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Nach ARD-Dokumentation Daimler rüffelt Undercover-Reporter

Daimler ist aufgebracht wegen einer Reportage über Arbeitsbedingungen von Leiharbeitern bei Mercedes. Der Konzern weist die Kritik zurück und vermisst den „fairen und professionellen Umgang“ mit der Redaktion des SWR.

Mercedes-Stern auf einem Werksdach. Quelle: Reuters

DüsseldorfDer Autokonzern Daimler weist Vorwürfe einer ARD-Dokumentation über die vermeintlich unzulässige Anstellung von Leiharbeitern zurück. Die Vorwürfe seien umgehend und sorgfältig geprüft worden. Teile des Films, für den der SWR-Reporter Jürgen Rose zwei Wochen im Stammwerk Untertürkheim gearbeitet hatte, seien „fingiert“. Außerdem träfen Vorwürfe einer unsauberen Abgrenzung der Arbeiten von Daimler-Mitarbeitern und per Werkvertrag beschäftigten Dienstleistern nicht zu.

Am Montagabend hatte die ARD eine 45-minütige Reportage des Südwestdeutschen Rundfunks (SWR) ausgestrahlt (hier in der ARD-Mediathek zum Abruf). Darin wird der Vorwurf erhoben, dass der Autokonzern über Subunternehmen Mitarbeiter zu Löhnen beschäftige, die ein Hartz-IV-Aufstocken möglich machen. Damit werde die Produktion des Luxusherstellers durch Steuergelder querfinanziert.

Der Reporter hatte bei einer Zeitarbeitsfirma angeheuert, war dann an ein Logistikunternehmen ausgeliehen worden und von diesem bei Daimler eingesetzt worden. Dem Bericht zufolge habe er gleiche Arbeiten wie Daimler-Mitarbeiter ausgeführt und sei von diesen angeleitet worden. Ein Arbeitsrechtler beurteilt diese Praxis in der Dokumentation als illegal.

Der Automobilkonzern reagiert scharf: „Daimler hält die Vorgehensweise der SWR-Redakteure für überaus fragwürdig“, heißt es in einer ausführlichen Stellungnahme. Sie entspreche „in keiner Art und Weise dem fairen und professionellen Umgang zwischen SWR und Daimler, der in der Vergangenheit zwischen beiden Organisationen praktiziert wurde.“ Ein Sprecher formuliert es gegenüber Handelsblatt Online so: „Man kennt sich und man schätzt sich.“ Im aktuellen Falle hätten die Journalisten aber „zu keinem Zeitpunkt mit offenen Karten gespielt“.

Der Reporter hatte „undercover“ im Werk gearbeitet – also ohne das Unternehmen darüber zu informieren. Die Filmaufnahmen auf dem Gelände erfolgten ohne eine eigentlich erforderliche Genehmigung. Ob dagegen auch juristisch vorgegangen werde, wollte der Sprecher nicht sagen. Es gelte die Stellungnahme und „alles Weitere wird sich zeigen“.

Für 8,19 Euro pro Stunde arbeitete der Journalist an einem Band und musste Motorenteile für den Transport nach China verpacken. Sein monatlicher Bruttolohn von 1220 Euro habe fast nur ein Drittel von dem betragen, was eine zumindest zeitweilig an gleicher Stelle arbeitende Daimler-Mitarbeiterin verdient habe.


Auch im Fall Amazon wurde die ARD kritisiert

„Entgegen der Darstellungen im Fernsehbericht (...) wurde der Reporter nicht durch Führungskräfte oder Mitarbeiter der Daimler AG in seine Arbeitsaufgabe eingewiesen“, schreibt das Unternehmen. Das habe der SWR-Mitarbeiter sogar dem Dienstleister Preymesser schriftlich bestätigt. Auch habe der Journalist nicht die gleichen Tätigkeiten ausgeführt, da die Daimler-Beschäftigten auch mit Maschinenbedienung und Qualitätsmanagement betraut seien. Tatsächlich sieht man in dem Film auch, wie eine Mitarbeiterin einen vermeintlichen Schaden an einem Bauteil bemerkt. „Der Reporter wurde (...) nicht in unsere Arbeitsorganisation eingegliedert.“

„Wir bekennen uns ohne Wenn und Aber zu den geltenden Regelungen in Bezug auf Werkverträge und den Einsatz von Fremdarbeitskräften. Verstöße sind für uns nicht akzeptabel. Wir würden diese auch umgehend abstellen“, wird Daimler-Personalvorstand Wilfried Porth zitiert.

Daimler wirft der SWR-Redaktion zudem vor, bei der Recherche „unvollständige bzw. ausweichende Angaben“ über die Hintergründe ihrer Arbeiten gemacht zu haben. „Besonders frappierend“ sei, dass es die angeblichen Telefonate des Reporters mit der Daimler-Pressestelle nie gegeben habe. „Die Darstellung in dem Film ist fingiert.“

Auf der Handelsblatt-Online-Homepage und Facebook diskutierten Leser kontrovers über die ARD-Dokumentation „Hungerlohn am Fließband“. Auf der einen Seiten gibt es Stimmen, die den Umgang mit Leiharbeitern in Großunternehmen kritisieren und etwa gleichen Lohn für gleiche Arbeit fordern. Auf der anderen Seite verweisen Kritiker auf eine andere ARD-Dokumentation zur Beschäftigung von Leiharbeitern bei Amazon. Auch bei dem Film habe es Vorwürfe über unsaubere Arbeit der Reporter gegeben und darunter leide auch die Glaubwürdigkeit des Daimler-Films.

Im Fall Amazon hatte sich der Hessische Rundfunk (HR) juristische Scharmützel mit Dienstleistern geliefert, die in der Dokumentation für ihren Umgang mit Amazon-Leiharbeitern kritisiert wurden. Eine der kritisierten Firmen verbreitete, der HR habe eine gezeigte E-Mail fingiert und eine Zeugin erfunden. Der HR konterte, dass die Darstellung verkürzt sei, dass es sich bei der Darstellung „um eine Legende handelte, derer sich die Autoren zum Schutz ihres Informanten bedient hatten“.

Amazon-Deutschland-Chef Ralf Kleber hatte jüngst aber in einem Interview gesagt, Amazon habe seine Aufsichtspflicht in dem konkreten Fall „nicht ausreichend erfüllt”. Das Unternehmen habe genauer hinsehen müssen.

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