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Nach geplatzter Alstom-Übernahme Joe Kaeser hat wieder Zeit für das Wesentliche

Der Deal mit Alstom ist geplatzt. Jetzt kann Siemens-Chef Kaeser sich wieder auf das wirklich Wichtige konzentrieren - Siemens wieder auf die Spur zu bringen. Was nun auf der Agenda steht.

Strahlender Verlierer: Siemens-Chef Joe Kaeser wendet sich nach der geplatzten Offerte für das Alstom-Energie-Geschäft jetzt wieder dem Umbau in München zu. Quelle: AP

Die Würfel sind gefallen, doch das Spiel fängt für Siemens gerade erst an. General Electric hat den Zuschlag für den französischen Konkurrenten Alstom bekommen - unter großen Zugeständnissen. Der französische Staat wird vom bisherigen Großaktionär Bouygues 20 Prozent der Anteile übernehmen und damit direkt am Industriekonzern beteiligt sein. Damit sieht Paris die energiepolitische Unabhängigkeit des Landes gesichert.

Der Regierung ging es vor allem darum, das Geschäft mit den Atomkraftwerken nicht in ausländische Hände abzugeben. General Electric zahlt 17 Milliarden Dollar für die Energiesparte von Alstom. Die Franzosen behalten ihre Transportsparte, die TGV-Züge herstellt, und erwerben von General Electric das Bahnsignalgeschäft. Für die französische Regierung scheint damit alles klar.

Und für Siemens?

Dass die Deutschen bei Alstom das Nachsehen haben, ist keine Katastrophe. Der Technologiekonzern aus München steckt mitten in einer schwierigen Restrukturierungsphase. Chef Joe Kaeser hat ein umfassendes Programm aufgelegt. Es soll der größte Konzernumbau seit 1989 werden, heißt es in Industriekreisen. In einem Brief an seine Mitarbeiter schreibt Kaeser, dass es operativ noch viel zu tun gäbe. Daher werde ihm das Thema Alstom "nicht sonderlich fehlen". An erster Stelle steht nun die Umsetzung des Programms "Vision 2020".

Das Tauziehen um Alstom

Darunter hat Kaeser neben der kompletten Umwälzung der bisherigen Organisationsstruktur - die so genannten Sektoren werden abgeschafft und statt bisher in 16 wird das Geschäft in nur noch neun Divisionen gebündelt - auch die Kernelemente definiert, in denen Siemens wachsen soll.

Entlang der Wertschöpfungskette der Elektrifizierung, der Automatisierung und Digitalisierung, so steht es im Programm, will Kaeser langfristig verdienen. Wachstumspotenziale sieht der Chef auch bei Dienstleistungen rund um die Förderung von Schiefergas (Fracking) vor allem in den USA.

Organisches Wachstum soll Siemens zu alter Stärke zurückführen, aber auch harte Sparmaßnahmen und Stellenstreichungen. Dass General Electric nun über Alstom auf den europäischen Markt drängt, macht es für Kaeser schwieriger. Sein Konterpart, GE-Chef Jeffrey Immelt, hätte dem Deal mit Paris kaum zugestimmt, verspräche er sich trotz der umfangreichen Zugeständnisse nicht eine gewinnbringende Verbindung. Das Umfeld wird also härter.

Die neue Struktur von Siemens
Division Power and GasDiese Einheit umfasst das Siemens-Portfolio an großen Gas- und Dampfturbinen, Kompressoren sowie künftig die Gasturbinen zur dezentralen Energieversorgung. Umsatz 2013: rund 14 Milliarden EuroDefinierte Zielmarge: elf - 15 ProzentGeführt werden soll die Division von Roland Fischer, der derzeit die Division Power Generation leitet. Quelle: dpa
Division Wind Power & RenewablesDie Sparte baut Windkraftanlagen zur Stromerzeugung an Land und auf See. Siemens ist weltweit Marktführer bei Offshore-Windkraftanlagen. Nach Umsatz ist die Division eine der kleineren. Da mit einem weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien weltweit zu rechnen ist, aber auch eine der zukunftsträchtigsten. Umsatz 2013: 5 Milliarden EuroDefinierte Zielmarge: 5 - 8 %Chef: Markus Tacke. Tacke ist derzeit Chef des Bereichs Wind Power. Quelle: dpa
Division Power Generation ServicesHier wird das Service-Geschäft für die große installierte Basis von Siemens-Anlagen in der Energieerzeugung abgewickelt. Umsatz: Die Geschäftszahlen werden in den Divisionen Power& Gas und Windkraft und erneuerbare Energie aufgeführt. Chef der Division ist Randy Zwirn. Er leitet bisher die so genannte Division Energy Service, die damit umbenannt und ausgeweitet wurde. Quelle: REUTERS
Division Energy ManagementIn dieser Division gehen die bisherigen Divisionen Low and Medium Voltage und Smart Grid auf. Das Geschäft dreht sich rund um Lösungen und Produkte für die Stromübertragung und -verteilung sowie Technologien für intelligente Stromnetze. Umsatz 2013: zwölf Milliarden EuroDefiniert Zielmarge: sieben - zehn Prozent Die Führung übernehmen Ralf Christian und Jan Mrosik, die Leiter der aufgelösten Divisionen Low&Medium Voltage und Smart Grid. Quelle: dpa
Division Power TransmissionStromtransport, Schalttechnik und Transformatoren sowie Energieübertragungssysteme sind Kern der Einheit Power Transmission. Siemens ist unter anderem führend bei der Hochspannungsgleichstromübertragung (HGÜ). Dieser Technologie kommt beim Netzumbau und der Integration von erneuerbaren Energien eine wichtige Rolle zu. Umsatz: wird in der Division Energy Management ausgewiesen Die Leitung der Division übernimmt ebenfalls Jan Morsik. Der bisherige Chef der Division Karlheinz Springer muss seinen Sessel räumen. Er hatte den Posten im April 2012 übernommen. Morsik fielen wahrscheinlich die Probleme mit zwei Hochspannungsleitungen in Kanada auf die Füße. Neben höheren Baukosten vielen dort Vertragsstrafen wegen Verzögerungen an. Quelle: REUTERS
Division Building TechnologiesIn diesem Bereich bündelt Siemens integrierte Automatisierungslösungen und intelligente Technik für Gebäude. Umsatz 2013: 6 Milliarden EuroDefinierte Zielmarge: acht - elf ProzentChef der Division ist und bleibt Johannes Milde. Quelle: dpa
Division MobilityHier bündelt Siemens die Zugtechnik und die Bahnautomatisierung. Sollte der Zusammenschluss mit Alstom zustande kommen, würde diese Sparte wohl an die Franzosen abgetreten werden. Umsatz 2013: 7 Milliarden Euro Definierte Ziel-Marge: sechs - neun ProzentChef der Division wird Jochen Eickholt, der heute die Division Rail Systems führt. Quelle: dpa

Brancheninsider gehen davon aus, dass Siemens sein Wachstum durch weitere Zukäufe sichern will. Nicht auszuschließen ist, dass Siemens in einigen Jahren doch noch eine Verbindung mit der Zugsparte von Alstom eingeht. Gegenüber der Nachrichtenagentur Agence France Presse sagte Kaeser: "Wir wollten nie unser Bahngeschäft verkaufen, sondern zusammen mit Alstom einen europäischen Champion mit globaler Durchsetzungskraft bauen." An seinen Plänen halte er fest. "Das Ziel bleibt, der Weg dahin wird jetzt ein anderer", sagte Kaeser.

Und wer weiß: Sollten die Kartellbehörden das Zusammengehen von Alstom und GE nur unter Auflagen genehmigen - etwa erst nach der Abgabe von Unternehmensteilen - wäre es durchaus möglich, dass Kaeser als lachender Dritter parat steht. "Wir sind weiter gesprächsbereit", sagte Kaeser der "Bild"-Zeitung (Montagausgabe). "Unsere Türen stehen Alstom und der französischen Regierung offen."

Kein Wunder. Denn die Zugsparte brachte den Münchener zuletzt nur wenig Marge und viele Probleme. Peinliche Verzögerungen führten zu Sonderbelastungen im dreistelligen Millionenbereich.

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