Neuer Bilfinger-Chef Per Utnegaard Welche Probleme Kochs Nachfolger lösen muss

Per Utnegaard ist als neuer Bilfinger-Chef eine Überraschung. Der Norweger muss substanzielle Fragen klären, wenn er Bilfinger aus der Krise führen will.

Die Suche nach einem Nachfolger für Roland Koch an der Bilfinger-Spitze hat offenbar ein Ende Quelle: dpa

Eines immerhin ist mit der wahrscheinlichen Berufung des Norwegers Per Utnegaard zum künftigen Bilfinger-Chef vorerst klar: Bei der Ausrichtung zum Service-Konzern wird es bleiben. Der 54-Jährige kann Dienstleistung – er führt seit acht Jahren von Zürich aus den weltgrößten Flughafendienstleister Swissport. Insofern steht die überraschende Personalie bei Bilfinger zunächst für eine Kontinuität des Geschäftsmodells und für ein Bekenntnis des Bilfinger-Hauptaktionärs Cevian zur Abkehr vom Baugeschäft.

Vor über zehn Jahren begann Bilfinger Ausstieg aus der Baubranche, und lange galt das als gute Entscheidung – hin zu einem weniger riskanten Geschäft mit besseren Margen. Doch 2014 geriet der Mannheimer M-Dax-Konzern mit vier Gewinnwarnungen, halbiertem Aktienkurs und dem erzwungenen Abgang des Vorstandschefs Roland Koch plötzlich und so tief in die Krise, wie es sich zuvor keiner vorstellen konnte.

Die Zukunft der Bilfinger-Manager
Noch-Chef Per Utnegaard – Nobody aus NorwegenHierzulande war der Norweger Per H. Utnegaard bis zu seiner Berufung zum neuen Bilfinger-Vorstandschef weitgehend unbekannt. Utnegaard übernahm zum 1. Juni 2015 den Chefposten von Herbert Bodner. Der 55-Jährige war zuvor von 2007 an Chef von Swissport International. Der Schweizer Konzern mit Hauptsitz in Zürich gilt als weltgrößte Servicegesellschaft für Flughäfen und Fluggesellschaften. Zum 30.4.2016 scheidet Utnegaard aber bereits wieder aus dem Unternehmen aus – die Suche nach einem Manager, der den Wandel bei Bilfinger begleitet, beginnt also aufs Neue. Bewertung: Dienstleistung konnte Utnegaard bereits vor seiner Bilfinger-Zeit. Aber Flughafenservice – acht Jahre lang sein Thema bei Swissport – ähnelte keinem der wichtigen Bilfinger-Geschäftsfelder. Am ehesten gab es Überschneidungen zum Facility Management. Aber genau da hat Bilfinger kaum Probleme. In Bilfingers Bereichen mit den großen Sorgen hingegen – also Kraftwerks- und Industrieservice – musste sich der Neue wie Roland Koch 2011 erst einmal einarbeiten. Nach nicht einmal einem Jahr ist er wieder weg. Quelle: Presse
Ex-Chef Herbert Bodner – Scherbenhaufen statt AufsichtsratschefBodner ist ein Bilfinger-Urgestein. Der Österreicher arbeitete seit 1991 für den Baukonzern. Acht Jahre später wurde er Vorstandsvorsitzender und begann, das Unternehmen ihn zum Industrie- und Kraftwerksdienstleister umzubauen. Als sein Vertrag 2011 aus Altersgründen nicht verlängert wurde, folgte ihm Roland Koch nach. 2013 kam Bodner dann planmäßig in den Bilfinger-Aufsichtsrat und sollte dessen Vorsitzender werden. Als Koch aber nach der Kette von Gewinnwarnungen im August 2014 aufgab, ließ sich Bodner in die Pflicht nehmen und übernahm wieder den Posten an der Unternehmensspitze – um im Sommer 2015 an Utnegaard zu übergeben. Bewertung: Es ist ein tragisches Ende einer ziemlich großen Karriere. Bodners scheinbar erfolgreiches Lebenswerk zerbröselt vor seinen Augen zum Scherbenhaufen. Nun muss er zum Ende seiner Amtszeit auch noch den neuen Korruptionsfall in Brasilien eingestehen, der allerdings in die Ära Koch gehört. Quelle: PR
Axel Salzmann – Aufklärung und NeuanfangSeit dem 1. April 2015 ist Axel Salzmann neuer Finanzvorstand von Bilfinger und damit Nachfolger von Joachim Müller. Müller hatte sich "einvernehmlich", aber in Wahrheit schwer belastet von den Gewinnwarnungen 2014, von Bilfinger getrennt. Salzmann war zuvor seit 2008 Finanzvorstand von ProSiebenSat.1. Jetzt erhält Salzmann bei Bilfinger eine Zusatzaufgabe: "Bis auf weiteres" übernimmt er ab Mai die Aufgaben des zurückgetretenen CEO Utnegaard. Bewertung: Salzmann muss schonungslos analysieren, warum die Bilfinger-Chefetage über die Ergebnis-Entwicklung in den Sparten des Unternehmens 2014 offenbar nicht ausreichend informiert war und infolgedessen ihre Zahlen viermal korrigierte. Quelle: Presse
Michael Bernhardt – der ArbeitsdirektorSeit November 2015 ist Michael Bernhardt neuer Arbeitsdirektor und Personalvorstand bei Bilfinger. Er übernimmt die Aufgaben von Jochen Keysberg, der diese interimistisch geleitet hatte. Zuvor hatte Roland Koch diese beiden Funktionen inne. Mit Bernhardt wird die Funktion wieder eigenständig. Der 48-Jährige war zuvor in gleicher Funktion bei der Chemiegesellschaft Covestro, der ehemaligen Bayer Material Science, tätig. Quelle: Presse
Jochen Keysberg – Standfest im Köln-DesasterDer promovierte Bauingenieur und Youngster im Bilfinger-Vorstand ist seit 1997 bei dem früheren Baukonzern tätig. In dieser Zeit hatte er verschiedene Führungspositionen im In- und Ausland inne. Seit 2012 verantwortet der 48-Jährige im Konzernvorstand unter anderem die Gebäudemanagement-Sparte. Bewährt hat Keysberg sich beim Kölner Desaster 2009. Das Stadtarchiv dort stürzte ein, vermutlich weil eine unter anderem von Bilfinger geführte U-Bahn-Baustelle unbemerkt das Fundament unter dem Gebäude beschädigt hatte. Zwei Menschen starben, Kulturgut im Milliardenwert versank im Schlamm. Bodner tauchte ab, Keysberg aber erklärte souverän in der aufgewühlten Stimmung den Medien die technischen Gegebenheiten von Schlitzwänden und Schubhaken, ohne eine Schuld des Bilfinger-Baukonsortiums anzuerkennen. Keysberg war in Köln das Gesicht des Konzerns. Bewertung: Eigentlich ein Manager mit Zukunft und Kommunikationstalent. Aber eigenes Management-Profil hat Keysberg unter Koch kaum gewonnen. Die ganz große Aufgabe käme wohl zu früh. Quelle: PR
Joachim Enenkel – Ex-Vorstand mit Bilfinger-HistorieAls Bilfinger im Sommer 2015 seinen Vorstand von fünf auf drei Mitglieder verkleinert hatte, musste Joachim Enenkel gehen – er galt zuvor schon als Vorstand auf Abruf. Über mehrere Stationen in Ingenieurbüros und Bauunternehmen kam Enenkel 1996 zu Bilfinger. Bald übernahm er Führungspositionen im In- und Ausland. Der 52-Jährige gehört seit 2010 dem Vorstand an. Dort verantwortet er derzeit nur noch die Bausparte, die größtenteils inzwischen an den Schweizer Bau-Marktführer Implenia verkauft wurde. Zuvor war Enenkel im Vorstand auch für die Kraftwerks- und Rohrleitungssparte verantwortlich, deren Verluste aber 2014 binnen weniger Monate die vier Gewinnwarnungen auslösten. Die Verantwortung für den Bereich hatte Enenkel deshalb verloren. Quelle: PR
Pieter Koolen – Ex-Vorstand mit Heimweh nach HollandPieter Koolen kam auf dem Koch-Ticket und wirkte nach dessen Abgang wie ein Fremdkörper bei Bilfinger – auch er musste wie Enenkel bei dem Vorstandsumbau gehen. Koolen wurde nach mehreren leitenden Funktionen bei Wirtschaftsprüfungs- und Bauunternehmen 2005 Vorstand beim Consulting- und Ingenieurdienstleister Tebodin in Den Haag. Diese Firma hat Bilfinger 2012 übernommen. Mit fast 5000 Mitarbeitern ist Tebodin ein Schwergewicht im Bilfinger-Reich, aber kaum damit verbunden. Seit September 2013 gehört Koolen dem Konzernvorstand an und leitet die Sparte Industriedienstleistungen. Damit ist der 59-Jährige Nachfolger des hoch angesehenen und langjährigen Bilfinger-Top-Manager Thomas Töpfer – für Koolen eine Bürde, weil Roland Koch Töpfer schasste und dem Industrieservice-Bereich zugleich die Eigenständigkeit nahm. Quelle: PR

Seitdem herrscht Agonie. Cevian hat zwar im Herbst vergangenen Jahres die alte Garde bei Bilfinger entmachtet. Aber was Eckard Cordes und Jens Tischendorf, die Cevian nun gemeinsam im Aufsichtsrat vertreten, aus dem Scherbenhaufen machen wollen, ist völlig unklar. Utnegaard muss die substanziellen Fragen nun klären.

Bilfinger hat seine Identität verloren

Das größte Problem ist der Bereich Energiedienstleistungen, der rund ein Viertel des heutigen Bilfinger-Umsatzes liefert. Die Sparte leidet – nationals wie international – massiv unter den Folgen der Energiewende. Früher gut zahlende Kraftwerksbetreiber investieren kaum noch und verkünden selber Sparprogramme. Dienstleister wie Bilfinger stehen am Ende der Energie-Nahrungskette und müssen die Gürtel noch enger schnallen als bisher.

Verkaufen kann Bilfinger die Sparte kaum. „Wer will sie haben?“ fragt ein Bilfinger-Aufsichtsrat rhetorisch. Und für den Power-Bereich ertragreichere Märkte zu definieren, bedeutet trotzdem Personalabbau im großen Stil. Die spezialisierten Unternehmen, die sich Bilfinger zusammen gekauft hat und die untereinander kaum vernetzt sind, sind nicht beliebig rund um die Welt handlungsfähig. „Bilfinger ist immer noch ein Sammelsurium von Divisionen und Firmen“, beschreibt der Chef einer Power-Tochter die Innen-Wahrnehmung. „Ganz selten erkennt man eine Strategie darin. Jede Firma hat ihren eigenen Markt – einen gemeinsamen gibt's nicht.“ Es dürfte hier also auf Personalabbau und Einzel-Verkäufe von Unternehmen hinaus laufen.

Ähnliches gilt für die Industriesparte. Utnegaards Vorgänger Koch und Herbert Bodner waren offenbar bei ihren Akquisitionen nicht wählerisch genug. Bodner selber, der bis Utnegaards Amtsantritt – voraussichtlich im Frühjahr – die Geschäfte führen und dann gehen soll, sagt heute, Mitglieder der Unternehmensfamilie, die nur „Allerweltstätigkeiten“ anböten, passten nicht mehr ins Portfolio. Denn dabei seien die Margen zu gering. Auch wenn er es nicht betont: Bodner kritisiert damit sich selbst. Utnegaard wird also auch in dieser Sparte Verkaufskandidaten identifizieren und sparen müssen.

Denn von Familie kann bei Bilfinger keine Rede sein. Allenfalls der Industriebereich hatte bis zur internen Zerschlagung unter Koch eine geschlossene Identität und ein Wir-Gefühl – aber noch aus den Zeiten, als die Sparte Rheinhold & Mahla hieß und ein selbständiges Unternehmen war. Bis zur Übernahme durch Bilfinger 2002.

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Die alte Identität des stolzen Baukonzerns hat Bilfinger verloren und nie eine neue gefunden. Wer radikal denkt, fragt sich, ob Bilfinger überhaupt weiter bestehen muss. Den Aktionären könnte auch eine Zerschlagung dienen, sobald die Einzelteile des Konzerns guten Erlös versprechen. Die Frage ist, wie radikal Per Utnegaard denkt und was Cevian will.

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