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Neue Infineon-Fabrik Auch der Chipmangel rechtfertigt keinen Subventionswettlauf

Quelle: REUTERS

Am Freitag weiht der Halbleiterkonzern Infineon sein neues Werk in Villach ein. Die Industrie wartet schon dringend auf die Fabrik. Zu Subventionsträumereien sollte die Eröffnung jedoch nicht verführen. Ein Kommentar.

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Der Auflauf an Prominenz wird groß sein, wenn Infineon am Freitag im österreichischen Villach seine Chipfabrik für 300-Millimeter-Dünnwafer eröffnet. EU-Industriekommissar Thierry Breton hat sich ebenso angekündigt wie Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz. Dass sie dabei sind, wenn Deutschlands größter Chipkonzern seine neueste High-Tech-Fertigung einweiht, liegt auch am Tribut des Steuerzahlers. Die 1,6 Milliarden Euro teure Investition wurde massiv bezuschusst.

Dass die Fabrik notwendig ist, steht außer Frage. Die Nachfrage nach Halbleitern ist so gewaltig, dass Infineon die Eröffnung sogar um drei Monate vorgezogen hat. Dennoch sollten im Jubel von Politik und Top-Management die Fakten nicht untergehen. So wird auch das Villacher Werk dem aktuellen Chipmangel in der Autoindustrie nicht viel entgegensetzen können. Das liegt schon daran, dass in Villach Leistungshalbleiter gefertigt werden – und nicht die in der Autobranche händeringend benötigten Mikrocontroller.

So begrüßenswert die Stärkung der europäischen Chipindustrie ist – und Villach ist zweifelsohne ein Beispiel für eine sinnvolle Subventionierung – so vorausblickend sollten Brüssel und Berlin bei ihren weiteren Förderplänen vorgehen. Es geht darum, jene Technik zu fördern, die von der Industrie benötigt wird. Träumereien von einer autarken europäischen Chipproduktion sind hingegen wenig hilfreich, auch wenn sie angesichts der Chipknappheit hoch im Kurs stehen. Eine europäische Autarkie bei Mikroelektronik wird es nicht geben.



Rund um den Globus stehen die Förderbänder von Autobauern derzeit regelmäßig still, weil die Halbleiter fehlen. Wer könnte angesichts dieser Lage nicht für den Bau von Chipfabriken sein? Die Verzweiflung der Industrie spielt den Chipkonzernen in die Karten. Sie geben sich in Brüssel und Berlin derzeit die Klinke in die Hand. Wenn es um Milliardensummen an Subventionen geht, reisen Konzernbosse trotz Corona-Beschränkungen auch aus Übersee zu persönlichen Unterredungen an.

Dabei wirkten große Teile der Politik und Industrie noch recht sorglos, als vor einigen Monaten ein Chipkonzern nach dem anderen aus Europa weggekauft wurde: Der britische Chipdesigner Arm ging in die USA, der Münchener Silizium-Wafer-Spezialist Siltronic nach Taiwan. Auch wenn der Arm-Verkauf von den Kartellbehörden noch geprüft wird, bleibt das Bild schräg: Einerseits lässt die Politik den Ausverkauf der Chipbranche zu, andererseits scheint kein Preis zu hoch, die Konzerne nach Europa zu locken. Konsistente Politik geht anders.

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Das späte Handeln der Politik wird nun auch nicht wettgemacht, wenn sich Berlin und Brüssel in Aktionismus überbieten. Denn mit der Errichtung von Chipfabriken ist es längst nicht getan, um Chips herzustellen. Hinzu kommt das Design der Halbleiter. Zudem stellt jede Fabrik ganz unterschiedliche Größen an Halbleitern her. Die Industrie benötigt aber die für das jeweilige Produkt je passende Größe. Auch mit noch so vielen Milliarden Euro an Förderungen wird Europa all diese Chipkompetenz nicht aufbauen können. Europas Chipindustrie wird nicht autonom werden. Auch nicht, wenn Politiker mit Pressefotos von nagelneuen Halbleiter-Fabriken derzeit gut punkten können. An der Stärkung der Lieferketten wird kein Weg vorbeiführen.

Mehr zum Thema: Der Halbleiterkonzern Infineon profitiert vom Chipmangel und erhöht die Preise. Das war schon einmal so – ehe der Absturz folgte.

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