WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Rohstoffe Der niedrige Ölpreis ist ein Systemrisiko

Autofahrer freuen sich derzeit über niedrige Spritpreise. Doch dabei vergessen viele: Weltpolitische Krisen können auch von zu niedrigen Rohölnotierungen ausgehen.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Quelle: REUTERS

Nachdem die Opec auf ihrer 166. Sitzung am vorvergangenen Donnerstag in Wien beschlossen hatte, an ihrem Produktionsziel von 30 Millionen Barrel pro Tag festzuhalten, sind die Ölpreise binnen zwei Tagen um gut zehn Prozent eingebrochen. Gemessen an dem Mitte Juni erreichten Jahreshoch von 115,71 Dollar pro Barrel verbilligte sich Brentöl um fast 42 Prozent. Mit diesem Absturz dürften auch die letzten Ölbullen kapituliert haben. So gesehen ist ein erneuter Preisrückgang unter 68 Dollar vorerst nicht zu erwarten.

Meilensteine der Ölpreisentwicklung

Darauf deutet auch das One-Day-Reversal am vergangenen Montag hin. Nachdem Brentöl zunächst um 2,52 Dollar abrutschte, ging es bis Handelsschluss um gut fünf Dollar nach oben. Die technischen Indikatoren hatten zuvor Extremwerte erreicht wie zuletzt während des Preiscrash von 1986.

Auch damals wollte das wichtigste Opec-Mitglied Saudi-Arabien verlorene Marktanteile zurückgewinnen. In den 1980er Jahren hatte das Nordsee-Öl für ein weltweites Überangebot gesorgt, heute der durch Fracking ausgelöste Schieferölboom in den USA kombiniert mit einem nachlassenden Nachfragewachstum aus China. Den US-Ölboom wollen die Saudis abwürgen, indem sie ihren Ölhahn nicht zudrehen.

Welchen Staaten der niedrige Ölpreis besonders schadet
Erdölförderung Quelle: dpa
Ölförderung in Saudi-Arabien Quelle: REUTERS
Ölförderung in Russland Quelle: REUTERS
Oman Ölpreis Quelle: Richard Bartz - eigenes Werk. Lizenziert unter Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 über Wikimedia Commons
Öl-Leitung im Niger-Delta Quelle: dpa
Ölförderpumpe in Bahrain Quelle: AP
Venezuela Ölförderung Quelle: REUTERS

Bei einem Preis von 70 Dollar und tiefer machen die meisten US-Schieferölproduzenten Verluste, sagt Henry To, Chefanlagestratege von CB Capital Partners aus Newport Beach in Kalifornien. Tatsächlich gibt es bereits erste Anzeichen, die auf eine Einschränkung der Schieferölproduktion hindeuten.

So gingen die Genehmigungen für neue Bohrlöcher in Oktober um 15 Prozent zurück, im November gar um 40 Prozent. Für Maria van der Hoeven, geschäftsführende Direktorin der Internationalen Energie-Agentur in Paris, werden die Produzenten von unkonventionellem Öl derzeit auf ihre Wirtschaftlichkeit getestet wie nie zuvor.

Tiefe Ölpreise, hohe Abschreibungen

Zwischen 2000 und 2013 hat die weltweite Ölindustrie ihre jährlichen Ausgaben für Exploration und Produktion von 250 Milliarden auf knapp 700 Milliarden Dollar erhöht. In den USA kamen zuletzt 30 Prozent der gesamten Kapitalinvestitionen aus dem Energiesektor. Zahlreiche dieser Investitionen stehen jetzt im Risiko. Bei anhaltend tiefen Ölpreisen drohen gewaltige Abschreibungen.

Der Frackingboom in den USA ist vor allem auf Schulden aufgebaut. Ein großer Teil davon wurde von bonitätsschwachen Unternehmen über die Ausgabe von Hochzinsanleihen (Junk Bonds) aufgenommen. Doch defizitäre Unternehmen mit strapazierten Bilanzen werden jetzt nicht mehr so mühelos alte Schulden refinanzieren und neue Schulden aufnehmen können.

Etwa 15 Prozent aller Junk Bonds wurden von Unternehmen mit einem Bezug zur Energiewirtschaft emittiert. Entsprechend schlägt der Ölpreiseinbruch jetzt auf das gesamte Anleihesegment durch.

An den Finanzmärkten könnte die Einsicht reifen, dass billiges Öl nicht unbedingt gut ist für Weltwirtschaft, Anleihen- und Aktienmärkte.

Saudi-Arabien hat angekündigt, einen niedrigeren Ölpreis über einen längeren Zeitraum zu akzeptieren. Mit tiefen Taschen und den weltweit niedrigsten Produktionskosten besitzen die Saudis tatsächlich einen längeren Atem als die US-Schieferölproduzenten.

Damit die saudische Herrscherfamilie das eigene Land durch das Verteilen von Geldströmen aber weiter ruhig halten kann, ohne dass der Haushalt irgendwann aus dem Ruder läuft, darf der Ölpreis aber auch nicht zu lange unten bleiben. Bärenmärkte an den Ölmärkten aber können lange dauern, im Schnitt zwischen elf und 27 Jahren. Das ist das Ergebnis einer bis 1861 zurückreichenden Betrachtung von Credit Suisse.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Dieses Element gibt es nicht mehr.

Gemessen an den Verkaufsmengen und Staatsausgaben von 2013 deckt das aktuelle Preisniveau nur noch die Budgets der Golfstaaten Katar und Kuweit. Saudi-Arabien benötigte schon 92 Dollar pro Barrel für einen ausgeglichen Haushalt, die Mehrheit in der Opec gar mehr als 100 Dollar. Ausgabenkürzungen als Folge dauerhaft tiefer Ölpreise aber können zu innenpolitischen Problemen führen, bis hin zu Umstürzen.

Von den geopolitisch wichtigen Ländern sind der Iran und das Nicht-Opec-Mitglied Russland besonders bedroht vom fallenden Ölpreis. Weltpolitische Krisen müssen nicht zwangsläufig von zu hohen Ölpreisen ausgehen.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%