Recyclingunternehmen Interzero „Eine Welt ohne Abfall ist unsere klare Vision“

Beinahe zwei Jahrzehnte lang führte Axel Schweitzer mit seinem Bruder Eric Schweitzer gemeinsam das Entsorgungsunternehmen Alba. Jetzt geht er eigene Wege. Quelle: Presse

Nach der Teilung des Familienunternehmens hat Axel Schweitzer ehrgeizige Pläne: Er träumt von einer Welt ohne Abfälle. Ein Gespräch über Vergangenheitsbewältigung, Zukunftsvisionen und schädliche Plastikverpackungen.

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Die Anfänge der Schweitzers als Familienunternehmer liegen lange zurück, die Geschichte begann in Berlin 1968 mit einem Müllhaufen hinter dem Berliner Hotel Kempinski. Der Bauingenieur Franz Josef Schweitzer bot dem Hotel an, sich um die Entsorgung zu kümmern und gründete kurze Zeit später mit seiner Frau das Entsorgungsunternehmen Alba. Das Unternehmen war eins der Ersten, das Glas und Papier getrennt sammelte und ins Plastikrecycling einstieg. Als Franz Josef Schweitzer 1998 verstarb, übernahmen seine Söhne Eric und Axel Schweitzer. Nun steht die Familie wieder vor einem Scheitelpunkt: Vor wenigen Wochen haben Eric und Axel Schweitzer ihr Familienreich aufgeteilt. Mit seinem neuen Unternehmen Interzero will Axel Schweitzer nun an einer Vision arbeiten: Er träumt von einer Welt ohne Abfälle.

WirtschaftsWoche: Herr Schweitzer, Sie teilen aktuell Ihr Familienimperium auf. Sind alle Papiere unterschrieben, alle Schnitte vollzogen?
Axel Schweitzer: Ja, wir haben diese Neuaufstellung jetzt abgeschlossen.

Ihr Vater hat Alba 1968 gegründet. Wie fühlt es sich an, das Familienreich nach mehr als 50 Jahren zu zerteilen?
Es ist ja eher ungewöhnlich, dass man in Familien auch den gleichen Beruf oder sogar das gleiche Unternehmen teilt. Wir sind als Brüder weiter mannigfaltig verbunden. Da verspüre ich auch viel Respekt und Stolz für die Vergangenheit. Aber ich freue mich auch darauf, die Zukunft zu gestalten. Die Aufspaltung ergibt Sinn, weil wir damit auf die veränderten Märkte reagieren. Wir sehen das als eine natürliche Weiterentwicklung.

Es gab mal eine andere Vision für ihr Familienunternehmen: Alba sollte der größte Entsorgungs- und Recyclingkonzern Deutschlands werden. Nun sind Sie nicht mal mehr die Nummer Drei. Wann haben Sie sich von dieser Idee für die Zukunft verabschiedet?
Unser Punkt war nicht, dass wir der Größte sein wollten. Wir wollten die komplette Wertschöpfungskette unter einem Dach vereinen, von der Entsorgung bis zu Kreislaufsystemen zur Abfallvermeidung. Aber seitdem haben sich die Märkte deutlich verändert und Technologien exponentiell weiterentwickelt. Deshalb ergibt es viel Sinn, dass auch wir uns verändern.

Einst wollten die Brüder Schweitzer mit Alba die Entsorgungskönige Deutschlands werden. Stattdessen haben sie ihr Unternehmen aufgeteilt – und keine der Hälften wirkt noch besonders königlich.
von Jacqueline Goebel

Ihnen ist häufig nachgesagt worden, dass Sie die Familie Rethmann mit Remondis als größten Entsorger in Deutschland überholen wollen. War das nicht so?
Wenn man von außen auf die Branche schaut und eben diese zwei Familien in Deutschland sieht, dann ist die Frage nachvollziehbar. Aber für uns ist das nicht relevant. Wir konzentrieren uns auf unseren eigenen Weg und unsere eigene Entwicklung – genau wie im Basketball. Dort gibt es auch andere Vereine, die machen beispielsweise neben Basketball auch weitere Sportarten. Aber weil das andere tun, heißt das nicht, dass wir jetzt eine Fußballabteilung aufmachen müssen. Was andere Unternehmen machen, können wir eh nicht beeinflussen.

Alba hat schwierige Jahre hinter sich. Das Unternehmen hat sich an Übernahmen verhoben, hatte jahrelang große Schuldenprobleme, hat Unternehmensteile an chinesische Investoren verkauft, die kurz danach in finanzielle Schwierigkeiten gerieten. Bereuen Sie einen dieser Schritte?
Es ist Teil unseres Weges, unserer Erfahrung. Das hat uns zu dem gemacht, was wir heute sind, und hilft uns, morgen das ein oder andere noch besser zu machen. Das ist vielleicht auch einer der Punkte, warum es für uns nun natürlich ist, mit der Aufteilung einen weiteren Schritt zu gehen.

Die Unternehmensteile der chinesischen Investoren haben Sie später wieder zurückgekauft – zu einem Bruchteil des Preises, heißt es. Hat es sich also gerechnet?
Gerechnet würde heißen, unser Geschäftsmodell wäre es, Unternehmensteile zu verkaufen und wieder zurückzukaufen. Das ist nicht so. Man muss es jeweils zwischen Raum und Zeit sehen.

Früher hieß Ihr Unternehmensteil Interseroh – Ihr neues Unternehmen heißt nun Interzero. Wie spricht man das eigentlich aus?
Interseroh stand damals für „Internationale Sekundärrohstoffe“. Der neue Name kommt von „International Zero Waste Solutions“. Wir sind in Europa und darüber hinaus aktiv und so haben sich viele im englischsprachigen Raum gewundert, warum wir es „falsch“ schreiben.

Was wollen Sie mit der Aufspaltung und Interzero erreichen?
Mein Teil umfasst Kreislaufdienstleistungen, Kunststoffrecycling und das Duale System Ínterseroh+ mit der Verpackungslizenzierung als verbindendes Element – diese Bereiche habe ich in der Vergangenheit bei Alba auch schon verantwortet. Eine Welt ohne Abfall ist unsere klare Vision. Als ich darüber das erste Mal gesprochen habe, das ist schon über eine Dekade her, haben die Menschen mich noch belächelt und es teilweise als „Marketing“ abgetan. Denn als Mitinhaber eines der größten Entsorgungs– und Recyclingunternehmen kann das doch nicht ernst gemeint sein. Das hat sich vollkommen verändert. Jetzt arbeiten wir mit vielen namhaften Unternehmen zusammen an Lösungen, wie man Abfälle vermeiden und Produkte und Materialien im Kreislauf führen kann, und sind mit der neuen Aufstellung hervorragend dafür positioniert.

Und wie weit ist diese Welt ohne Abfall noch entfernt?
Unsere Vision umzusetzen, das ist ein langer Weg. Diesen Weg werden wir gemeinsam als Interzero in den kommenden Jahren und weiteren Jahrzehnten gehen. Dafür arbeiten wir an neuen Kreislauflösungen und gewinnen neue Talente. Ich persönlich freue mich darauf. Hier in Deutschland und Europa gibt es für uns noch sehr viele lohnende Aufgaben.

von Jacqueline Goebel, Benedict Wermter

Und Ihr Bruder hat sich dieser Vision nicht angeschlossen? Zu seinem Unternehmensteil gehören zum Beispiel Müllabfuhr und Entsorgung.
Nein, da würde er Ihnen heftig widersprechen. Er macht neben der Entsorgung noch die Weiterverarbeitung vieler Materialien wie zum Beispiel von Papier, Stahl und Metall und Holz.

Und Sie haben den Kunststoff. Hätten Sie nicht lieber auch Papier oder Holz gehabt – Rohstoffe, für die sich Produkt-Kreisläufe vielleicht einfacher schließen lassen?
Das ist eine vereinfachte Darstellung. Wir wollen für und mit unseren Kunden Kreisläufe rohstoffübergreifend schließen. Bei einigen Rohstoffen wie Papier, Schrotten und Holz können wir besser Leistungen einkaufen und bei anderen sehr anspruchsvollen Bereichen wie zum Beispiel dem Kunststoffrecycling brauchen wir unser eigenes Wissen. Wir sind weltweit führend in der vollautomatisierten Kunststoffsortierung und haben uns dazu entschlossen, hier weiter tiefer in die Wertschöpfung hineinzugehen. Wir betreiben Sortieranlagen, investieren in die Granulatherstellung, also die Herstellung von Rezyklaten und schließen mit unseren Kunden Kreisläufe, unterstützt durch unser eigenes einzigartiges Labor.

In Deutschland werden bisher kaum zehn Prozent der Neukunststoffe im Jahr durch Rezyklate aus Plastikabfällen ersetzt. Das klingt nicht nach Kreislauf.
Da sehen Sie, dass wir erst am Anfang einer Kurve sind. Es gibt noch viel zu tun.

…nach 30 Jahren Mülltrennung und Recycling?
Die Ungeduld in diesem Punkt eint uns. Es bedarf eines Dreiklangs aus Gesetzgebung zur Bestimmung des Rahmens, der Industrie, um Lösungen anzubieten und umzusetzen und der Gesellschaft, diese auch zu implementieren. Durch die Coronapandemie hat sich erfreulicherweise noch mal das Bewusstsein verstärkt, dass sich etwas ändern muss, gerade bei den jüngeren Generationen. Unser Ziel ist auch nicht, Recyclingrohstoffe in Bahnschwellen zu bringen, wir wollen diese viel mehr in hochwertigen Produkten einbringen. Wir haben mit Vaude eine Fahrradtasche entwickelt, die zu hundert Prozent aus Recyclingmaterial ist. Da sind auch die Rückwand und das sehr strapazierte Befestigungssystem aus Recyclingrohstoff aus der gelben Tonne.

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