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RWE-Hauptversammlung „Wer ein Kraftwerk betreibt, hat ein Problem“

RWE steckt in der Krise, doch ein Schuldiger ist gefunden: Subventionierter Solarstrom ist der Grund für den Milliardenverlust. Das bringt nicht nur den Konzern in Bedrängnis, sondern auch die Kommunen.

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RWE-Chef Peter Terium steht unter Druck. Auf der Hauptversammlung in Essen musste er erklären, wie er künftig wieder profitabel wirtschaften will. Quelle: dpa

Essen 2,8 Milliarden Euro Verlust, der erste in der Nachkriegszeit. Der Gang für RWE-Chef Peter Terium zum Rednerpult auf der Hauptversammlung in der Essener Gruga-Halle ist kein einfacher. Er muss seinen Aktionären erklären, wieso Deutschlands zweitgrößter Energieversorger in die roten Zahlen gerutscht ist.

Zwar versucht der Niederländer, der seit Juli 2012 an der Spitze von RWE steht, mit einem Ausblick auf innovative Technologien zu Beginn seiner Rede von der Lage des Unternehmens ein wenig abzulenken. Doch nach einem kurzen Einspiel-Filmchen und einer Präsentation über vernetzte Heim-Technik kommt Terium schnell zum Wesentlichen, zu dem, was die versammelten Aktionäre interessiert: „Reden wir nicht drum herum: Die Lage ist sehr ernst.“

Hohe Schulden von mehr als 30 Milliarden Euro belasten die Bilanz, viele Investitionen in neue Gas- und Kohlekraftwerke zahlen sich nicht mehr aus. „Wer heutzutage in Westeuropa ein konventionelles Kraftwerk betreibt, hat ein Problem,“ sagt der RWE-Chef. Der Grund für das Problem: Stark subventionierter Solarstrom dränge Kohle- und Gaskraftwerke aus dem Markt.

„Solarstrom flutet die Netze. Strom aus Anlagen, die wegen des Einspeisevorrangs nicht im Wettbewerb stehen“, sagt Terium. „Daher verdienen unsere Kraftwerke deutlich weniger Geld. Und damit sind unsere Kraftwerke auch deutlich weniger wert.“ Das gelte auch insbesondere für die Niederlande. Hier wird RWE das quasi fabrikneue Gaskraftwerk Claus C wieder vom Netz nehmen – nach nicht einmal zwei Jahren im Betrieb. Der Bau des Kraftwerks, das ab 1. Juli unproduktiv in der Landschaft steht, hat mehr als eine Milliarde Euro gekostet.

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    Ein Blick auf die Strompreise verdeutlicht die Misere, in der die Energiekonzerne stecken: Im Dezember 2014 lag der Strompreis am deutschen Terminmarkt bei 45 Euro pro Megawattstunde. Dann fiel der Preis: Ende vergangener Woche waren es 33 Euro, ein Preisverfall von 27 Prozent in 15 Monaten. Unter diesem Effekt leiden alle Energiekonzerne, RWE jedoch besonders stark: 20 bis 30 Prozent seiner Kraftwerke decken nicht einmal mehr die laufenden Kosten. „Teilweise reichen die Einnahmen noch nicht einmal aus, um die Gehälter der Mannschaft vor Ort zu bezahlen“, klagt Terium.

    Für das Geschäftsjahr 2013 will der Vorstand die Dividende auf einen Euro je Aktie halbieren. Das entlastet das Unternehmen um mehr als 600 Millionen Euro. Viel Geld, das aber auch an anderer Stelle fehlt: in den Haushalten vieler Städte. Den Kommunen, der mit rund 25 Prozent wichtigsten Aktionärsgruppe, schmerzt der Verzicht auf Millionendividenden sehr.

    Die sinkende Dividende und der rapide Wertverfall der Aktien – seit März 2011 ist der Kurs der Stammaktie um rund 40 Prozent gesunken – reißen immer tiefere Löcher in deren kommunale Haushalte. Vielen Ruhrgebietsstädten droht deshalb ein Finanzdesaster.


    Dividendenhalbierung drückt Essen in die roten Zahlen

    Städte und Stadtwerke im Ruhrgebiet hatten das Geld aus der Essener Konzernzentrale in ihren Finanzplanungen längst veranschlagt. Zudem mussten mehrere Kommunen ihre RWE-Aktienpakete zu Anfang April wertberichtigen, weil der Kurs über die vergangenen Jahre so stark gefallen ist. Mülheim musste etwa 480 Millionen Euro abschreiben und rutschte in die Überschuldung, Essen verlor buchhalterisch 680 Millionen Euro und damit fast sein ganzes Eigenkapital.

    Zum Jahresende rechnet Essen laut Oberbürgermeister Reinhard Paß (SPD) mit roten Zahlen. Das Minus soll dann bei 18,6 Millionen Euro liegen – nahezu jenem Betrag, der der Stadt bei rund 20 Millionen gehaltenen RWE-Aktien wegen der Halbierung der Dividende durch die Lappen geht.

    Dabei wird die Gewinnbeteiligung der Aktionäre nur dank eines buchhalterischen Tricks möglich – angesichts eines Nettoverlusts von 2,8 Milliarden Euro. RWE bemisst die Dividende am sogenannten nachhaltigen Nettoergebnis, aus dem Einmaleffekte wie etwa die Milliarden-Abschreibungen auf die konventionellen Kraftwerke einfach herausgerechnet werden. So fällt das nachhaltige Nettoergebnis mit 2,3 Milliarden Euro deutlich positiv aus.

    Um die Finanzlage in der Zukunft weiter zu verbessern, sollen neben dem Milliarden-Sparprogramm „RWE 2015“, das laut Terium besser als geplant läuft, Verkäufe von Unternehmensbeteiligungen zusätzliches Geld einbringen – und Investitionen vermeiden.

    Teil dieser Strategie ist der Verkauf des Gasförderers RWE Dea, auch wenn der Deal mit dem russischen Finanzinvestor Letter One seit der Krise in der Ukraine kritisch beäugt wird. „Da Gas heutzutage ausreichend an der Börse beschafft werden kann, hat der Zugang zu eigenen Gasquellen keine strategische Bedeutung mehr“, begründet Terium den Schritt.

    Zustimmung für den Verkauf kommt auch von Aktionärsvertretern wie Ingo Speich von Union Investment: „Sie schlagen zwei Fliegen mit einer Klappe, indem Sie durch den Verkaufserlös die Bilanz entlasten und gleichzeitig Investitionen in Milliardenhöhe vermeiden, die sich erst in Jahren rechnen.“


    Positiver Ausblick – auf niedrigerem Niveau

    Dea bringt dem Konzern rund 5,1 Milliarden Euro ein. RWE erhält jedoch nicht nur den Kaufpreis: Der Konzern kann sich künftig auch Investitionen in Höhe von rund einer Milliarde Euro jährlich sparen. Dem großen Ziel Schuldenabbau kommt Peter Terium so einen Schritt näher.

    Momentan liegt das Verhältnis zwischen Nettoschulden und dem Betriebsergebnis vor Steuern und Abschreibungen (Ebitda) bei 3,5. Mittelfristig soll der Verschuldungsfaktor bei besserer Finanzlage auf 3,0 sinken. „ Das heißt: Wir müssen unsere Schulden abbauen. Oder unser Ebitda steigern“, sagt Terium. „Oder beides.“

    Das wird allerdings nicht einfach. Für 2014 rechnet Terium mit einem Ebitda von 7,8 bis 8,1 Milliarden Euro – etwa zehn Prozent weniger als im Verlustjahr 2013. Doch für die Jahre nach 2014 sind die Erwartungen positiv: „Unsere Ergebnisse werden sich nach heutigem Kenntnisstand weitgehend stabilisieren, allerdings auf einem gegenüber den Vorjahren niedrigem Niveau.“

    Doch die Frage des DSW-Geschäftsführers Marc Tüngler, womit RWE angesichts der unrentablen Kraftwerke in den kommenden Jahren Geld verdienen wolle, kann der RWE-Vorstand nur ausweichend beantworten: „Die Erneuerbaren Energien bleiben ein strategisches Wachstumsfeld, hier wollen wir bis 2016 eine Milliarde Euro investieren. Dazu gehen wir international Partnerschaften ein, um das Investitionsrisiko zu vermindern.“

    Aktuell profitiert RWE noch von seiner Absicherungsstrategie: Der Konzern verkauft seine Stromproduktion zwei bis drei Jahre im Voraus. Deshalb werden sich die niedrigen Strompreise erst 2016 in die Bilanz durchschlagen. Spätestens bis dahin muss Peter Terium eine Antwort darauf gefunden haben, womit RWE künftig Geld verdienen will.

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