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Personalentscheidung Wer ist noch die ThyssenKrupp AG?

Der Rausschmiss von drei Vorständen innerhalb von vier Tagen ist einzigartig in der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Alle drei waren Repräsentanten des Konzerns mit verschiedenen Profilen und Rollen. Mit ihrem Weggang wird das Unternehmen von Fremdlingen gesteuert. Das ist so gewollt.

Das gab es noch nie. Der Rausschmiss von drei Vorständen innerhalb von vier Tagen ist einzigartig in der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Quelle: dapd

Das gab es noch nie: Drei Vorstände müssen gehen, zwei davon verantworteten Kerngeschäfte von ThyssenKrupp, einer war ein Major Domus von Stiftungschef Berthold Beitz, ein Lordsiegelbewahrer und das Gedächtnis von Krupp und ThyssenKrupp in einem.

Zunächst zu den ersten zweien:  Ex-Stahlchef Edwin Eichler und Ex-Technologiechef Olaf Berlien standen vor zehn Jahren, als sie der Aufsichtsratsvorsitzende Gerhard Cromme zu ThyssenKrupp holte, für einen bahnbrechenden Neuanfang im Fusionskonzern. Denn gerade war die alte Garde der einst verfeindeten Ruhrgebietskonzerne Krupp und Thyssen abgetreten, da holte Cromme, der Anstifter und Antreiber der ungeliebten Fusion, zwei junge Männer, so um die vierzig, ins Haus. Keiner von ihnen kam von Krupp oder Thyssen, keiner stammt aus dem Ruhrgebiet. Das war Absicht und Kalkül von Cromme und Berthold Beitz, Chef der Stiftung, die als größter Aktionär 25.3 Prozent am Unternehmen hält und dort den Takt vorgibt.

Die Stärken und Schwächen von ThyssenKrupp
Stärke 1: Das Unternehmen besitzt ein solides Liquiditätspolster. Zwar hat Thyssen-Krupp gerade den zweiten Milliardenverlust in drei Jahren eingefahren. Dennoch ist der Konzern, dank eines sehr konservativen Finanzengagements, erstaunlich gut bei Kasse. Im vierten Quartal gelang es Finanzchef Guido Kerkhoff, die liquiden Mittel auf 3,6 Milliarden Euro zu erhöhen. Maßgeblich dazu beigetragen hat der Verkauf eigener Aktien, die ursprünglich als strategische Reserve für Übernahmen gedacht waren. Der Verkauf brachte einen Erlös von 1,6 Milliarden Euro. Quelle: dpa
Das aktuelle Liquiditätspolster reicht – abzüglich einer halben Milliarde Euro, die fest im operativen Geschäft gebunden sind – aus, um die in wenigen Monaten fälligen Finanzschulden von 0,6 Milliarden Euro abzulösen. Außerdem kann Thyssen-Krupp auf nicht gezogene Kreditlinien zurückgreifen, um sich bei Bedarf weitere 4,7 Milliarden Euro bei seinen Hausbanken zu borgen. Dank der hohen Liquidität sind die Anleihen von Thyssen-Krupp sogar für einen kleinen Kreis institutioneller Investoren interessant, die ihr Geld auch bei Unternehmen mit einer schlechten Bonitätsnote anlegen. Thyssen-Krupp gibt überwiegend Anleihen mit einem Nennwert von 1.000 Euro aus , wendet sich also gezielt an Privatanleger. Der Ruhrkonzern steht für Seriosität und finanzielle Solidität. Die Sorge, das Unternehmen könne pleitegehen, haben viele Privatanleger nicht. Bei den meisten Dax-Konzernen ist eine Mindeststückelung von 50.000 Euro üblich. Quelle: dapd
Stärke 2: Innovative Ingenieure sichern Vorsprung gegenüber den Konkurrenten. Der Investitionsgüter- und Stahlkonzern Thyssen-Krupp ist überwiegend auf bereits entwickelten Märkten tätig – und trifft dabei auf Konkurrenten mit günstigeren Kostenstrukturen. Um gegen sie zu bestehen, setzt der Konzern auf die innovative Kompetenz seiner Ingenieure. Denn erfahrungsgemäß sind die Kunden bereit, für bessere Qualität, größere Zuverlässigkeit und längere Lebensdauer eines Produktes einen Aufpreis zu bezahlen. Quelle: dapd
Auch im Geschäft mit seinen wichtigsten Kunden, den deutschen Autokonzernen, folgt Thyssen-Krupp diesem Prinzip. Und bei der wichtigsten Kennzahl, dem operativen Gewinn vor Abschreibungen pro Tonne Stahl, liegt der Konzern mit 124 Euro vor der Konkurrenz: Voestalpine verdient 105, Weltmarktführer Arcelor-Mittal sogar nur 44 Euro. Quelle: dpa
Allerdings musste Thyssen-Krupp auch lernen, dass ein vermeintlich günstiges Angebot am Ende richtig teuer werden kann: Um das Budget für das neue Stahlwerk in Brasilien nicht zu überziehen, hatte der Vorstand entschieden, die für das Milliardenprojekt wichtige neue Kokerei von einem chinesischen Anbieter bauen zu lassen. Der Experte im eigenen Haus, der Anlagenbauer Uhde, kam nicht zum Zug. Das Ergebnis ist bekannt: Die Chinesen lieferten Schrott, und jetzt muss Uhde für viel Geld die Kokerei ans Laufen bringen. Quelle: dpa
Stärke 3: Führende Marktposition in den meisten Geschäftsbereichen. Für einige Experten ist Thyssen-Krupp ein Paradebeispiel für einen Mischkonzern. Für andere ist der Essener Konzern ein unübersichtliches Industriekonglomerat. Tatsächlich zählt das Essener Traditionsunternehmen allein 636 Tochtergesellschaften in mehr als 80 Ländern, deren Geschäftszahlen, also Umsätze und Ergebnisse, voll in die Konzernbilanz einfließen. Quelle: dpa
Viele dieser Unternehmen sind in ihren Märkten tonangebend. Die Tochter Thyssen-Krupp Steel Europe beispielsweise ist nach Umsatz gemessen der zweitgrößte Anbieter auf dem Kontinent – hinter dem Branchenprimus Arcelor-Mittal. Weltweit belegt Thyssen-Krupp mit sämtlichen Stahlaktivitäten in Europa, Nord- und Südamerika sowie der Edelstahlstahlsparte nach Umsatz den siebten Rang. Nach Produktionsmenge zählt der Konzern nicht zu den Top 15. Quelle: dpa

Den Neuen wurde eine klar definierte Rolle zugewiesen: Eichler und Berlien sollten als Frischlinge, ungeachtet der Intrigen und Flügelkämpfe zwischen Thyssen- und Kruppfraktion, den Fusionskonzern in eine neue Zukunft als Technologieunternehmen von Weltrang führen und sich um Geschäft draußen auf den Märkten kümmern und nicht um intern verkämpfte Seilschaften und alte Rechnungen. Sie sollen ihr Geschäftsbereiche umbauen, als unbelastete Freidenker, objektiv und schmerzfrei, weil sie kein Herzblut verschwendeten beim Gedanken an Stahlwerke oder liebgewonnene Traditionen auf dem Essener Hügel, dem Sitz der Stiftung.

Sie waren auch Kandidaten für die Nachfolge von Ekkehard Schulz, dem früheren Vorstandschef von ThyssenKrupp, der als Hütteningenieur und mit lebenslanger Biographie beim Arbeitgeber Thyssen versehen, entsprechend betriebsblind war, aber auch kernig und zuverlässig. Und als der Stahl Konjunktur hatte, fielen die Fehler im Stahl zunächst nicht auf, man investierte, als der Höhepunkt der Stahlkonjunktur längst überschritten war. Das führt zu einem finanziellen Engpass bei ThyssenKrupp. Folge: Eichler und Berlien haben ihre Schuldigkeit als Outsider getan, sie müssen gehen. Cromme hat genug von ihnen.

Die Aktionärsstruktur von ThyssenKrupp

Gehen musste auch der Kruppianer Jürgen Claassen, der zusammen mit Cromme die Idee hatte, mit Eichler und Berlien ein ganz neues personelles Fundament bei ThyssenKrupp zu legen. Claassen war Intimus von Beitz, Helfer von Cromme, Claassen kennt die Gedankengänge von Beitz und seinen Reminiszenzen an Alfried Krupp, der 1967 verstarb und einen historisch schwer belasteten Konzern, der früher Rüstungsgüter herstellte, dem Testamentsvollstrecker Beitz hinterließ. Nicht dass Eichler und Berlien nun entlassen werden, zeigt die Kühle der Entscheidung von Cromme und Beitz, sondern der Rauswurf von Claassen, einem alten Freund. Doch diese nur freundschaftlich wirkende Bande zerreißen innerhalb weniger Stunden, wenn das Management der „Firma“, wie Beitz den Konzern nennt, in Hotelzimmern auf Spesen nächtigt, die sich sonst nur Lakshmi Mittal leistet, wenn er auf Tour geht. Es gibt da auch keine Entschuldigung gegenüber dem Aufsichtsrat. Ein „Sorry“ wird natürlich gern gehört, ist aber unerheblich für den Auflösungsvertrag, der auch mit einem "Sorry" überreicht wird.

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Wer ist jetzt eigentlich ThyssenKrupp? Wer steht für den Technologiekonzern? Es ist Konzernchef Heinrich Hiesinger, der vor zweieinhalb Jahren noch bei Siemens arbeitete und Guido Kerkhoff, der Finanzchef, der vor einem Jahr noch bei der Telekom als Leiter des Finanzressorts fungierte. Es sind nach zehn Jahren wieder Fremdlinge, unbelastete Outsider mit objektivem Blick auf das Biotop ThyssenKrupp, auf die Beitz und Cromme mal wieder setzen.

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