Rote Zahlen IG BCE will nationale Gesellschaft für Steinkohlekraftwerke

Viele Steinkohlekraftwerke schreiben rote Zahlen. Die IG BCE schlägt in der Not eine nationale Betreibergesellschaft vor. Beim Zechensterben in den 1960er Jahren gab es damit gute Erfahrungen. Doch Widerspruch dürfte programmiert sein.

Die Stärken und Schwächen von ThyssenKrupp
Stärke 1: Das Unternehmen besitzt ein solides Liquiditätspolster. Zwar hat Thyssen-Krupp gerade den zweiten Milliardenverlust in drei Jahren eingefahren. Dennoch ist der Konzern, dank eines sehr konservativen Finanzengagements, erstaunlich gut bei Kasse. Im vierten Quartal gelang es Finanzchef Guido Kerkhoff, die liquiden Mittel auf 3,6 Milliarden Euro zu erhöhen. Maßgeblich dazu beigetragen hat der Verkauf eigener Aktien, die ursprünglich als strategische Reserve für Übernahmen gedacht waren. Der Verkauf brachte einen Erlös von 1,6 Milliarden Euro. Quelle: dpa
Das aktuelle Liquiditätspolster reicht – abzüglich einer halben Milliarde Euro, die fest im operativen Geschäft gebunden sind – aus, um die in wenigen Monaten fälligen Finanzschulden von 0,6 Milliarden Euro abzulösen. Außerdem kann Thyssen-Krupp auf nicht gezogene Kreditlinien zurückgreifen, um sich bei Bedarf weitere 4,7 Milliarden Euro bei seinen Hausbanken zu borgen. Dank der hohen Liquidität sind die Anleihen von Thyssen-Krupp sogar für einen kleinen Kreis institutioneller Investoren interessant, die ihr Geld auch bei Unternehmen mit einer schlechten Bonitätsnote anlegen. Thyssen-Krupp gibt überwiegend Anleihen mit einem Nennwert von 1.000 Euro aus , wendet sich also gezielt an Privatanleger. Der Ruhrkonzern steht für Seriosität und finanzielle Solidität. Die Sorge, das Unternehmen könne pleitegehen, haben viele Privatanleger nicht. Bei den meisten Dax-Konzernen ist eine Mindeststückelung von 50.000 Euro üblich. Quelle: dapd
Stärke 2: Innovative Ingenieure sichern Vorsprung gegenüber den Konkurrenten. Der Investitionsgüter- und Stahlkonzern Thyssen-Krupp ist überwiegend auf bereits entwickelten Märkten tätig – und trifft dabei auf Konkurrenten mit günstigeren Kostenstrukturen. Um gegen sie zu bestehen, setzt der Konzern auf die innovative Kompetenz seiner Ingenieure. Denn erfahrungsgemäß sind die Kunden bereit, für bessere Qualität, größere Zuverlässigkeit und längere Lebensdauer eines Produktes einen Aufpreis zu bezahlen. Quelle: dapd
Auch im Geschäft mit seinen wichtigsten Kunden, den deutschen Autokonzernen, folgt Thyssen-Krupp diesem Prinzip. Und bei der wichtigsten Kennzahl, dem operativen Gewinn vor Abschreibungen pro Tonne Stahl, liegt der Konzern mit 124 Euro vor der Konkurrenz: Voestalpine verdient 105, Weltmarktführer Arcelor-Mittal sogar nur 44 Euro. Quelle: dpa
Allerdings musste Thyssen-Krupp auch lernen, dass ein vermeintlich günstiges Angebot am Ende richtig teuer werden kann: Um das Budget für das neue Stahlwerk in Brasilien nicht zu überziehen, hatte der Vorstand entschieden, die für das Milliardenprojekt wichtige neue Kokerei von einem chinesischen Anbieter bauen zu lassen. Der Experte im eigenen Haus, der Anlagenbauer Uhde, kam nicht zum Zug. Das Ergebnis ist bekannt: Die Chinesen lieferten Schrott, und jetzt muss Uhde für viel Geld die Kokerei ans Laufen bringen. Quelle: dpa
Stärke 3: Führende Marktposition in den meisten Geschäftsbereichen. Für einige Experten ist Thyssen-Krupp ein Paradebeispiel für einen Mischkonzern. Für andere ist der Essener Konzern ein unübersichtliches Industriekonglomerat. Tatsächlich zählt das Essener Traditionsunternehmen allein 636 Tochtergesellschaften in mehr als 80 Ländern, deren Geschäftszahlen, also Umsätze und Ergebnisse, voll in die Konzernbilanz einfließen. Quelle: dpa
Viele dieser Unternehmen sind in ihren Märkten tonangebend. Die Tochter Thyssen-Krupp Steel Europe beispielsweise ist nach Umsatz gemessen der zweitgrößte Anbieter auf dem Kontinent – hinter dem Branchenprimus Arcelor-Mittal. Weltweit belegt Thyssen-Krupp mit sämtlichen Stahlaktivitäten in Europa, Nord- und Südamerika sowie der Edelstahlstahlsparte nach Umsatz den siebten Rang. Nach Produktionsmenge zählt der Konzern nicht zu den Top 15. Quelle: dpa
Bei der Planung und dem Bau von Düngemittelfabriken ist die Konzerntochter Uhde weltweit die Nummer eins, ebenso in der Kokereitechnik, der Bergbauausrüstung und bei Elektrolyseanlagen. Bei Zementanlagen und dem Bau von Aufzügen belegt Thyssen-Krupp rund um den Globus den dritten Platz. Vor allem bei den Aktivitäten, die nicht zur Stahlproduktion oder zum Stahlhandel gehören, zahlt sich das auch in hohen Gewinnen und hohen Cash-Flows für den Gesamtkonzern aus. Quelle: ZB
Schwäche 1: Konjunkturanfälliges Geschäftsmodell. Thyssen-Krupp ist überwiegend in Märkten aktiv, die den zyklischen Schwankungen der Weltkonjunktur stark ausgesetzt sind. Deshalb schlägt auch das Konzernergebnis heftig aus: In guten Jahren mit hoher Nachfrage und steigenden Verkaufspreisen geht es steil nach oben, in schwachen Jahren dann aber ebenso rasant nach unten. Das Resultat sind Ergebnisschwankungen von mehr als vier Milliarden Euro, wie zuletzt in den Geschäftsjahren 2007/08 und 2008/09. Auf einen Gewinn von 2,3 Milliarden folgte da ein Verlust von 1,9 Milliarden Euro. Quelle: dpa
Dem Konzernvorstand ist es trotz umfangreicher Bereinigungen des Portfolios in den vergangenen Jahren auch nicht annähernd gelungen, diese Schwäche zu überwinden. Dabei hat sich das Management redlich bemüht, sich von Aktivitäten mit einer unbefriedigenden Rendite zu trennen. Das Ziel, die beiden Sparten Stahl und Edelstahl so weit zu optimieren, dass sie auch in einer Flaute nicht unter die Nulllinie rutschen, wurde verfehlt. Quelle: dpa
Vor allem im Edelstahl liegt das aber auch an den weltweiten Überkapazitäten. Diese verhindern, dass die Werke auch im Boom zu mehr als 75 Prozent auslastet sind. Was die Edelstahlaktivitäten angeht, hat sich Thyssen-Krupp zu einem radikalen Schnitt entschlossen – die Sparte soll verkauft oder über den Weg eines sogenannten Spin-offs an die eigenen Aktionäre abgegeben werden. Ein großes Problem wäre der Konzern dann los. Quelle: dpa
Schwäche 2: Hohe Pensionszusagen treiben die Schulden nach oben. Die internationalen Ratingagenturen haben ein Problem mit den deutschen Pensionsrückstellungen. Aus Sicht der angelsächsischen Bonitätswächter handelt es sich bei Betriebsrentenzusagen um finanzielle Verpflichtungen ähnlich einem Bankkredit oder einer Unternehmensanleihe. Und Thyssen-Krupp hat mit 7,3 Milliarden Euro vergleichsweise hohe Pensionsverpflichtungen – zum größten Teil eine Erblast aus der Fusion der beiden einstigen Rivalen Thyssen und Krupp im Jahr 1999. Quelle: dapd
Außerdem lasten auf dem Konzern Finanzschulden von 3,6 Milliarden Euro. Insgesamt beträgt die Schuldenlast somit fast elf Milliarden Euro. Um von Standard & Poor’s (S&P) ein besseres Rating zu erhalten – derzeit liegt es mit der Note BB+ auf Ramschniveau –, müsste Thyssen-Krupp entweder seine Schulden kräftig abbauen oder das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen, das Ebitda, deutlich verbessern. Quelle: dapd
Denn S&P leitet die Bonität auch aus dem Verhältnis von Nettofinanzschulden inklusive Pensionsverpflichtungen zum Ebitda ab; der Wert weist den Verschuldungsgrad aus. Thyssen-Krupp hat zuletzt ein Ebitda von 3,4 Milliarden Euro erwirtschaftet, mithin beträgt der Verschuldungsgrad 3,2. Das reicht noch nicht für ein besseres Rating, zumal das Ebitda in diesem Geschäftsjahr voraussichtlich wieder sinken wird, schätzen Analysten. Quelle: dpa
Schwäche 3: Die fehlende eigene Rohstoffbasis. Bis Ende der 90er-Jahre waren die für Stahlherstellung benötigten wichtigsten Rohstoffe Eisenerz und Kokskohle im Überfluss vorhanden und entsprechend günstig. Doch mit dem Wirtschaftsboom in China änderte sich die Lage. Die Rohstoffe verteuerten sich, und die Stahlhersteller mussten enorme Kostensteigerungen verkraften. Quelle: dapd
Lakshmi Mittal, Großaktionär des weltgrößten Stahlproduzenten Arcelor-Mittal, zog daraus die einzig richtige Konsequenz: Er investierte konsequent in den Aufbau einer eigenen Rohstoffbasis. Und deshalb ist sein Konzern heute im Vorteil: Arcelor-Mittal kann, inzwischen weitgehend Selbstversorger, einen Teil der Rohstoffverteuerung auffangen. Quelle: dpa
Thyssen-Krupp dagegen verkaufte seine Minen frühzeitig und muss sich deshalb nun dem Preisdiktat der großen Rohstoffkonzerne Vale, Rio Tinto und BHP Billiton beugen. Diese kontrollieren zusammen etwa zwei Drittel des weltweiten Angebots an Eisenerz. Die mächtigen Rohstoffgiganten setzten außerdem neue, für sie günstigere Lieferkonditionen durch: Die Preise für Eisenerz werden nun monatlich und nicht mehr jährlich festgelegt. Abzulesen ist dies auch an der Materialaufwandsquote der Stahlsparte von Thyssen-Krupp: Mit fast 67 Prozent war sie nie höher als heute. Von 100 Euro Umsatz bleiben nach Abzug der Materialkosten nur noch 33 Euro übrig. Quelle: Reuters

Die Gewerkschaft IG BCE hat angesichts der massiven Gewinneinbrüche vieler Stromversorger eine nationale Betreibergesellschaft für die deutschen Steinkohlekraftwerke ins Gespräch gebracht. Das sei effizienter als der Betrieb der vielfach verlustträchtigen Kraftwerke in Konkurrenz, sagte IG-BCE-Chef Michael Vassiliadis bei einer Gewerkschaftsveranstaltung am Freitagabend in Haltern. Die fünf größten Versorger Eon, RWE, Vattenfall, EnBW und Steag könnten ihre Kraftwerke zu einem noch festzulegenden Preis an die Verstromungs-Gesellschaft abgeben. Branchenprimus Eon reagierte positiv auf den Vorstoß.

Der Vorschlag betreffe 28 bis 30 Gigawatt Verstromungskapazität, die zu drei Vierteln den fünf Großen der Branche gehörten, sagte Vassiliadis. In den Kraftwerken arbeiten rund 5000 Menschen. Auch die anderen Betreiber von Steinkohlekraftwerken - etwa Stadtwerke oder Stadtwerkeverbünde - seien in der Gesellschaft willkommen. Als rechtliche Form komme eine Aktiengesellschaft infrage. Unter einheitlicher Führung ergäben sich Rationalisierungsreserven von 100 Millionen Euro im Jahr und damit Ergebnisverbesserungen. Innerhalb eines nationalen Verbundes könnten jeweils die modernsten Kraftwerke mit dem höchsten Wirkungsgrad und niedrigsten CO2-Ausstoß eingesetzt werden. Die Versorger gewännen ohne die Kraftwerke zugleich Investitionskraft für die Energiewende.

Er habe den Vorschlag Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel und NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (beide SPD) sowie den Chefs von Eon, RWE und Steag bereits vorgetragen. Die Politik habe die Idee voll Interesse aufgenommen, die Unternehmenschefs hätten eher reserviert reagiert. Eon äußerte sich allerdings am Sonntag durchaus positiv. „Der Ansatz der IG BCE ist eine interessante Idee“, sagte Unternehmens-Sprecher Carsten Thomsen-Bendixen der „Rheinischen Post“ (Montag). „Entscheidend ist aber zunächst die Einführung eines Kapazitätsmarktes für konventionelle Kraftwerke. Nur damit lässt sich eine stabile Stromversorgung sicherstellen.“

Viele Steinkohlekraftwerke in Deutschland machen angesichts des stark gefallenen Börsenstrompreises Verluste. RWE etwa musste vor kurzem Wertberichtigungen im Volumen von 3,3 Milliarden Euro vornehmen. Der Großteil entfällt dabei auf die konventionelle Stromerzeugung. RWE und viele andere Versorger mussten ihre Investitionen insgesamt scharf zurückfahren - auch die in erneuerbare Energien und damit in die energiepolitische Zukunft.

Eine nationale Gesellschaft ändere nichts daran, dass es künftig einen finanziellen Ausgleich für das Bereitstellen konventioneller Energie - den sogenannten Kapazitätsmarkt - geben müsse, sagte Vassiliadis. Der Förderbedarf würde aber mit der Neuerung geringer ausfallen. Vorbild sei die Gründung der Ruhrkohle AG Ende der 1960er Jahre in der deutschen Zechenkrise, sagte der Gewerkschaftschef. 1968 hatten sich 23 deutsche Zechenunternehmen angesichts von Überkapazitäten und stark gefallenen Preisen zu einer privatwirtschaftliche geführten Einheitsgesellschaft zusammengeschlossen, die rund 85 Prozent der Branche umfasste.

Die Rettung der deutschen Steinkohle gegen die preiswertere ausländische Konkurrenz gelang damit nicht. Die später in RAG umbenannte Gesellschaft bildete aber eine wichtige Grundlage und einen zentralen Ansprechpartner für den sozialverträglichen Ausstieg aus der deutschen Steinkohleförderung. Auch der mit der Energiewende langfristig geplante Abbau der konventionellen Verstromung sei mit einer nationalen Gesellschaft leichter zu organisieren als mit konkurrierenden Unternehmen, sagte Vassiliadis.

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Den Vorwurf der Verstaatlichung fürchte er nicht. „Ich bin nicht der Initiator, ich repariere nur die Folgen.“ Mit der Energiewende sei ein künstlicher Marktzugang für erneuerbare Energien geschaffen worden, die bereits rund 25 Prozent Anteil hätten - mehr als die Atomkraft je gehabt habe. „Ich bin ein Marktfreund, aber die Marktwirtschaft ist schon ausgeschaltet.“ Probleme könnten den Plänen vom Kartellamt und aus Europa drohen, räumte Vassiliadis ein. Mit dem Bundeskartellamt und Brüssel habe er noch keine Gespräche geführt. Es handele sich um einen Vorschlag, der jetzt weiter diskutiert werden solle.

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