstiegsprodukte präsentieren. Wir wollen zeigen: Auch Kunden mit kleinerem Budget und vielleicht geringeren Anforderungen werden bei Trumpf fündig. Wir haben mit Oberklasse-Maschine angefangen – und jetzt bringen wir eben auch mal eine Kompaktmaschine auf den Markt.

Sicherheit und Nachhaltigkeit der Maschinen sind für uns aber nicht verhandelbar. Das sind rein exportwirtschaftlich gesehen zwar Nachteile gegenüber China, von denen wir aber auch künftig nicht abrücken werden. Uns ist der Schutz der Bediener wichtig. Im Gegensatz zu den meisten chinesischen Maschinen entsprechen unsere alle den Richtlinien der EU. Wobei wir darüber nachdenken müssen, für die anfangs genannten Märkte zumindest an vertretbaren Stellen kleinere Anpassungen vorzunehmen. Denn es hilft den Bedienern dort dann auch nicht, wenn am Ende gar keine Trumpf-Maschine verwendet wird. Dann lieber die Kunden dort abholen, wo sie heute stehen – mit zumindest gegenüber dem Wettbewerb erhöhten Sicherheitsvorrichtungen.

China exportiert also auch nach Deutschland Maschinen, die nicht den europäischen Sicherheitsstandards entsprechen?
Sie finden im Internet genügend Angebote von Lasermaschinen ohne Umhausung. Stellen Sie sich vor, ein 2000-Watt-Laserstrahl trifft Sie ins Auge, weil dieser von einer glänzenden Blechkante reflektiert wird. Zum Vergleich: Ein Laserpointer hat weniger als ein Watt. Man könnte beispielsweise behördlich genauer hinschauen, ob die Richtlinien bei den importierten Maschinen wirklich eingehalten werden.

Sie nehmen da also auch die Politik in die Pflicht?
Es wäre hilfreich, wenn wir in der EU unsere eigenen Standards konsequenter durchsetzen – auch gegenüber den Herstellern aus Fernost. Meine Beobachtung: In China prüfen die Behörden vor allem die ausländischen Firmen auf Einhaltung der lokalen Normen. Doch selbst auf den Messen werden lokale Lasermaschinen vor Publikum in Betrieb genommen, bei denen Strahlschutzumhausungen komplett fehlen. In Deutschland hat man dagegen den Eindruck, dass es umgekehrt ist. Bei den eigenen Produkten wird genauestens auf jeden Aufkleber geachtet und gleichzeitig finden wir regelmäßig Importmaschinen, die keinerlei Umhausungen, geschweige denn CE-konforme Schaltschränke haben.

Nun ist Trumpf ja auch in China sehr stark vertreten, die Volksrepublik ist sogar einer Ihrer wichtigsten Märkte. Ist das Land für Ihr Unternehmen nun ein Rivale oder ein Partner?
Das eine schließt das andere nicht aus. China ist für uns beides. Der chinesische Markt bietet für uns große Chancen. Weil es ein riesiges Land mit hohen Ambitionen ist, das die deutsche Maschinenbautechnologie willkommen heißt. Noch gibt es einen Technologie-Gap.



Chinas aktueller Fünfjahresplan sieht für die Volksrepublik einen noch dominanteren Platz im weltweiten Wirtschaftsgefüge vor. Das Motto, das die Regierung vorgibt, lautet „Made in China 2025“. Ist in der Volksrepublik überhaupt noch Platz für einen deutschen Maschinenbauer wie Trumpf?
Kurzfristig profitieren wir von Chinas Wirtschaftsstrategie. Auch wir erhalten Subventionen, wenn wir ein Gebäude dort bauen, Technologie lokalisieren. Und auch wir bekommen mittlerweile gut ausgebildete Ingenieure von chinesischen Universitäten, unsere Steuerlast wird halbiert, wenn wir dort Patente anmelden. Aber natürlich verfolgt China dabei eigene Interessen – alles dort ist eben staatlich gut durchgeplant. Im Moment sind wir noch Teil des Plans, und wir können teilhaben.

„Im Moment“, sagen Sie. Aber wie sieht das Ganze in fünf Jahren aus? Immerhin macht die chinesische Regierung keinen Hehl daraus, auf lange Sicht autark sein zu wollen, Importe also weitgehend einzudämmen.
Die Frage ist: Was bedeutet Autarkie? Noch führt dieser Weg zu Interesse an deutscher Technologie. Wir europäischen Maschinenbauer haben eben noch immer einen gewissen technologischen Vorsprung, der in China willkommen ist. Aber natürlich ist es so, dass uns China auch hier Jahr für Jahr näherkommt – und China seine Produkte dann massiv selbst in den Export bringt. Letztlich muss die Frage für uns lauten: Wie groß ist der Benefit und wie groß ist das Risiko?

Sie haben also bislang nicht den Eindruck, dass chinesische Unternehmen in der Volksrepublik bevorzugt werden?
Manches ist nicht so transparent, konkrete Nachweise dafür fehlen uns. Doch oft bleibt ein unklares Gefühl, wenn es um Subventionen, Steuererleichterungen oder das Umsetzen von Vorschriften für lokale Firmen geht.

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Und trotzdem kann sich Trumpf auch in Zukunft auf dem chinesischen Markt behaupten?
Natürlich ist der Trend zur chinesischen Autarkie da. Wir versuchen deshalb, Teil des dortigen Wirtschaftskreislaufs zu sein. Wir haben mit Jiangsu Jinfangyuan (JFY) eine chinesische Marke gekauft, die in China circa 2500 Werkzeugmaschinen produziert – das sind deutlich mehr als wir dort unter der Trumpf-Marke produzieren. Die Frage ist: Lässt der chinesische Staat dauerhaft zu, dass die Gesellschafter einer chinesischen Firma außerhalb von China sitzen? Wir sind jedenfalls gekommen, um zu bleiben. Wir wollen den Wandel dort mitgestalten.

Mehr zum Thema: China löst Deutschland ausgerechnet als Exportweltmeister im Maschinenbau ab. Das liegt auch daran, dass China es deutschen Unternehmen schwer macht – und immer weniger auf deren Maschinen angewiesen ist.

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