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Russland Wie deutsche Firmen die Sanktionen umgehen

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„Jetzt ist es der richtige Zeitpunkt, zu lokalisieren“

Der Pharmaanbieter Bionorica, bekannt durch das Schnupfenpräparat Sinupret, will bis 2017 eine Produktion in Woronesch aufbauen, rund 500 Kilometer südlich von Moskau. Vor wenigen Monaten hat Novartis eine Fabrik in Sankt Petersburg eröffnet, die etwa 100 Millionen Euro gekostet hat. AstraZeneca will bis 2017 etwa 200 Millionen Euro investieren. Wer keine eigene Fabrik besitzt, arbeitet wie Merck mit russischen Produktionspartnern zusammen.

Der Kosmetik- und Waschmittelriese Henkel hat bereits neun Fabriken in Russland – das letzte wurde im Juni in Nowosibirsk gebaut. Die Kältetechniksparte des Anlagenbauers GEA produziert gemeinsam mit russischen Unternehmen in Klimowsk, Kolomna und Woronesch.

„Jetzt ist es der richtige Zeitpunkt, zu lokalisieren“, sagt Anton Calin, Vorsitzender des Komitees für Lokalisierung der AHK. „Durch den billigen Rubel wird die Produktion hier billiger und der Export von Russland aus profitabler. Zudem braucht Russland neue Technologie direkt vor Ort, und die deutschen Unternehmen sollten flexibel sein und sich diese Chance nicht entgehen zu lassen.“

Autobauer Volkswagen hat bereits ein Motorenwerk am Standort Kaluga 190 Kilometer südwestlich von Moskau und erhöht die Produktionstiefe in Russland. Nach Aussage von Daimler-Boss Dieter Zetsche ist es Ziel des Autobauers, eine eigene Produktion in Russland zu etablieren. Siemens hat eine Fabrik bei St. Petersburg, wo Gasturbinen gefertigt werden. Dafür hat Siemens 275 Millionen Euro investiert.

Auch die Landmaschinenhersteller wollen in Russland bleiben. Horsch aus dem bayerischen Schwandorf will die Produktion in der Region Lipezk, 375 Kilometer südöstlich von Moskau, für 6,5 Millionen Euro erweitern und beginnt im April 2016 mit dem Bau einer neuen Werkshalle. Ropa mit Sitz im niederbayerischen Sittelsdorf plant, die Fertigung von Landmaschinen im Gebiet Lipezk bis 2017 auszubauen. Und der niedersächsische Hersteller Amazone investiert 2016 rund 2,5 Millionen Euro in eine neue Werkshalle für seine russische Tochter Evrotechnika im Gebiet Samara an der Wolga.

Wo deutsche Unternehmen in Russland aktiv sind
E.On-Fahnen Quelle: REUTERS
Dimitri Medwedew und Peter Löscher Quelle: dpa
Dem Autobauer bröckelt in Russland die Nachfrage weg. Noch geht es ihm besser als der Konkurrenz. Martin Winterkorn hat einige Klimmzüge machen müssen - aber theoretisch ist das Ziel erreicht: Volkswagen könnte in Russland 300.000 Autos lokal fertigen lassen. Den Großteil stellen die Wolfsburger in ihrem eigenen Werk her, das 170 Kilometer südwestlich von Moskau in Kaluga liegt. Vor gut einem Jahr startete zudem die Lohnfertigung in Nischni Nowgorod östlich Moskau, wo der einstige Wolga-Hersteller GAZ dem deutschen Autoriesen als Lohnfertiger zu Diensten steht. Somit erfüllt Volkswagen alle Forderungen der russischen Regierung: Die zwingt den Autobauer per Dekret dazu, im Inland Kapazitäten aufzubauen und einen Großteil der Zulieferteile aus russischen Werken zu beziehen. Andernfalls könnten die Behörden Zollvorteile auf jene teuren Teile streichen, die weiterhin importiert werden. Der Kreml will damit ausländische Hersteller zur Wertschöpfung vor Ort zwingen und nimmt sich so China zum Vorbild, das mit dieser Politik schon in den Achtzigerjahren begonnen hat. Die Sache hat nur einen Haken: Die Nachfrage in Russland bricht gerade weg - nicht im Traum kann Volkswagen die opulenten Kapazitäten auslasten. 2013 gingen die Verkäufe der Marke VW um etwa fünf Prozent auf 156.000 Fahrzeuge zurück. Wobei die Konkurrenz stärker im Minus war. Hinzu kommt jetzt die Sorge um die Entwicklungen auf der Krim. VW-Chef Martin Winterkorn sagte der WirtschaftsWoche: "Als großer Handelspartner blicekn wir mit Sorge in die Ukraine und nach Russland." Er verwies dabei nicht nur auf das VW-Werk in Kaluga, sondern auch auf die Nutzfahrzeugtochter MAN, die in St. Petersburg derzeit ein eigenes Werk hochfährt. Der Lkw-Markt ist von der Rezession betroffen, da die Baukonjunktur schwächelt. Quelle: dpa

Claas aus dem nordrhein-westfälischen Harsewinkel fühlt sich schon als vaterländischer Hersteller: Seine Maschinen für den russischen Markt stammen aus der eigenen Fabrik im südrussischen Krasnodar. In diesem Jahr wird Claas als erstes Unternehmen den Sonderinvestitionvertrag mit der russischen Regierung unterzeichnen. Für den Abschluss eines solches Vertrages muss Class mindestens umgerechnet rund 9,5 Millionen Euro investieren. Damit soll der Status eines russischen Herstellers formal bestätigt und der gleichberechtigte Zugang zum Markt garantiert werden.

Im Rahmen dieses Vertrags gewährleistet Moskau unveränderte Investitionsbedingungen und eine Quote für Claas-Maschinen beim staatlichen Ankauf über zehn Jahre. „Ob das alles wirklich so kommen wird, können wir uns nicht vorstellen. Wir hoffen jedoch, gleichberechtigt in den Genuss bestehender staatlicher Förderprogramme zu kommen“, sagt Claas-Geschäftsführer Ralf Bendisch.

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