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mRNA-Imfpstoff Biontech – wie alles begann

Die BioNTech-Gründer Özlem Türeci und Ugur Sahin verewigt in Graffiti auf zwei Brückenpfeilern. Quelle: Getty Images

In ihrem nun erschienen Buch „Projekt Lightspeed“ erzählen die Biontech-Gründer Özlem Türeci und Ugur Sahin zusammen mit dem Journalisten Joe Miller von ihrer Jagd nach dem Corona-Impfstoff im vergangenen Jahr. Die Geschichte von Biontech beginnt allerdings schon gut ein Jahrzehnt früher – bei einem denkwürdigen Treffen in München.

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Dienstag, der 25. September 2007, ist ein kühler Herbsttag. Seit zwei Jahren regiert Angela Merkel in Deutschland, der Bundespräsident heißt Horst Köhler. Die Finanzkrise steht dem Land erst noch bevor. An jenem Tag gründen sechs Männer und eine Frau in München ein Unternehmen, das gut ein Jahrzehnt später die Welt verändern wird. Doch das ahnt damals noch keiner. Der Name des Unternehmens: Biontech.

Ort der Handlung: die Büroräume der Athos Holding am verkehrsreichen Rosenheimer Platz in München, fünfter Stock. Das Kürzel „Athos“ steht für Andreas und Thomas Strüngmann. Die beiden Zwillingsbrüder, damals Ende 50, haben kurz zuvor ihr Medikamenten-Unternehmen Hexal für 5,5 Milliarden Euro an den Schweizer Novartis-Konzern verkauft. Nun wollen die Zwillinge noch einmal durchstarten, gründen, investieren. Am besten in Biotech-Unternehmen, die bald Top-Arzneien gegen Krebs, Herz- oder Infektionskrankheiten finden.

Der Tipp von Michael Motschmann kommt den Brüdern da gerade recht. Motschmann, der mit Thomas Strüngmann das gleiche Internat besucht hat, hat gerade einen Fonds namens MIG mitgegründet, der in junge Unternehmen mit viel Technologie-Potenzial investiert. Nahezu wöchentlich kommen Gründer in sein Münchner Büro, stellen ihre Konzepte und Ideen  vor – und hoffen auf ein Investment.



An eine Präsentation erinnert sich Motschmann besonders gut. Sogar das Datum weiß er noch: 27. September 2006. „Vor mir saßen zwei junge, ambitionierte, wunderbare Personen“, die gerade an der Entwicklung eines Antikörper gegen Magenkarzinom arbeiteten, sagt Motschmann über seinen ersten Eindruck von Özlem Türeci und Uğur Şahin. Mehrere Stunden dauerte die Präsentation des Forscherpaars. Motschmann  war „beeindruckt von der Tiefe ihrer Vorarbeiten und ihrer Fähigkeit, komplizierte Sachverhalte einfach darzustellen. Das zeigte, dass sie ihr Thema völlig durchdrungen hatten.“ Am Ende ist er voll des Lobes über die beiden Hoffnungsträger: „Sie waren wissenschaftlich brillant, komplett integer, sympathisch und fleißig.“

150 Millionen Euro in einer Viertelstunde

Am Tegernsee erzählte Motschmann Andreas und Thomas Strüngmann von der eindrucksvollen Begegnung. Die Brüder sagten zu, einen kleineren Betrag zu investieren. Das Unternehmen von Türeci und Sahin hieß damals Ganymed und entwickelte ein neues Mittel gegen Magenkrebs. Doch irgendwie merkten die Strüngmann-Brüder, dass da noch mehr drinstecken könnte. Bald fragte Thomas Strüngmann bei Uğur Şahin nach, was denn als nächstes kommt.

Türeci und Şahin lieferten. Und wie. Sie präsentierten ein völlig neues Konzept – individualisierte Krebs-Impfstoffe. Die Impfstoffe sollten dabei ganz genau auf den Krebstyp abgestimmt sein. Eine personalisierte Impfung soll den Körper in die Lage versetzen, selbst Abwehrstoffe gegen Krebszellen zu produzieren. Thomas Strüngmann war fasziniert, auch wenn er nicht alles verstand. An jenem 25. September 2007 beriet er sich ungefähr eine Viertelstunde mit seinem Bruder – dann sagte er 150 Millionen Euro zu. Auch die MIG investierte und beteiligte sich mit zehn Prozent daran.

Beim Gründungsakt waren neben den Strüngmann-Brüdern, Motschmann, Türeci und Şahin auch der Mainzer Medizinprofessor Christoph Huber, bereits Mitgründer von Ganymed, und Helmut Jeggle, Geschäftsführer von Athos und heute Aufsichtsratschef von Biontech, dabei. „Ein denkwürdiges Meeting“, sagt Motschmann später.

Wortspiel BioNTech

Sogar über den Namen des neuen Unternehmens hatte sich Uğur Şahin schon Gedanken gemacht: BioNTech (Eigenschreibweise) – die Assoziation zu Biotech ist natürlich gewollt. „Aber eine neue Art von Biotech, die die Bedürfnisse des 21. Jahrhundert adressiert“, sagt Şahin. Auf die Großbuchstaben in der Mitte des Wortes legt er ebenfalls Wert. NT steht für New Technologies, eine völlig neue Art der Krebsbekämpfung.  Gleichzeitig steht „N“ in der Wissenschaft auch für eine Anzahl von Möglichkeiten oder Objekten. Für Sahin deutet „NT“ auch darauf hin, dass BioNTech eine Anzahl unterschiedlicher Technologien nutzt, um Krebs zu bekämpfen: mRNA-Botenmoleküle, Antikörper-, Zell- oder Gentherapien. Der Name findet allgemein Anklang. „Wir haben mit der Mehrdeutigkeit gespielt“, sagt Şahin.

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Am Ende dieses denkwürdigen Treffens beschloss die Runde, Biontech zu gründen und aus der Ganymed herauszulösen. Özlem Türeci sollte als CEO bei Ganymed vorerst an Bord bleiben, Uğur Şahin Biontech aufbauen. Später sollte Türeci dazustoßen, so geschah es dann auch. 2016 ging Ganymed an den japanischen Pharmakonzern Astellas.

Die personalisierten Krebs-Impfstoffe, über die Sahin damals so begeistert sprach, sind bis heute nicht auf dem Markt. In einigen Jahren könnte es soweit sein, vielversprechende Studien laufen. Das soll dann das nächste große Kapitel in der Geschichte von Biontech werden. Fortsetzung folgt.

Mehr zum Thema: Die Biontech-Aktie wird von immer neuen Erfolgsmeldungen beflügelt. Kann sich ein Einstieg trotz der jüngsten Rally langfristig lohnen?

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