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Milliarden mit dem Krebsmittel An Bavencio entscheidet sich die Zukunft von Merck

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Aus den Erfahrungen der Konkurrenz lernen

Macht nichts, deutet Oschmann an, immerhin kann Merck jetzt aus den Erfahrungen der Konkurrenz lernen. So fiel ein Lungenkrebspräparat von Bristol-Myers bei der Zulassung durch, weil es gegenüber der Chemotherapie keine Vorteile brachte. Merck überarbeitete daraufhin seine klinischen Studien, die Probleme mit der Zulassung dürften deshalb geringer sein.

Die neuen Anwendungen sollen in einigen Jahren dazu beitragen, dass der Konzernumsatz laut Analystenschätzungen um bis zu drei Milliarden Euro wächst. Die Rechnung geht aber nur auf, wenn Tumormedikamente unverändert teuer bleiben. In den USA kosten diese meist mehr als 100.000 Dollar im Jahr, Oschmann selbst hält bei seinem Hautkrebspräparat 150.000 Dollar für realistisch.

Das sieht Präsident Trump wohl anders. Zwar sind seine Pläne für eine Gesundheitsreform erst mal gescheitert, doch die hohen Kosten will der Präsident drücken. Kein Wunder, sind die doch in den USA in den vergangenen sieben Jahren um 150 Prozent gestiegen. Krebsmedikamente zählen zu den wichtigsten Preistreibern. Die staatlichen Versicherungen sollen künftig härter mit den Herstellern verhandeln. Das könnte die Pharmakonzerne Milliarden kosten.

Auch in Deutschland dürfte das Thema im Wahljahr an Fahrt gewinnen. Der SPD-Politiker Karl Lauterbach forderte bereits niedrigere Preise für Krebsmittel und einen einheitlichen europäischen Erstattungspreis. Mehr als fünf Milliarden Euro geben die deutschen Kassen jährlich für Krebsmedikamente aus. Nach Daten des Marktforschers Quintiles IMS sind die Kosten zahlreicher neuer Therapien im zweistelligen Prozentbereich gestiegen.

„Die hohen Preise für neue Krebspräparate orientieren sich nicht am Nutzen“, kritisiert Wolf-Dieter Ludwig, Chefarzt am Helios Klinikum in Berlin-Buch. „Damit Patienten drei Monate länger überleben können, verlangen die Hersteller oft mehr als 100.000 Euro.“ Auch die neuen Immuntherapeutika sind nicht über jeden Zweifel erhaben: Bei mehr als der Hälfte der Patienten sei bisher kein Nutzen nachweisbar, sagen Mediziner.

Gegen den Vorwurf der Abzocke wehrt sich die Pharmaindustrie mit dem Verweis auf die hohen Entwicklungskosten, die schon mal eine Milliarde Euro pro Medikament erreichen könnten. Merck-Chef Oschmann selbst seufzt nur, wenn er die Argumente der Kritiker hört. Er war lange Vorsitzender des europäischen Pharmaverbandes, er hat die Diskussion schon Hunderte Male geführt. „Was mich überrascht, ist, dass 99 Prozent der Diskussionen um Bezahlbarkeit im Gesundheitswesen sich nur um Medikamente drehen“, sagt er. Pharma war nie so erfolgreich wie heute, sagt er, da müsse echte Innovation dann aber doch auch fair bezahlt werden.

Oschmann wird weiter für sein Mittel kämpfen. Auf eine Mitstreiterin muss er dabei allerdings verzichten. Die iranische Forscherin aus Boston hat Merck inzwischen verlassen. Sie hat anderswo Karriere gemacht – und arbeitet jetzt im Vorstand eines Biotechkonzerns.

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