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Produktion wird zu teuerBye, Bye China

Die Löhne steigen - China verliert immer mehr seine Rolle als Billigwerkbank für den Westen. Mit welchen Strategien sich deutsche Unternehmen bei der Beschaffung darauf einstellen, wie sich die Lieferketten weltweit verändern.Florian Willershausen, Henryk Hielscher, Philipp Mattheis und Mathias Peer 16.10.2013 - 16:00 Uhr

Gardeur-Chef Gerhard Kränzle ist ein Verfechter kurzer Lieferketten. Statt in China, produziert er nun in Tunesien - und gibt damit einen neuen Trend vor.

Foto: WirtschaftsWoche

Draußen tobte die Wirtschaftskrise, drinnen hatten die Banker der HSH Nordbank die Regie übernommen – doch der neue Geschäftsführer Hosenschneiders Gardeur in Mönchengladbach wagte einen aberwitzigen Vorschlag: „Wir kündigen allen Lieferanten in China und lassen nur noch in Tunesien produzieren.“ Es war im März 2011, als Gerhard Kränzle seinen Rettungsplan für den angeschlagenen Mittelständler vorlegte, und er erntete zunächst nur Gelächter. In Nordafrika kostet die Produktionsminute doppelt so viel wie in China. Wer im umkämpften deutschen Modemarkt Erfolg haben will, so das Dogma, muss billig einkaufen und Preise drücken.

Kränzle ist zwar Schwabe, aber kein Preisdrücker. „Ich bin ein Verfechter kurzer Lieferketten“, sagt der Manager. Seit er in Tunesien statt in China produzieren lässt, braucht er vier bis sechs statt 27 Wochen vom Design einer Hose bis zum Verkaufsbeginn im Laden. „Wenn Sie in China nähen lassen, ist die Ware sechs Wochen auf See und erst nach drei Monaten im Handel“, sagt Kränzle. „Da müssen Sie oft von Anfang an mit dem Rotstift verkaufen.“ Zeit ist für den 50-Jährigen ein geldwerter Vorteil: „Wenn die Fabriken in der Nähe Ihrer Absatzmärkte stehen und effizient laufen, können Sie den Preisvorsprung der Asiaten einholen.“ Mit dieser eigenwilligen Strategie will er die Krise des Einzelhandels auf Distanz halten.

Alternativen zu China
Das Kölner Unternehmen Ergobag wollte seine Ranzen eigentlich in China produzieren lassen. Doch das auf Nachhaltigkeit bedachte Unternehmen störte sich an den langen Arbeitszeiten in den dortigen Fabriken.Nun lässt Ergobag bei Zulieferer ASG nahe Ho-Chi-Minh-Stadt Schulrucksäcke herstellen. Dessen Vertriebschef Lee will dieses Jahr 200.000 Stück für die Deutschen herstellen, die sein größter Kunde sind.
Gardeur-Chef Kränzle lässt alle Hosen in Tunesien nähen, wo er zwei Werke betreibt und ausbaut. Produzenten in China hat er gekündigt, weil die Lieferzeit zu lange dauert. Dafür will er jetzt in Bosnien eine stillgelegte Fabrik neu einrichten.
Für den Hersteller Ara aus Langenfeld bei Solingen nähen in Addis Abeba rund 500 Mitarbeiter Lederschuhe.Die Arbeiter verdienen bei Ara rund 20 Euro im Monat. Das sind derart niedrige Lohnkosten, dass nun auch chinesische Hersteller Fabriken in Äthiopien bauen.

Ende der Billigproduktion aus China

Kränzle gibt einen Trend vor, der deutsche Hersteller und Händler in Zukunft intensiv beschäftigen wird. Denn China verliert wegen steigender Kosten in immer stärkerem Maß seine Rolle als Billigwerkbank für den Westen. Darauf reagieren deutsche Unternehmen, die im Reich der Mitte Waren oder Teile beschaffen, mit drei Strategien, bisweilen auch mit allen gleichzeitig: erstens wie bei Gardeur mit dem Aufbau neuer, kürzerer Lieferketten näher an den jeweiligen Absatzmärkten. Das erhöht die Produktionskosten, bringt aber Zeitvorteile. Zweitens bauen Einkäufer Alternativen zu China auf. Das können wenig erschlossene Länder sein wie Äthiopien und Myanmar, das frühere Burma, oder günstige Standorte in Chinas Nachbarschaft, wo Vietnam bei deutschen Unternehmen besonders populär ist. Wieder andere bleiben China treu und versuchen, die höheren Kosten an die Kundschaft weiterzureichen.

Den einen Königsweg gibt es nicht, aber es steht fest: Mit der Kostenexplosion im Reich der Mitte geht die Billigpreisära auch in Deutschland dem Ende entgegen. Noch habe China als Einkaufsmarkt eine „sehr hohe Bedeutung, zunehmend auch für hochwertige Produkte“, beobachtet Stefan Genth, der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland. „Aber der Handel prüft besonders in lohnintensiven Bereichen Verlagerungen in andere Länder.“

Was aus China kommt

Lohnintensiv ist noch immer das meiste, was heute aus China kommt. 2012 stiegen laut nationaler Statistikbehörde die Löhne für Wanderarbeiter um 11,8 Prozent, so wie fast jedes Jahr seit den Neunzigerjahren. Für Unternehmen verteuern sich auch Mieten und Sozialabgaben. Umweltauflagen werden schärfer, deren Umsetzung somit teurer.

428 Milliarden Euro setzte der deutsche Einzelhandel 2012 um – allein bei der Rewe-Gruppe kommen etwa 75 Prozent aller nicht essbaren Waren aus China. Für die Deutschen war die Beschaffung in Fernost stets ein lukratives Geschäft. Unter 1,3 Milliarden Einwohnern gab es genug Arbeitskräfte, die flink und billig produzieren, was westliche Konsumgesellschaften so brauchen: Kulis und Kerzen, Schuhe und Schulranzen, Haarschmuck und Hundeleinen.

Boomtowns

Yihaa! Auf in Chinas Wilden Westen

Taiwaner, Südkoreaner und Japaner sind schon da - im westlichen China, der neuen Boomregion des Landes. Doch auch ein paar deutsche, mutige Konzerne wagen den Weg in den Wilden Westen.

von Philipp Mattheis und Florian Willershausen

Alternativen zu China I: Bangladesch-Marokko

Foto: WirtschaftsWoche

Jetzt will Peking lieber Autos bauen statt Klamotten nähen. Forschende Unternehmen werden gefördert, der Binnenkonsum soll gestärkt, einfache Lohnfertigung zugunsten einer Produktion mit höherer Wertschöpfung verdrängt werden. Rasant schmilzt Chinas Kostenvorteil vor allem in Massensegmenten wie dem Elektronik- oder Textilsektor dahin. Unter den Folgen leiden zuerst die Lieferanten in China selbst.

Auf dem Schreibtisch in Dian Ming Leis Büro liegt Blekviva: Die original verpackte Gardine wird bald in Ikea-Märkten weltweit erhältlich sein. Der chinesische Lohnfertiger Penndi produziert die Waren in Jiangsu nahe Shanghai. Der schwedische Einrichtungsgigant steht hier für 80 Prozent des Geschäfts. Aber das läuft schlecht, der Umsatz hat sich 2012 auf 27 Millionen Euro fast halbiert. Denn Ikea setzt verstärkt auf Waren aus billigeren Lieferländern in Südostasien oder Pakistan, bezieht zugleich aber auch Gardinen aus Bulgarien, weil sie schneller im Möbelhaus liegen. Beides ist nicht gut für Lei.

Welche Länder sich für welche Branchen als Alternative zu China anbieten: Myanmar, Pakistan, Tunesien, Ukraine, Vietnam (zum Vergrößern bitte anklicken).

Foto: WirtschaftsWoche

Mehr Maschinen

Es klingt wie ein schlechter Scherz: Ein Chinese klagt über „Billigkonkurrenz aus Fernost“, an die er Ikea-Aufträge verliert. Aber Lei meint es ernst: „Die Lohnkosten sind in China in den vergangenen Jahren massiv gestiegen“, in seiner Fabrik allein 2012 um 15 Prozent. Für ihn ist der Einstiegslohn von rund 320 Euro pro Monat viel, weil Ikea die Preise drückt. „Drei Prozent mussten wir letztes Jahr billiger werden“, sagt Lei. Zudem zwang ihn Ikea, die Zahl der Überstunden zu reduzieren. In der Folge arbeiten seine Angestellten weniger, verdienen mehr, müssen aber gleichzeitig billiger produzieren.

Um dem Druck standzuhalten, hat Lei seine Belegschaft um fast die Hälfte auf 268 Arbeiter reduziert. Zum Einsatz kommen jetzt immer mehr Maschinen. „Die Automatisierung ist unsere einzige Chance, billiger zu werden und die Qualität zu verbessern.“ Wohin der Preisdruck noch führt? Lei zuckt mit den Achseln. „Es ist wie mit einem nassen Handtuch“, sagt er. „Wringt man es aus, kommt am Anfang viel Wasser, später weniger. Aber einen Tropfen kann man immer noch herauspressen.“

Platz 12: Zara (Inditex)

Inditex ist der Totalausfall unter den weltweit größten Modelabels: Der spanische Klamottenriese, der dem galizischen Oligarchen Amancio Ortega gehört und in Deutschland mit der Marke Zara zu den Platzhirschen in der Fußgängerzone zählt, kümmert sich kaum um seine Lieferanten: Aus der Organisation BSCI, die auf relativ laxe Weise Mindeststandards kontrolliert, wurden die Spanier vor einigen Jahren ausgeschlossen – weil sie nicht einmal ein Minimum an Arbeitssicherheit bei ihren Lieferanten einfordern. Auf Anfrage von wiwo.de will sich Inditex dazu nicht äußern. Auf der Homepage behauptet der Hersteller, dass man sich um das Thema CSI kümmert. Natürlich lässt Inditex Nähereien Selbstverpflichtungen unterschreiben, wonach diese sauber produzieren. Darauf kann man juristisch verweisen, wenn eine Fabrik abgebrannt ist. Zuletzt kam es Ende 2010 zu einem Brand in einer für Inditex schneidernden Textilfabrik in Dhaka, bei dem 28 Menschen ums Leben kamen. Wer sein Modelabel moralisch in der Verantwortung sieht, darf bei Zara nicht oder Massimo Dutti nicht einkaufen.

Transparenz -
Kontrolle -
Verantwortung -

Foto: REUTERS

Platz 11: Tommy Hilfiger

Mitte des letzten Jahrzehnts befand sich die US-Modemarke Tommy Hilfiger in einer wirtschaftlichen Krise. Dann stieg der Private Equity-Fonds Apax Partners ein und verlegte die Firmenzentrale nach Amsterdam. Mit klugem Marketing in Europa wurde aus der kriselnden Marke das Lifestyle-Brand schlechthin – vor allem, weil die Marketing-Strategie in Deutschland aufging. Die Bundesrepublik ist der wichtigste Markt für das Label, das seit zwei Jahren zum US-Modekonzern PVS gehört. Scheinbar ohne Schaden überstand die Marke vor knapp einem Jahr einen Fabrikbrand in Bangladesch, der sich bei einem Lieferant von Tommy Hilfiger ereignete. Klar, Tommy Hilfiger verpflichtet seine Lieferanten auf einen „Code of Conduct“, dessen Inhalt auch auf der Homepage nachzulesen ist. Ob und wie das Modeunternehmen die Einhaltung kontrolliert? Man weiß es nicht. Auf mehrere Fragen zur CSR-Strategie hat das Unternehmen nicht reagiert – und damit jegliche Auskünfte über Zahl und Struktur der Lieferanten verweigert.

Transparenz -
Kontrolle -
Verantwortung -

Foto: AP

Platz 10: Primark

Es ist gar nicht einfach, den H&M-Herausforderer aus Irland zu kontaktieren. Primark hat weder in Deutschland noch im Rest der Welt eine Pressestelle, an die Journalisten ihre Anfragen richten können. Erst nach einer knappen Woche melde sich eine externe PR-Agentur und beantwortet einige Fragen zu Recherchen der WirtschaftsWoche: Dass eine Primark-Bestellung bei einem Zulieferer landete, der westlichen Standards nicht entspricht, sei ein Einzelfall gewesen. Ein lizenzierter Lieferant habe die Order ohne Kenntnis und Einverständnis der Iren an diese Fabrik ausgelagert. Was eigentlich gar nicht passieren darf, denn über seine Homepage verpflichtet nagelt sich der irische Discounter auf „ethischen Handel“ und höchste Sozialstandards bei Lieferanten fest. Dies wird allerdings nicht nur durch die Recherchen der WirtschaftsWoche konterkariert – zumal der Hersteller insgesamt bei Details merkwürdig mauert: Primark will weder die Zahl der Lieferanten oder die der internen Auditoren kommunizieren, noch die wichtigsten Lieferländer und den Anteil der Direktimporte nennen.

Transparenz -
Kontrolle -
Verantwortung -

Foto: Screenshot

Platz 9: New Yorker

Die Produkte der Modekette kommen überwiegend aus der Türkei, China, Indonesien, Pakistan und Bangladesch. Weitere Angaben macht das Unternehmen nicht.

Transparenz -
Kontrolle -
Verantwortung -

Das norddeutsche Bekleidungsunternehmen, das vor allem jüngere Zielgruppen anspricht, fällt durch hohle Worte auf: Man könne „versichern, dass sich New Yorker der großen Verantwortung gegenüber den Menschen, die an der Herstellung unserer Produkte beteiligt sind, bewusst ist“, heißt es als Antwort auf eine WiWo-Anfrage, wie das Unternehmen denn ordentliche Verhältnisse unter den Lieferanten sicherstellen will. Eine plausibel begründete Antwort liefert das Unternehmen nicht. Die Sprecherin schwärmt zwar von großartigen Selbstverpflichtungen für Lieferanten und erwähnt eigene Kontrolleure, die die Fabriken besuchen – belegen kann sie das nicht. Vor allem ist der Modehersteller in keiner Business-Organisation Mitglied, die wenigstens ein Mindestmaß an Sozialstandards kontrolliert. Nicht zuletzt weigert sich New Yorker zu kommunizieren, in welchen Ländern wie viele Lieferanten tätig sind. Transparenz schaut anders aus. Daumen runter für New Yorker.

Foto: Screenshot

Platz 8: Ernsting's Family

Nur zehn der 400 Lieferanten der Handelskette sind aus Bangladesch. Kontrolliert werden die hauptsächlich in China, Indien und der Türkei ansässigen Zulieferer durch externe Kontrolleure der "Business Social Compliance Initiative". Die Direktimportquote von Ernsting's Family liegt bei 85 Prozent.

Transparenz O
Kontrolle O
Verantwortung O

Man könnte meinen, Ernsting’s Family lege ganz besonderen Wert auf Transparenz und Sozialverantwortung: Das Unternehmen aus Niedersachen fertigt Klamotten für Eltern und vor allem Kinder – eine Zielgruppe, bei der es um Vertrauen geht. Aber auch Kinderklamotten von Ernsting’s Family findet man in Bangladesch, wovon auf dem Aufnäher nichts zu lesen ist. Im Laden des Herstellers findet sich für kaum ein Produkt die Angabe, woher die Ware stammt. Auf der Webseite zählt das Familienunternehmen immerhin die Lieferländer auf und behauptet, man habe dort „stets ein wachsames Auge auf die Produktionsbedingungen“. Als die WirtschaftsWoche Details zu einer Fabrik erfahren möchte, behauptet ein Sprecher zunächst die Fabrik nicht zu kennen. Erst als er erfährt, dass dort Kinderklamotten für Ernsting's Family vom Band liefen, forscht er nach – und stellt fest, dass ein holländischer Importeur mit der Fabrik in Kontakt stand. Immerhin sind die Niedersachsen seit einigen Monaten BSCI-Mitglied und lassen dadurch Mindeststandards kontrollieren.

Foto: Presse

Platz 7: Tom Tailor

Die Modekette beschäftigt 170 Zulieferer, mehr als zehn davon aus Bangladesch. Damit ist des Südasiatische Staat nach China und vor Indien eine der wichtigsten Regionen für Tom Tailor. Kontrolliert werden die Lieferanten von der "Business Social Compliance Initiative". Grade hat sich das Unternehmen auf "Direct Sourcing" umgestellt und peilt damit eine Direktimportquote von 85 Prozent an.

Transparenz O
Kontrolle O
Verantwortung O

Bislang hat sich das norddeutsche Modeunternehmen wenig um die eigene Lieferkette gekümmert: Tom Tailor bezieht seine Waren bislang vor allem über Importeure aus Billiglohnländern, konkrete Daten über die Herkunft der Lieferanten nennt das Unternehmen nicht. Für Kontrollen sind vor allem externe Organisationen zuständig, die die Mindeststandards der BSCI überprüfen. Aber die Hamburger steuern um: In diesen Wochen eröffnet Tom Tailor ein Büro in Bangladesch, insgesamt will der Mode-Mittelständler 85 Prozent der Waren selbst importieren. Der Weg ist löblich – ob er auch tatsächlich zu mehr Verantwortung führt, harrt noch dem Realitätscheck.

Foto: dapd

Platz 6: Esprit

Der Modekonzern bezieht seine Waren von 945 verschiedenen Lieferanten weltweit, die meisten davon aus China, Indien und der Türkei. Lediglich 27 Lieferanten haben ihren Sitz in Bangladesch. Der Anteil des Direktimports beträgt 99 Prozent. Die Kontrolle übernehmen elf firmeninterne Auditoren.

Transparenz +
Kontrolle O
Verantwortung O

Das in Deutschland stark präsente Bekleidungshaus mit Sitz in Hongkong schämt sich nicht für seine Billigproduktion. Esprit legt offen, wo in der Welt man nähen lässt, vor allem in China und Indien. Dabei verzichtet die Trend-Marke weitgehend auf Importeure und bezieht fast alle Klamotten direkt vom Hersteller. Esprit bemüht sich nach eigenen Angaben, „die Bedürfnisse und Anforderungen unserer Partner zu erfassen und einander gegenseitig zu unterstützen, damit nachhaltige Geschäftsbeziehungen entstehen können“. Das klingt toll – aber man fragt sich, wie das klappen soll: Esprit lässt 975 Lieferanten aus aller Welt für sich arbeiten, wobei lediglich elf interne Auditoren den Kontakt zu den „Partnern“ halten. Darüber hinaus setzt der Moderiese auf BSCI-Prüfungen, die auf Mindeststandards abzielen.

Foto: dpa

Platz 5: H&M

Die Textilkette Hennes&Mauritz beschäftigt weltweit rund 1650 Lieferanten, davon 250 aus Bangladesch. Der Anteil der Direktimporte beträgt dabei 100 Prozent. Hauptsächlich wird in China, Bangladesch und der Türkei produziert. Untersucht werden die Lieferanten von 100 eigenen Kontrolleuren der Kette.

Transparenz +
Kontrolle +
Verantwortung O

Mit viel Gebrüll stürzen sich Fernsehteams auf H&M, wenn es um Arbeitsbedingungen bei Nähereien in Entwicklungsländern geht. Erst im Februar fand der WDR im „Markencheck“ heraus, dass Kinder für die Schweden arbeiten. Der zweitgrößte Modekonzern der Welt, der als trendig und billig zugleich gilt, ist in Sachen CSR aber besser als sein Ruf: In Bangladesch leistet sich der Konzern ein großes Büro, das einen engen Kontakt zu den Lieferanten vor Ort pflegt. Auf Druck der Schweden gewährleisten die großen Fabriken Brandschutz, anständige Löhne und medizinische Versorgung. Aber auch H&M nutzt seine starke Marktposition nicht, um im Verein mit anderen Großbestellern etwa die Mindestlöhne zu erhöhen. Wie die deutschen und amerikanischen Riesen kochen die Schweden ihr eigenes Süppchen.

Foto: dpa

Platz 4: C&A

785 Lieferanten bringen der Handelskette ihre Waren. Neben China ist Bangladesch mit 130 Bezugsquellen eine der wichtigsten Regionen. Sechs eigene Kontrolleure beschäftigt die Kette, die einen Direktimportanteil von 95 Prozent aufweist.

Transparenz +
Kontrolle +
Verantwortung O

Die Sprösslinge der holländischen Familie Brenninkmeijer interessieren sich sehr für Themen rund um Nachhaltigkeit – und entsprechend müssen sich die Manager ihres Handelskonzerns C&A Mühe geben, die textile Lieferkette sauber zu halten. Also listet man beim Düsseldorfer Moderiesen in einem Nachhaltigkeitsbericht minutiös auf, wie viele Kontrollen es in welchen Ländern gegeben hat, was beanstandet wurde und was der Konzern in punkto Umweltschutz oder Mindestlöhnen unternimmt. Die Transparenz ist vorbildlich. Mit seiner Marktmacht kann es der deutsche Riese schaffen, einige Lieferanten auf Linie zu bringen – aber eines versäumt der Konzern: Man nutzt die Marktmacht nicht ausreichend, um den politischen Hebel zu bewegen. Mit einer konzertierten Aktion der Großabnehmer sollte es möglich sein, die Produktionsbedingungen in Ländern wie Bangladesch für alle zu verbessern.

Foto: dpa

Platz 3: Olymp

Nur acht Zulieferer bringen dem Bekleidungsunternehmen ihre Waren, eins davon ist aus Bangladesch. Daneben sind Indonesien, China und Vietnam wichtige Produktionsregionen. Kontrolliert werden die Lieferanten durch die "Business Social Compliance Initiative".

Transparenz +
Kontrolle O
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Der Hersteller für Herren-Hemden leistet sich eine aufwändige Qualitätskontrolle: Fast permanent sind Reisetechniker aus Baden-Württemberg bei Lieferanten in Bangladesch oder Indonesien vor Ort, um die Waren zu prüfen. Nebenbei beobachten sie in den Fabriken die Sozialstandards – die Kontrolle der Standards ist allerdings schwierig, weil die Deutschen keinen direkten Einfluss auf Betriebspolitik des Lieferanten nehmen können oder wollen. Gleichwohl schafft er es durch seine regelmäßige Präsenz bei den Lieferanten, zu ihnen ein partnerschaftliches Verhältnis zu entwickeln – und das ist die Basis dafür, dass die Produktion sauber läuft. Dem Familienunternehmen kommt dabei die überschaubare Lieferanten-Struktur entgegen. Außerdem ist Olymp Mitglied in der Business Social Compliance Initiative (BSCI), die Lieferanten mit Hilfe von Prüfgesellschaften wie den TÜV Rheinland auf die Einhaltung von Mindeststandards kontrollieren.

Foto: dpa

Platz 2: Gerry Weber

Die meisten seiner 143 Zulieferer des Bekleidungsherstellers haben ihre Ware aus China, der Türkei und Bulgarien. Nur zwei sind aus Bangladesch. Alle Waren werden direkt importiert. Mit der Kontrolle der Zulieferer sind 11 Angestellte von Gerry Webber betraut.

Transparenz +
Kontrolle +
Verantwortung +

Der westfälische Hersteller für Damenoberbekleidung importiert zu 100 Prozent direkt und gibt sich erkennbar Mühe, seine 143 Lieferanten im Blick zu behalten. Elf eigene Kontrolleure reisen um die Welt und behalten die Lieferanten im Blick – zusätzlich zu den externen BSCI-Auditoren. Bei Gerry Weber weiß man daher relativ gut Bescheid, woher die Klamotten und Zutaten wie Reißverschlüsse und Knöpfe kommen – und Zahlen hierüber gibt das Unternehmen bereitwillig heraus. Diese Transparenz ist für einen Textil-Mittelständler nicht selbstverständlich. Das mag aber auch daran liegen, dass der Hersteller im M-DAX notiert ist.

Foto: dpa

Platz 1: Hugo Boss

100 Prozent der importierten Ware des Modeherstellers kommt direkt vom Produzenten. Diese haben ihren Sitz hauptsächlich in Osteuropa, China und der Türkei. Von den 250 Lieferanten sind nur zwei aus Bangladesch.

Transparenz +
Kontrolle +
Verantwortung +

Der traditionsreiche deutsche Schneider, der seinen Umsatz vorwiegend im Männermode-Geschäft erzielt, ist eher im höherpreisigen Segment zuhause. Vielleicht ist das der Grund, weshalb sich man sich in der Pressestelle geradezu für dafür schämt, aus Billiglohnländern Waren zu beziehen. Die Pressesprecherin legt jedenfalls Wert darauf, dass das "Herzstück" die firmeneigenen Fabriken in der Türkei, Polen, Italien, Deutschland und den USA seien. Aber dem Kostendruck der Globalisierung kann sich auch ein Hugo Boss nicht entziehen – und so pflegen die Schwaben auch Beziehungen zu Lieferanten in China und Bangladesch. Bei Hugo Boss versichert man, dass "wir einen sehr hohen personellen Aufwand betreiben, um die Betriebe kontinuierlich zu begleiteten und fortwährend zu kontrollieren". Intern verfüge man über 130 Auditoren, die sich dem Thema CSR widmen, wobei externe Organisationen hinzukommen. Es scheint, dass Hugo Boss das Thema Verantwortung ernst nimmt. Was plausibel ist, denn der Hochpreis-Marke würde ein Skandal sehr viel mehr schaden als jedem Billigheimer.

Quellen: Unternehmensangaben, eigene Recherchen

Foto: dapd

Die folgenden großen Modeunternehmen sind nicht in unserem Ranking eingestuft

Metro Group

Die Metro Group hat weltweit 2000 Lieferanten, davon sitzen 29 in Bangladesch. Die wichtigsten Regionen für den Konzern sind China, Bangladesch und Indien. Zwar beschäftigt die Metro Group keine eigenen Kontrolleure, dafür wird sie aber durch die "Business Social Compliance Initiative", kurz BSCI, kontrolliert.

Foto: dapd

Otto

Der wichtigsten Regionen für den Handelskonzern sind China, Indien und die Türkei. Nur 18 der weltweit 923 Lieferanten sind aus Bangladesch. Diese werden von 24 internen Kontrolleuren überprüft. Der Anteil der Direktimporte beträgt 77 Prozent.

Foto: dpa

Tchibo

Der Kaffee-Konzern macht zu den Bezugsländern seiner 800 Lieferanten keine Angaben. Diese werden aber von 230 eigenen Kontrolleuren beobachtet.

Foto: dpa/dpaweb

Takko

Der Mode-Discounter erhält seine Waren von etwa 300 Lieferanten. Bangladesch ist dabei mit rund 100 Produzenten noch vor der Türkei und China die wichtigster Region. Die Zulieferer werden von 25 Firmeninternen Auditoren kontrolliert. Der Anteil der Direktimporte liegt zwischen 80 uns 90 Prozent der gesamten importierten Ware.

Foto: dpa/dpaweb

Aldi

Woher Aldi seine Ware bezieht ist unbekannt. Nur eins ist sicher: Die Quote der Direktimporte liegt bei null Prozent.

Foto: AP

Kik

Der Textildiscounter ist schon oft wegen der unwürdigen Lebens- und Arbeitsbedingungen in Kritik geraten. Weltweit hat das Unternehmen 1000 Lieferanten. 100 davon haben ihren Sitz in Bangladesch. Neben dem südasiatischen Staat ist China die wichtigste Produktionsregion. Die Kontrolle unterliegt elf Auditoren von Kik selbst. 71 Prozent der Waren werden direkt importiert.

Transparenz +
Kontrolle -
Verantwortung O

Der größte unter den deutschen Billigheimer ist das perfekte Opfer: Wenn ein Fernsehteam Kinder bei der Arbeit in Bangladesch gefunden hat oder eine Textilfabrik in Indonesien Flüsse verschmutzte hat, waren die Billigklamotten oft nicht weit. Im September gab ein Skandal in Pakistan Wasser auf die Mühlen der Kritiker: Die Fabrik in Karachi, wo bei einem Brand fast 300 Menschen ums Leben kamen, nähte für Kik. Trotz allem hat der Billigheimer vor Ort keinen schlechten Ruf: In Bangladesch unterstützt der Riese aus Deutschland NGO-Projekte zur Verbesserung von Arbeitsbedingungen. Seit der anerkannte CSR-Experten Michael Arretz in der Geschäftsführung sitzt, setzt Kik auf maximale Transparenz und Direktimporte. Aber bei über 1000 Lieferanten ist es schwierig, den Überblick zu behalten. Das Unternehmen ist kein BSCI-Mitglied.

Foto: dpa

s.Oliver

95 Prozent seiner Waren importiert die Modekette direkt vom Hersteller. Die meisten stammen aus Regionen wie Indien, Indonesien, Bangladesch und China. Die weltweit 748 Lieferanten werden von 14 Kontrolleuren beaufsichtigt. 61 der Lieferanten beziehen ihre Waren aus Bangaldesch.

Transparenz O
Kontrolle O
Verantwortung O

Wie der schärfste Konkurrent Esprit leistet sich s.Oliver relativ viele Lieferanten: 748 Nähereien, Färbereien oder Webereien stehen für das Modeunternehmen aus Rottendorf bei Würzburg unter Vertrag. Da fragt man sich, wie die 14 internen Auditoren den Überblick behalten wollen. Wie bei Esprit steht in Zweifel, dass der Aufbau von Vertrauensverhältnissen zu den allen Lieferanten gelingt – allein schon, weil man auf ein breites Netz an Lieferanten verfügt. Immerhin legt s.Oliver dessen Struktur auf Anfrage von wiwo.de offen. Auf der Homepage ist allerdings nichts über die CSR-Strategie zu erfahren. Es findet sich zwar eine Pressemitteilung, wonach die Franken in Bangladesch ein Berufsbildungsprojekt unterstützen. Die Franken sind kein Mitglied der BSCI, die ein Minimum an Sozialstandards überprüft.

Foto: dpa/dpaweb

Autoteile kommen wieder öfter aus Europa

Schmelzen die Kostenvorteile der Asiaten weiter weg, lohnt sich der monatelange Transport in Containern nicht. Schon Textilproduzenten wie Gardeur-Chef Kränzle brauchen die Ware schnell im Regal. Für die just-in-time-vernarrte Autoindustrie gilt das erst recht. „Der Trend geht zu kürzeren Lieferketten“, beobachtet Hans-Georg Scheibe, Geschäftsführer der Münchner Beratung ROI Management Consulting: „Komponenten für sein Werk in China will ein Autohersteller in China beschaffen.“

Teile für die Produktion in Europa kämen künftig stärker aus Europa, etwa der Slowakei oder Bulgarien. „Bei solchen hochwertigen Waren kommt es nicht auf jeden Cent an, sondern auf Qualität und Geschwindigkeit“, sagt Scheibe. Wenn man dies berücksichtige, sei Ostasien nicht mehr günstiger als Europa.

Am 24. November kam es wieder zu einem Feuer in einer Textilfabrik in Bangladesch. Dabei kamen mehr als 110 Menschen ums Leben. In dem mehrstöckigen Gebäude wurde für C&A genäht.

Foto: dapd

Rund 40 Millionen Menschen leben in der bengalischen Hauptstadt Dhaka einschließlich der Vororte. Wer sich im Alltag bewegen will, nimmt am besten eine Rikscha. Die kunstvoll bemalten Tretkutschen muss man zumal entlang dieser Einkaufsstraße nicht lange suchen: Es konkurrieren Hunderttausende Fahrer, die zumeist in Slums leben und für ihre karges Leben auf den überfüllten Straßen strampeln.

Foto: Probal Rashid für WirtschaftsWoche

In den Slums von Dhaka teilen sich meist drei bis fünf Menschen einen drei Mal vier Meter großen Blechverhau – so wie diese Mutter mit ihrem Kleinkind. Für die schäbigen Wellblechlauben müssen die Bewohner rund 24 Euro Miete im Monat bezahlen. Das ist fast so viel wie eine angelernte Näherin in den ersten Jahren in einer Textilfabrik verdient.

Foto: Probal Rashid für WirtschaftsWoche

Feierabend in Dhaka: Die Näherinnen einer Textilfabrik, die für H&M Kleidung fertigt, verlassen die Fabrik und kehren heim in ihre Slums. Im muslimischen Bangladesch tragen die meisten Frauen Kopftücher und Seidentücher, die bunt verziert und häufig sehr farbenfroh sind.

Foto: Probal Rashid für WirtschaftsWoche

Drei Männer verladen Altpapier unweit einer Slum-Siedlung im Industriegebiet von Kunipara in Dhaka auf einen Lkw. Wie der Ausschuss der Textilindustrie wird auch Papier irgendwo im Norden des Landes irgendwie recycelt.

Foto: Probal Rashid für WirtschaftsWoche

In dieser Fabrik werden Hosen für die italienische Marke Gaudi genäht, in denen der Aufnäher „Made in Turkey“ zu finden ist. Der Geruch in dem mehrstöckigen Gebäude vom Samar Fashion Tex in Dhaka rührt nicht von der Straße – sondern von den offenen Plumpsklos, auf die diese Näherinnen direkt schauen.

Foto: Probal Rashid für WirtschaftsWoche

In dieser Fabrik sind die Fenster vergittert. Häufig fehlt es auch an Feuerlöschern und Feuerlöschern. Wenn in den meist mehrstöckigen Textilfabriken ein Feuer ausbricht, kommt kaum jemand lebend heraus – so wie in Karachi, Pakistan, wo im September fast 300 Menschen bei einem Brand in der Fabrik von ALI Enterprises starben. Der Lieferant fertigte Jeans für den deutschen Discounter Kik.

Foto: Probal Rashid für WirtschaftsWoche

Im Slum von Kunipara leben viele junge Familien zwischen Abfall und Essenresten in ständigem Gestank. Die meisten arbeiten in der benachbarten Fabrik der Hameem-Group, die für den schwedischen Handelsriesen H&M näht. Auf den Arbeitgeber lassen sie nichts kommen: Zwar ist der Lohn gering, aber die Näherei bietet den Mitarbeitern kostenlose medizinische Versorgung und bezahlt die Überstunden.

Foto: Probal Rashid für WirtschaftsWoche

Der Mindestlohn ist in Bangladesch gesetzlich vorgeschrieben – und die Nähereien halten sich auch daran. 3000 Taka, also rund 30 Euro, verdient eine Näherin im Monat. Für erfahrenere Arbeiterinnen, zu denen vermutlich diese Frau zählt, zahlen manche Lieferanten deutscher Modemarken etwas mehr. Eine Erhöhung der Mindestlöhne blockiert die Industrie.

Foto: Probal Rashid für WirtschaftsWoche

Wie alt ist dieses Mädchen? Schon 15 oder jünger? Vielen jugendlichen Näherinnen sieht man wegen jahrelanger Unterernährung nicht an, dass sie älter als 15 Jahre sind und somit legal in den Fabriken arbeiten können. Sie sehen einfach jünger aus – sind aber genauso alt wie Auszubildende, die in einer deutschen Fabrik am Band stehen. Kinderarbeit, sagen selbst kritische Gewerkschafter in Dhaka, ist in Bangladesch kein großes Problem mehr, weil es einfach genug jugendliche Arbeitskräfte gibt.

Foto: Probal Rashid für WirtschaftsWoche

Diese Hemden sind frisch verpackt und bereit für die Verschiffung nach Europa. Zur Wintersaison werden sie in Regalen der Handelsriesen liegen, für ein Vielfaches ihrer Herstellungskosten in Bangladesch. Ohne dieses Land wäre die Billigkultur im Westen nicht möglich – und ohne den Westen würden in Bangladesch viel mehr Menschen verhungern.

Foto: Probal Rashid für WirtschaftsWoche

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Foto: WirtschaftsWoche

„Es gibt keine einzelnen Länder, die China als Beschaffungsmarkt in puncto Qualität und Quantität ersetzen können“, urteilt Einkaufsexperte Thorsten Makowski von der Beratung Valueneer in Berlin. Zusammen mit der Kellogg School of Management im US-Staat Illinois hat er untersucht, nach welchen Kriterien Einkäufer neue Märkte auswählen. Die Ergebnisse liegen der WirtschaftsWoche exklusiv vor.

Entscheidend sind danach Kosten und Qualität, weniger wichtig sind Steuern, Umweltschutz und Innovationskraft. Die befragten Einkäufer aus aller Welt planen, ihre Aktivitäten in den kommenden drei Jahren vor allem in Russland, Indien, Malaysia und Indonesien auszubauen.

Luft nach oben: Rucksackfabrikant Brian Lee will für den Kölner Kunden Ergobag seine Fertigung in Vietnam ausbauen

Foto: WirtschaftsWoche

Bangladesch, Vietnam, Indien

In der besonders preisempfindlichen Textilbranche wollen laut einer druckfrischen Studie der Beratung McKinsey 72 Prozent der befragten Chefeinkäufer aus Europa und den USA ihre Beschaffung in den kommenden fünf Jahren von China in andere Länder verlagern, vor allem nach Bangladesch, aber auch nach Vietnam und Indien. China bleibt zwar vorerst der wichtigste Bekleidungsmarkt, drei Viertel der Einkäufer erwarten aber Preiserhöhungen (siehe Grafik).

„Für die Fertigung einfacher Artikel wie T-Shirts ist China schlicht zu teuer“, sagt Markus Bergauer, Gründer der Kölner Einkaufsberatung Inverto. Neben Bangladesch nennt er Vietnam und Kambodscha als Ausweichkandidaten, auch Myanmar könnte sich als Textilstandort etablieren.

Wege zum sauberen Textilimport
Textilriesen kaufen Kleidung meist über Importeure. Die Dienstleister im Dunkeln knabbern zwar an den Margen – ihnen können sie aber bei Skandalen die Verantwortung aufladen. Wer das vermeiden will, muss die Lieferkette in Eigenregie kontrollieren.
Lieferanten in Ländern wie Bangladesch wickeln ihre Bestellungen oft über Partnerfirmen ab, die in bedeutend schlechterem Zustand sind als die Vorzeigefabriken. Wer seine Verantwortung ernst nimmt, muss in diese Subfabriken Kontrolleure schicken und Kunden deren Namen nennen können.
Echten Einblick in die Arbeitsbedingungen bekommen nur eigene Mitarbeiter der Modeunternehmen, die ständig vor Ort sind. Jedes Label sollte daher ein Team aus entsandten und lokalen Einkäufern, Beratern und Kontrolleuren im Lieferland aufbauen.
Der Glücksfall ist die Arbeit mit Lieferanten, die ihren Hauptkunden als Partner verstehen – und sich mit dessen Hilfe weiterentwickeln wollen. Das erfordert Vertrauen auf beiden Seiten und viel Zeit. Hilft ein Modekonzern seinen Lieferanten, die Produktivität zu verbessern, steigt auch dessen Bereitschaft zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen.
Label wie H & M, C & A, Kik oder Tommy Hilfiger importieren solche Mengen aus Bangladesch, dass sie über gewaltigen Einfluss verfügen – theoretisch. Praktisch arbeitet jeder für sich, statt gemeinsam am runden Tisch mit der Regierung nach besseren Gesetzen zu verlangen. Auch politischer Druck ist rar, obwohl gerade Deutschland in Entwicklungsländern viel Respekt genießt.

Noch keine reibungslose Produktion

In Vietnam hat zum Beispiel der Kölner Rucksackhersteller Ergobag den passenden Lieferanten für seine rückenschonenden Rucksäcke gefunden. Die sollen nicht nur Kinderrücken schonen, sondern auch die Natur entlasten: Das Material stammt aus recycelten PET-Flaschen. Allerdings läuft die Produktion nicht reibungslos. So waren vor ein paar Wochen bei mehreren Tausend Rucksäcken die Zipper am Reißverschluss blau statt grün – ein kleiner, aber ärgerlicher Mangel. Darum haben die Kölner Nhan Nguyen angeheuert. Der in Deutschland aufgewachsene Vietnamese berät in Ho-Chi-Minh-Stadt deutsche Unternehmen dabei, den Beschaffungsmarkt Vietnam zu erobern.

Am Werkstor des Ergobag-Lieferanten ASG verkauft eine alte Frau Kokosnüsse, im Wind weht die Flagge der sozialistischen Republik. ASG-Vertriebschef Brian Lee führt Nhan Nguyen durch die aufgeräumte Fabrik. Es ist hell und angenehm kühl. Auch für andere Marken wird hier gefertigt, aber einen Großteil der Kapazität hat Ergobag mittlerweile für sich gebucht. Vor drei Jahren lieferte Vietnam 4200 Rucksäcke nach Köln, 2012 waren es mehr als 100.000 Stück, in diesem Jahr sollen es noch einmal doppelt so viele werden.

Länderprofil Indonesien
238 Millionen Einwohner
Das BIP wuchs im Jahr 2011 gegenüber dem Vorjahr um 6,4 Prozent. Bis 2025 soll die Wirtschaftskraft Indonesiens ums Vierfache steigen.
2011 führte Indonesien Waren im Wert von 127 Milliarden Dollar ein.
81 Milliarden US-Dollar
4,7 Dollar. Der Wert errechnet sich aus dem absoluten BIP geteilt durch BIP pro Person.
Pro Kopf werden nur drei Dollar in Forschung und Entwicklung investiert. In Malaysia sind es zum Beispiel 93 Dollar.
Indonesien verfügt über förderbare Ressourcen im Wert von 101 Milliarden US-Dollar und damit über das höchste Volumen der neun kommenden Absatzmärkte.


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Lee freut sich über die vollen Auftragsbücher. Momentan fertigt das Unternehmen auf 18 Fertigungslinien. „Wenn hier unten kein Platz mehr ist, können wir die obere Etage noch ausbauen”, sagt Lee und verspricht: „Wir wollen gemeinsam mit Ergobag wachsen.“ Damit macht sich der Zulieferer auch ein Stück weit vom Erfolg seiner deutschen Partner abhängig.

Für Berater Nguyen ist das ein optimales Modell für deutsch-vietnamesische Zusammenarbeit: „Der Aufbau von Lieferbeziehungen ist in Vietnam aufwendig und langwierig“, sagt er, das Bildungsniveau der Arbeiter sei niedrig, die Fabriken technisch oft in einem „miserablen Zustand“. Darum würden sich Geschäfte nur lohnen, wenn sie langfristig ausgerichtet sind.

Falscher Netzstecker

Das klappt nicht immer auf Anhieb. Eine Kompressorenfabrik im Süden Vietnams, kurz vor Feierabend. Minh Do hat einen Termin mit dem Produktionsleiter, er ist unzufrieden. Der Vietnam-Repräsentant des bayrischen Heimwerkerausrüsters Einhell, der hier Bohrmaschinen, Akkuladegeräte oder Gartenpumpen produzieren lässt, hat allerlei zu meckern: Bei einigen Geräten sind die Stromkabel zu kurz, bei anderen haben die Arbeiter einen falschen Netzstecker montiert. „Nicht akzeptabel“, brummt Minh Do, der penible Deutsch-Vietnamese.

Sein Vietnam-Abenteuer startete Einhell vor fünf Jahren. Der Heimwerkerausstatter suchte günstige Lieferanten und wollte die Abhängigkeit von China senken. Minh Do sollte die Niederlassung aufbauen und die Qualität kontrollieren – und hat damit bis heute seine Mühe: „Das Niveau, das wir vorfanden, war deutlich schlechter als erwartet.“ Werkzeuge und Maschinen fehlten, viele Fabriken waren verdreckt, Produktivität und Kapazitäten ließen häufig zu wünschen übrig.

Vietnam und Äthiopien

Wer Waren in Vietnam kaufen will, muss seinen Lieferanten erst europäische Standards beibringen. 70.000 Kompressoren hat Einhell in diesem Jahr in Vietnam geordert, 20.000 mehr als im Vorjahr. Vietnams Anteil am Einhell-Einkaufsvolumen liegt im einstelligen Prozentbereich – und viel mehr dürfte es wegen der Schwierigkeiten mit den Lieferanten auf absehbare Zeit auch nicht werden. Minh Do will darum künftig eher simple Produkte ordern. Gerade sucht er nach einem Hersteller, der ein paar Tausend Sackkarren liefern kann.

Auf der Suche nach Märkten, auf denen nur wenige Wettbewerber um die Kapazitäten in der Lohnfertigung rangeln, setzt der Hamburger Kaffeeröster und Non-Food-Händler Tchibo bei Textilien auf Länder wie Äthiopien. Dort baute ein türkischer Lieferant eine Spinnerei, Tchibo unterstützte das Projekt mit langfristigen Lieferverträgen. Mehr als eine Million Teile bezieht Tchibo nun aus Ostafrika.

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Die Löhne in Äthiopien sind deutlich niedriger als in China, Arbeitskräfte gibt es genug. Und das nordostafrikanische Land kann mehr als Textilien: Der nordrhein-westfälische Schuhproduzent Ara lässt dort Schuhe und Handtaschen herstellen, die Rewe-Gruppe kauft in der Region Blumen ein.

Allerdings gilt Äthiopien als politisch instabil und ist auch logistisch eine Herausforderung. Die längste Grenze hat das Land mit dem Anarcho-Staat Somalia, einen eigenen Hafen hat Äthiopien nicht. Tchibo und Ara verschiffen ihre Waren über Dschibuti im Norden oder über Kenias Hafenstadt Mombasa – „just in time“ ist da schwer vorstellbar.

Nachteile

Bei den meisten mittelständischen Unternehmen fehle allerdings Kompetenz und Kapazität, um neue Märkte zu erschließen, sagt Christian Rast, Einkaufsexperte der Beratung KPMG in Köln. „Viele Mittelständler haben es gerade erst geschafft, stabile Lieferbeziehungen mit China aufzubauen, nun sollen sie schon wieder weiterziehen.“

Und alle China-Alternativen haben ihre Nachteile. Bangladesch etwa hat zwar Millionen Näherinnen, die für nur 40 Euro im Monat arbeiten. Aber die Arbeitsbedingungen sind oft so miserabel, dass schnell das Image der Marke auf dem Spiel steht, wenn Fabriken einstürzen oder brennen und Tausende Menschen sterben (WirtschaftsWoche 35/2013).

In China bleiben

Indien hat ebenfalls genug billige Arbeitskräfte, aber wegen der schlechten Infrastruktur und der überbordenden Bürokratie klappt die Logistik hinten und vorn nicht. Indonesien schließlich verfügt über viele gut ausgebildete Menschen, aber die Löhne sind höher als in China.

Also doch in China bleiben? Für manche großen Konzerne ist das die einzige Lösung. Die Kölner Rewe-Gruppe etwa will die steigenden Kosten in den chinesischen Fabriken in den Griff bekommen, indem sie den Zulieferern zu mehr Effizienz verhilft. „China werden wir nicht ersetzen können, gerade bei Hartwaren wie Elektrogeräten bleibt das Land der zentrale Produktionsstandort“, sagt Torsten Stau, der für Rewe die Beschaffung von Non-Food-Waren managt. Innerhalb des Landes seien allerdings Verschiebungen möglich, etwa in den Nordwesten des Landes, wo die Regierung derzeit Investitionen fördere.

Von heute auf morgen könne der Handel keine größeren Einkaufsvolumina aus China herausnehmen, sagt auch Michael Ciesielski, Chef-Einkäufer des Düsseldorfer Metro-Konzerns in Hongkong: „Es findet nur eine sehr behutsame Verlagerung aus China statt, da es an Kapazitäten in alternativen Märkten fehlt“, so Ciesielski. Auf lange Sicht rechne er daher mit steigenden Einkaufspreisen.

Ein Grund dafür: Die Lieferanten in Asien lassen sich nicht länger auspressen, warnt eine Einkäuferin, die ihren Namen nicht nennen möchte. Sie ist eine von zigtausend Dienstleistern, die für Baumärkte, Discounter und Ein-Euro-Läden allen billigen Ramsch in Asien beschafft – und gleichermaßen unter Druck von Einkäufern und Lieferanten steht. Dass die Preise in China steigen, wollen gerade die Deutschen nicht wahrhaben, sagt die Einkäuferin. „Sie geben uns ihre niedrigen Preise vor, und dementsprechend müssen wir immer billigere Qualität kaufen.“ Aber für sie werde es immer schwieriger, in China passende Lieferanten zu finden. Denn die könnten selbst schlechteste Qualität nicht zu immer niedrigeren Preisen liefern. Zumal alle Lohnfertiger Sozialvorschriften erfüllen müssen: Wer einschlägige Stempel für Arbeitsschutz und Qualitätszertifikate nicht vorweisen kann, dem darf die Vermittlerin keine Waren abnehmen.

Spezielle Produktgruppen

Seit zehn Jahren kauft die Betriebswirtin in Asien für deutsche Billigheimer ein. Ihr Büro liegt in einem schmucklosen Hongkonger Geschäftshaus, im Erdgeschoss ist ein Schnellrestaurant. Im Flur ist eine Kamera auf einem Stativ montiert, daneben steht ein großer Reflektor. Das Equipment ist Teil ihres Jobs: Die Einkäuferin sucht nicht nur nach Lieferanten, sie fotografiert die Warenmuster auch. Damit kann der Kunde seine Prospekte bebildern, während die Lieferung noch im Container auf dem Weg ist. „Wir übernehmen zusätzliche Serviceleistungen, um dem Kunden einen Mehrwert zu bieten.“ Das muss sie auch: Vor allem große Konzerne wie Metro mit ihren mehr als 2000 Lieferanten kaufen immer häufiger direkt ein. So sparen sie fünf bis zehn Prozent Provision.

Die Einkäuferin hat sich inzwischen stark spezialisiert: Für eine deutsche Baumarktkette etwa kauft sie vor allem Tier-Accessoires und Gartenmöbel ein. „Auf spezialisierte Einkäufer können die Großen nicht verzichten“, glaubt die Kauffrau, „ihnen fehlen die Kontakte zu Lieferanten, die ganz spezielle Dinge wie Roll-Hundeleinen herstellen.“ Solche Produkte kämen weiterhin aus China, in Tunesien oder Marokko finde man keinen Fabrikanten, der bei einem Importvolumen von 5000 Stück pro Jahr eine Fertigungslinie einrichten würde. Für solche speziellen Produktgruppen sieht sie für den Handel keinen anderen Ausweg als diesen: „Sie müssen die höheren Preise akzeptieren und an den Kunden weitergeben – oder auf ihre Ware aus Asien verzichten.“

Geiz ist nicht geil

Hosenfabrikant Kränzle jedenfalls ist froh, dass er mit Asien nichts mehr am Hut hat. Die Qualität hat oft nicht gepasst: Er habe Hosen bekommen, die sich bei gleicher Konfektionsgröße um zwei Zentimeter in der Länge unterschieden. „Als kleiner Einkäufer kriegen Sie oft schlechte Lieferanten ab. Ein guter Lohnfertiger in Asien lacht über unsere geringen Mengen.“

Mit dem Abschied aus China scheint der Textilunternehmer alles richtig gemacht zu haben. Inzwischen ist Gardeur raus aus der Krise – sogar die HSH Nordbank hat Kränzle vertrieben: Ende September übernahm er deren Anteile und wurde so vom Sanierer zum Inhaber des Mittelständlers. Dass dies auch mit einer Geiz-ist-nicht-geil-Strategie funktionieren kann, hätte die Branche nicht für möglich gehalten.

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