WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Produktion wird zu teuer Bye, Bye China

Seite 6/6

Lieferanten werden mutiger

Von heute auf morgen könne der Handel keine größeren Einkaufsvolumina aus China herausnehmen, sagt auch Michael Ciesielski, Chef-Einkäufer des Düsseldorfer Metro-Konzerns in Hongkong: „Es findet nur eine sehr behutsame Verlagerung aus China statt, da es an Kapazitäten in alternativen Märkten fehlt“, so Ciesielski. Auf lange Sicht rechne er daher mit steigenden Einkaufspreisen.

Ein Grund dafür: Die Lieferanten in Asien lassen sich nicht länger auspressen, warnt eine Einkäuferin, die ihren Namen nicht nennen möchte. Sie ist eine von zigtausend Dienstleistern, die für Baumärkte, Discounter und Ein-Euro-Läden allen billigen Ramsch in Asien beschafft – und gleichermaßen unter Druck von Einkäufern und Lieferanten steht. Dass die Preise in China steigen, wollen gerade die Deutschen nicht wahrhaben, sagt die Einkäuferin. „Sie geben uns ihre niedrigen Preise vor, und dementsprechend müssen wir immer billigere Qualität kaufen.“ Aber für sie werde es immer schwieriger, in China passende Lieferanten zu finden. Denn die könnten selbst schlechteste Qualität nicht zu immer niedrigeren Preisen liefern. Zumal alle Lohnfertiger Sozialvorschriften erfüllen müssen: Wer einschlägige Stempel für Arbeitsschutz und Qualitätszertifikate nicht vorweisen kann, dem darf die Vermittlerin keine Waren abnehmen.

Spezielle Produktgruppen

Seit zehn Jahren kauft die Betriebswirtin in Asien für deutsche Billigheimer ein. Ihr Büro liegt in einem schmucklosen Hongkonger Geschäftshaus, im Erdgeschoss ist ein Schnellrestaurant. Im Flur ist eine Kamera auf einem Stativ montiert, daneben steht ein großer Reflektor. Das Equipment ist Teil ihres Jobs: Die Einkäuferin sucht nicht nur nach Lieferanten, sie fotografiert die Warenmuster auch. Damit kann der Kunde seine Prospekte bebildern, während die Lieferung noch im Container auf dem Weg ist. „Wir übernehmen zusätzliche Serviceleistungen, um dem Kunden einen Mehrwert zu bieten.“ Das muss sie auch: Vor allem große Konzerne wie Metro mit ihren mehr als 2000 Lieferanten kaufen immer häufiger direkt ein. So sparen sie fünf bis zehn Prozent Provision.

Die Einkäuferin hat sich inzwischen stark spezialisiert: Für eine deutsche Baumarktkette etwa kauft sie vor allem Tier-Accessoires und Gartenmöbel ein. „Auf spezialisierte Einkäufer können die Großen nicht verzichten“, glaubt die Kauffrau, „ihnen fehlen die Kontakte zu Lieferanten, die ganz spezielle Dinge wie Roll-Hundeleinen herstellen.“ Solche Produkte kämen weiterhin aus China, in Tunesien oder Marokko finde man keinen Fabrikanten, der bei einem Importvolumen von 5000 Stück pro Jahr eine Fertigungslinie einrichten würde. Für solche speziellen Produktgruppen sieht sie für den Handel keinen anderen Ausweg als diesen: „Sie müssen die höheren Preise akzeptieren und an den Kunden weitergeben – oder auf ihre Ware aus Asien verzichten.“

Industrie



Geiz ist nicht geil

Hosenfabrikant Kränzle jedenfalls ist froh, dass er mit Asien nichts mehr am Hut hat. Die Qualität hat oft nicht gepasst: Er habe Hosen bekommen, die sich bei gleicher Konfektionsgröße um zwei Zentimeter in der Länge unterschieden. „Als kleiner Einkäufer kriegen Sie oft schlechte Lieferanten ab. Ein guter Lohnfertiger in Asien lacht über unsere geringen Mengen.“

Mit dem Abschied aus China scheint der Textilunternehmer alles richtig gemacht zu haben. Inzwischen ist Gardeur raus aus der Krise – sogar die HSH Nordbank hat Kränzle vertrieben: Ende September übernahm er deren Anteile und wurde so vom Sanierer zum Inhaber des Mittelständlers. Dass dies auch mit einer Geiz-ist-nicht-geil-Strategie funktionieren kann, hätte die Branche nicht für möglich gehalten.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Zur Startseite
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%