Problemfall Energiesparte Siemens ist "nah an der Katastrophe"

Das Energiegeschäft von Siemens läuft noch schlechter als bisher bekannt. Die Belegschaft stellt sich auf eine neue Kündigungswelle ein. Warum fällt der Konzern zurück? Und wie ist die Wende zu schaffen?

Siemens-Energiesparte letztes Quartal abgestürzt Quelle: imago

Die lang gezogene, silbrig-graue Fabrikhalle in der Mülheimer Rheinstraße grenzt direkt an die Ruhr. „Siemens Power Generation“ steht in großen Buchstaben an der Außenwand. Neben dem Eingang flattern müde drei Fahnen mit dem Firmenlogo im Wind. Eine Straße weiter liegt ein verlassener Baumarkt; bei Pommes Klaus nebenan sind auch mittags noch die Rollläden unten.

Die triste Ruhrgebietsszenerie passt zur Stimmung, die in diesen Tagen hinter den Toren der Mülheimer Siemens-Hallen herrscht. Der Konzern baut hier Dampfturbinen – die ganz großen Maschinen, von 250 Megawatt bis hoch in Leistungsbereiche von 600 Megawatt. Die Anlagen werden unter anderem in Kohlekraftwerken gebraucht, wo sie aus Dampf Strom erzeugen.

Belegschaft erwartet nächste Kündigungswelle

Etwa 4800 Leute arbeiten im Mülheimer Werk – noch. Siemens verhandelt mit den Betriebsräten über Abfindungen für 450 Leute. Die müssen gehen, weil das Geschäft mit Anlagen zur Energieerzeugung lahmt, „konjunkturbedingt“, so die offizielle Begründung bei Siemens. Insgesamt fallen in Deutschland 1200 Jobs in der Energiesparte weg, so der bisherige Plan von Vorstandschef Joe Kaeser.

Die Siemens-Sparten im Vergleich

Doch in Mülheim stellt sich die Belegschaft schon auf die nächste Kündigungswelle ein. Im Mai wolle Siemens neue Streichungen in der Energiesparte verkünden, heißt es in Unternehmenskreisen. Die Rede ist von mehreren Tausend Arbeitsplätzen. „Dann sind wir hier in Mülheim bei einem Personalabbau im vierstelligen Bereich“, fürchtet ein Betriebsrat.

Ob in Mülheim, Görlitz, Erfurt oder Berlin: Wo Siemens Ausrüstung und Anlagen für die Energieerzeugung fertigt, herrscht derzeit Krisenstimmung. „Nah an der Katastrophe“, so beschreibt es ein Insider, entwickle sich der Bereich. Alles laufe viel schlechter, als man noch vor wenigen Monaten geglaubt habe, heißt es in Unternehmenskreisen. Man sei bei der „Energieerzeugung technisch weit hinten dran“. Es werde Jahre dauern, bis Siemens den Rückstand aufgeholt habe.

Kaeser schiebt die Schuld an den Problemen gerne Richtung Berlin, die Energiewende, die Politik von Bundeskanzlerin Angela Merkel habe die Nachfrage nach großen Turbinen einbrechen lassen. Siemens aber hat auch Trends verschlafen, ist bei wichtigen Technologien weit hinter der Konkurrenz zurückgeblieben.

Die neue Struktur von Siemens
Division Power and GasDiese Einheit umfasst das Siemens-Portfolio an großen Gas- und Dampfturbinen, Kompressoren sowie künftig die Gasturbinen zur dezentralen Energieversorgung. Umsatz 2013: rund 14 Milliarden EuroDefinierte Zielmarge: elf - 15 ProzentGeführt werden soll die Division von Roland Fischer, der derzeit die Division Power Generation leitet. Quelle: dpa
Division Wind Power & RenewablesDie Sparte baut Windkraftanlagen zur Stromerzeugung an Land und auf See. Siemens ist weltweit Marktführer bei Offshore-Windkraftanlagen. Nach Umsatz ist die Division eine der kleineren. Da mit einem weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien weltweit zu rechnen ist, aber auch eine der zukunftsträchtigsten. Umsatz 2013: 5 Milliarden EuroDefinierte Zielmarge: 5 - 8 %Chef: Markus Tacke. Tacke ist derzeit Chef des Bereichs Wind Power. Quelle: dpa
Division Power Generation ServicesHier wird das Service-Geschäft für die große installierte Basis von Siemens-Anlagen in der Energieerzeugung abgewickelt. Umsatz: Die Geschäftszahlen werden in den Divisionen Power& Gas und Windkraft und erneuerbare Energie aufgeführt. Chef der Division ist Randy Zwirn. Er leitet bisher die so genannte Division Energy Service, die damit umbenannt und ausgeweitet wurde. Quelle: REUTERS
Division Energy ManagementIn dieser Division gehen die bisherigen Divisionen Low and Medium Voltage und Smart Grid auf. Das Geschäft dreht sich rund um Lösungen und Produkte für die Stromübertragung und -verteilung sowie Technologien für intelligente Stromnetze. Umsatz 2013: zwölf Milliarden EuroDefiniert Zielmarge: sieben - zehn Prozent Die Führung übernehmen Ralf Christian und Jan Mrosik, die Leiter der aufgelösten Divisionen Low&Medium Voltage und Smart Grid. Quelle: dpa
Division Power TransmissionStromtransport, Schalttechnik und Transformatoren sowie Energieübertragungssysteme sind Kern der Einheit Power Transmission. Siemens ist unter anderem führend bei der Hochspannungsgleichstromübertragung (HGÜ). Dieser Technologie kommt beim Netzumbau und der Integration von erneuerbaren Energien eine wichtige Rolle zu. Umsatz: wird in der Division Energy Management ausgewiesen Die Leitung der Division übernimmt ebenfalls Jan Morsik. Der bisherige Chef der Division Karlheinz Springer muss seinen Sessel räumen. Er hatte den Posten im April 2012 übernommen. Morsik fielen wahrscheinlich die Probleme mit zwei Hochspannungsleitungen in Kanada auf die Füße. Neben höheren Baukosten vielen dort Vertragsstrafen wegen Verzögerungen an. Quelle: REUTERS
Division Building TechnologiesIn diesem Bereich bündelt Siemens integrierte Automatisierungslösungen und intelligente Technik für Gebäude. Umsatz 2013: 6 Milliarden EuroDefinierte Zielmarge: acht - elf ProzentChef der Division ist und bleibt Johannes Milde. Quelle: dpa
Division MobilityHier bündelt Siemens die Zugtechnik und die Bahnautomatisierung. Sollte der Zusammenschluss mit Alstom zustande kommen, würde diese Sparte wohl an die Franzosen abgetreten werden. Umsatz 2013: 7 Milliarden Euro Definierte Ziel-Marge: sechs - neun ProzentChef der Division wird Jochen Eickholt, der heute die Division Rail Systems führt. Quelle: dpa
Division Digital FactorySchlagwort "Industrie 4.0" - Siemens will die Zukunft der Fertigung durch das Zusammenbringen von realer und digitaler Welt bei Design, Produktion und Service gestalten. Die Division bündelt spezialisierte Lösungen und Technologien für Automatisierungstechnik, industrielle Schalttechnik und Industrie-Software unter einem Dach. Umsatz 2013: 9 Milliarden EuroDefinierte Zielmarge: 14 - 20 ProzentChef wird Anton Huber, der bisher die Division Industry Automation leitet. Quelle: dpa
Division Process Industries and DrivesDiese Einheit bietet Produkte, Systeme, Applikationen und Lösungen für integrierte Antriebstechnik und -systeme. Kaeser will sich hier auf einige stark wachsende Kernbranchen fokussieren, so etwa Öl und Gas, Nahrung und Genussmittel sowie Chemie und Pharma. Umsatz 2013: elf Milliarden EuroDefinierte Zielmarge: acht - 12 ProzentChef wird Peter Herweck, der derzeit für das Unternehmensprojekt Prozessindustrie bei Siemens verantwortlich ist. Quelle: obs

Sparte Power und Gas schrumpfte um drei Prozent

Schon die letzten Zahlen waren ernüchternd. Im ersten Quartal des laufenden Geschäftsjahres, also von Oktober bis Dezember 2014, brach der Gewinn in der Sparte Power and Gas im Vergleich zum Vorjahresquartal von 536 auf 325 Millionen Euro ein. Der Umsatz, bereinigt um Zukäufe, Verkäufe und Währungseffekte, schrumpfte um drei Prozent auf 2,9 Milliarden Euro. „Es gibt kein anderes Geschäft im Hause mit einem vergleichbar großen Handlungsbedarf“, hatte Kaeser dazu im Januar erklärt. Wenn der Siemens-Chef Anfang Mai das Zahlenwerk zum zweiten Quartal vorlegt, werde es aber noch schlimmer kommen, heißt es nun in Konzernkreisen. Siemens wollte dazu keine Stellung nehmen.

Viel zu spät haben die Münchner erkannt, dass immer mehr Städte und Gemeinden auf kleine Gaskraftwerke zur Stromerzeugung bauen. Oftmals nutzen diese Kraftwerke zusätzlich die entstehende Wärme zur Heizung privater Haushalte und kommen so auf Wirkungsgrade von mehr als 90 Prozent. „Die dezentrale und kleinteilige Energieversorgung ist der zentrale Trend“, sagt etwa Marco Deckert, Energieexperte am Fraunhofer-Institut in Sulzbach bei Nürnberg.

Götz Brühl ist Geschäftsführer der Stadtwerke im oberbayrischen Rosenheim, einer Stadt mit gut 60 000 Einwohnern. Brühls ganzer Stolz ist ein kleines Kraftwerk, in dem die Stadt ihren Müll verbrennt. Das so entstandene Gas treibt mehrere Motoren an, die Strom und Wärme erzeugen. Schon vor zwölf Jahren hat Rosenheim dafür die ersten vier Gasmotoren mit je vier Megawatt angeschafft. Vor Kurzem hat Brühl das Kraftwerk erweitert und noch einen Gasmotor mit einer Leistung von zehn Megawatt eingekauft.

„Den Strom speisen wir ins Netz ein“, erläutert Brühl, „vorzugsweise zu Zeiten, in denen der Preis an der Strombörse hoch ist.“ Die entstehende Wärme können die Rosenheimer speichern oder ins Fernwärmenetz einspeisen. Kombiniert kommt das kleine Kraftwerk mit seinen knapp 30 Megawatt auf mehr als 90 Prozent Wirkungsgrad.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%