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Nach Milliardenverlust Probleme ohne Ende bei ThyssenKrupp

ThyssenKrupp hat in den ersten neun Monaten des laufenden Geschäftsjahres 2012/2013 einen Verlust von 1,205 Milliarden Euro eingefahren. Jetzt drohen sogar Kündigungen von Krediten der Banken.

Die großen Krupp-Krisen
Gussstahlfabrik Fried. Krupp in Essen um 1905 Quelle: dpa
Arndt von Bohlen und Halbach, sein Vater Alfried Krupp und der Generalbevollmächtigte Berthold Beitz posieren vor der Villa Hügel in Essen Quelle: dpa
Der Schah von Persien, Retter von Krupp: Im Herbst 1976 schlitterte Krupp in eine bedrohliche Liquiditätskrise. Der Konzern litt unter gigantischen Überkapazitäten in der europäischen Stahlproduktion. Krupp-Generalbevollmächtigter Beitz fand in den märchenhaft reichen Schah von Persien einen neuen Investor, 25 Prozent von Krupp übernahm und eine Milliarde Dollar in den wankenden Konzern pumpte. Außerdem winkten Krupp Großaufträge des Kaisers aus Teheran. Es war mal wieder ein Kaiser, von dem sich Krupp abhängig machte. Im 19. Jahrhundert war dies der deutsche Herrscher Wilhelm II, der Krupp mit Kanonenaufträgen versorgte. Im Bild: Berthold Beitz Quelle: dpa
Gerhard Cromme Quelle: dpa
 Ekkehard Schulz Quelle: dapd

Warten auf den Befreiungsschlag: In den ersten neun Monaten des laufenden Geschäftsjahres 2012/2013 (30.9.) fuhr der Konzern einen Verlust von 1,205 Milliarden Euro ein, wie der Konzern am Dienstag nach Börsenschluss mitteilte. Ursache dafür waren vor allem Abschreibungen auf Fehlinvestitionen in die Stahlwerksprojekte in Übersee.
Die Eigenkapitalquote sackte um weitere 1,5 Prozentpunkte auf magere acht Prozent ab. Das ist der mit Abstand schlechteste Wert alle Industrieunternehmen im Dax. Zum Stichtag 30.6.2013 lagen die Netto-Finanzschulden bei rund 5,3 Milliarden Euro.

ThyssenKrupp hatte danach zuletzt einen Anstieg des Verhältnisses der Netto-Finanzschulden zum Eigenkapital (Gearing) auf 185,7 Prozent verzeichnet. Ist dies Ende September immer noch der Fall, droht eine Aufkündigung milliardenschwerer Kreditlinien: "Die ThyssenKrupp AG hat Vereinbarungen mit Banken, die bestimmte Bedingungen für den Fall vorsehen, dass das Verhältnis von Netto-Finanzschulden zum Eigenkapital (Gearing) im Konzernabschluss 150 Prozent zum jeweiligen Bilanzstichtag (30. September) überschreitet", heißt es im Zwischenbericht. "Es besteht ein Risiko, dass die Gearing-Grenze auch zum 30. September 2013 überschritten wird", heißt es dort weiter. In diesem Fall sollten "mit den involvierten Banken" Verhandlungen über einen Verzicht ("Waiver") auf die Grenzen aufgenommen werden - die Geldhäuser könnten der Stahlriese dann vorübergehend von der Einhaltung der Auflagen befreien.

Wie Berthold Beitz ThyssenKrupp prägte
Berthold BeitzDer Vorsitzende der Krupp-Stiftung hätte am 26. September 2013 seinen 100. Geburtstag gefeiert, doch er starb Ende Juli in seinem Ferienhaus auf Sylt. Sein wichtigster Mann im Konzern war über viele Jahre Gerhard Cromme, zunächst als Vorstandsvorsitzender von Krupp und ThyssenKrupp, später als Aufsichtsratschef. Cromme sollte auch den Stiftungsvorsitz übernehmen, wenn Beitz einmal nicht mehr sein sollte. Doch im März 2013 war plötzlich alles aus. Cromme trat von allen Ämtern zurück. Zuvor hatte es Razzien wegen des Verdachts auf Kartellabsprachen bei Karosseriestahl gegeben. Cromme fiel bei Beitz in Ungnade. 2011 erschien eine Biographie über Beitz, die er vor Drucklegung absegnete. Infolgedessen ist dort nun wenig Kritisches zu lesen. Eine überragende Position nimmt Beitz in der Nazizeit ein. Er ist zwar kein Widerstandskämpfer, rettet aber - ähnlich wie Oskar Schindler - hunderten von Juden das Leben, indem er sie als Direktor der Karpathen-Öl in Russland anstellt und somit vor dem Tod bewahrte. Quelle: dpa
Berthold Beitz, Alfried Krupp Quelle: ThyssenKrupp AG
Villa Hügel Quelle: AP
Alfred Krupp Quelle: ThyssenKrupp AG
Margarethe Krupp, Bertha Krupp
Alfried Krupp von Bohlen und Halbach Quelle: dpa
Radreifen-Skizze von Alfred Krupp Quelle: ThyssenKrupp AG

Die 150-Prozent-Regel gilt ThyssenKrupp zufolge für einen Vertrag mit einem Bankenkonsortium über eine "derzeit nicht in Anspruch genommene Kreditlinie von 2,5 Milliarden Euro". Diese läuft zum 1. Juli 2014 aus. "Dieser Vertrag kann mit sofortiger Wirkung gekündigt werden, wenn die Gearing-Grenze nicht eingehalten wird und dies von einer Bankengruppe verlangt wird, die mehr als 50 Prozent der Kreditlinie repräsentiert", räumt der Konzern ein. Der Konzern betont aber, er verfüge über ausreichende Mittel. "Selbst bei einer Überschreitung der Gearing-Grenze zum 30. September 2013 bietet die freie Liquidität auch im unwahrscheinlichen Fall einer Kündigung der Gearing-abhängigen Instrumente noch ausreichend Spielraum zur Deckung anstehender Fälligkeiten in den Brutto-Finanzschulden", heißt es in dem Bericht weiter. Die Fälligkeiten in den Brutto-Finanzschulden bis zum Ende des nächsten Geschäftsjahres 2013/2014 beliefen sich auf 2,1 Milliarden Euro.

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