Salmonellenausbruch bei Ferrero „Allein durch die laufende Rückrufaktion muss Ferrero mit Kosten im siebenstelligen Bereich rechnen“

Großer Rückruf: Weil in einem Werk im belgischen Arlon Salmonellen auftauchten, muss Ferrero auch Kinder Überraschungseier aus den deutschen Regalen nehmen. Quelle: dpa

Ausgerechnet zu Ostern muss Ferrero wegen eines Salmonellen-Skandals Kinder Überraschungseier und andere Produkte zurückrufen. Der Skandal wird für Ferrero teuer, sagt Michael Lendle, Experte für Lebensmittelsicherheit.

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Seit 20 Jahren berät Michael Lendle Hersteller, Händler oder Behörden zu Lebensmittelsicherheit. Als Geschäftsführer der AFC Risk & Crisis Consult erstellt er Präventionskonzepte für Unternehmen und übernimmt auch die Kommunikation im Krisenfall. Der Experte sagt: Ferrero hat im Salmonellen-Skandal schwere Fehler gemacht.

WirtschaftsWoche: Herr Lendle, werden Sie dieses Jahr Kinder-Überraschungseier zu Ostern verschenken?
Michael Lendle: Nein, eher nicht, auch wenn es mir als Familienvater sehr schwerfällt. An Kinder-Überraschungseiern und Schokobons kommt man gerade an Ostern kaum vorbei, aber aktuell fehlt mir die Sicherheit und das Vertrauen in Kinder-Produkte. Da verzichte ich aktuell lieber – außer mir würde jemand sehr glaubhaft versichern, dass die Produkte nicht aus dem von Salmonellen betroffenen Werk in Belgien kommen.

Das könnten Sie doch als Verbraucher auf der Verpackung nachgucken, oder nicht?
Der Verbraucher sollte aber gar nicht nachgucken müssen. Das erwarte ich von Ferrero, das ist deren Bringschuld, die Verbraucherinnen und Verbraucher proaktiv zu informieren. Ich muss mir doch sicher sein können, dass alle Produkte, bei denen ein Salmonellen-Verdacht besteht, nicht mehr im Regal sind.

Sie betreuen Unternehmen bei Fragen der Lebensmittelsicherheit und auch bei der Kommunikation in Krisenfällen. Welche Reichweite hat aus Ihrer Sicht der Salmonellen-Ausbruch bei Ferrero?
Es ist aktuell noch nicht klar, welche Reichweite der Fall letztendlich haben wird. Es kommen immer noch Rückrufaktionen dazu, jetzt ist ja sogar Neuseeland betroffen. Da scheint es bei Ferrero noch an vielen Informationen zu fehlen, auch intern.

Seit 20 Jahren berät Michael Lendle Hersteller, Händler oder Behörden zu Lebensmittelsicherheit. Quelle: Presse

Die Salmonellen im belgischen Werk von Ferrero wurden bereits im Dezember entdeckt – aber erst im April gab es die ersten Produktrückrufe. Ist das üblich?
Nein, das sind Ausnahmen und Einzelfälle. Wenn der Verdacht einer Belastung besteht, dann muss ich als Unternehmer sofort reagieren und erforderliche marktbezogene Maßnahmen ergreifen. Das heißt, betroffene Unternehmen sollten Ware vorsorglich aus den Regalen nehmen, auch wenn sie noch nicht genau sicher sind, ob diese Ware von einem Ausbruch betroffen ist. Wenn die Unternehmen den Verdacht geprüft haben, wenn also feststeht, dass die Ware nicht belastet ist, können die Chargen auch wieder ins Regal, denn Lebensmittelverschwendung will auch niemand.

Lesen Sie auch: Ferrero ist kein Einzelfall – zahlreiche Unternehmen mussten zuletzt mit Salmonellen belastete Produkte aus dem Verkehr ziehen

Aber Ferrero hat keine solchen vorsorglichen Maßnahmen ergriffen?
Ferrero kennt dieses Vorgehen ganz genau, nur offenbar gab es intern ein Informationsproblem, das zu Verzögerungen geführt hat. Ein solcher Zeitverzug ist nicht akzeptabel, immerhin geht es hier um Salmonellen, die eine gesundheitliche Gefahr bedeuten. In solchen Fällen muss die Kommunikation auch konzernintern reibungslos funktionieren.

Wie häufig sind Salmonellenausbrüche heute noch?
Die einfache Antwort lautet: zu häufig. Salmonellen stehen als Keimbelastung bei Rückrufaktionen in der Lebensmittelindustrie in der Top drei der Warnmeldungen. Ursache hierfür ist häufig der Eintrag aus der Umwelt, der auch durch regelmäßige Kontrolle der Rohwaren und weitreichende Reinigungsmaßnahmen im Betrieb nicht lückenlos in den Griff zu bekommen ist. Daher wird es auch künftig immer wieder zum Auftreten von Salmonellen kommen.

Es lässt sich doch kontrollieren, ob Salmonellen in einem Werk sind.
Richtig, aber ich kann doch noch so toll mein Haus geputzt haben, wenn der Besuch seine Schuhe nicht hinreichend abputzt, dann habe ich Dreck im Haus. So liegt das Salmonellenproblem oftmals in der Lieferkette aufgrund belasteter Rohwaren wie Kakaomasse oder Milchpulver. Deshalb ist es wichtig, dass auch die Lieferanten regelmäßig Stichproben ziehen und ihre Ware kontrollieren, bevor sie diese verkaufen. Die Hersteller kontrollieren regelmäßig den Wareneingang in ihren Fabriken auf mögliche Verunreinigungen. Nur bis diese Stichproben vom Labor ausgewertet sind, vergehen schon mal zwei bis drei Tage. Dann ist die Rohware meist schon verarbeitet. Aber die Besonderheit an diesem aktuellen Fall ist nicht, dass Salmonellen im Werk aufgetreten sind, sondern dass Ferrero offenbar im Dezember bereits davon wusste und erst Wochen später Ware zurückgerufen hat. Das kann und darf nicht sein, dass sich ein solcher Fall über eine so lange Zeit hinzieht.

Wie teuer wird der Skandal für Ferrero?
Das lässt sich nicht genau einschätzen, aber allein durch die laufende Rückrufaktion muss Ferrero mit Kosten im siebenstelligen Bereich rechnen. Neben diesen reinen Produktkosten könnte allerdings ein weitaus größerer Schaden entstehen. In solchen Fällen drohen den Unternehmen rückläufige Verkaufszahlen, weil das Vertrauen in die Qualität und Sicherheit der Produkte nachhaltig geschädigt ist. Die Kosten für Marketing und Kommunikation, um dieses verlorene Vertrauen wiederzuerlangen, übersteigen die Rückrufkosten nicht selten um ein Vielfaches.

Und was ist mit Bußgeldern? Organisationen wie Foodwatch kritisieren, dass Lebensmittelkonzerne bei Skandalen zu leicht davonkommen.
Ich kenne kaum Unternehmen, die absichtlich fahrlässig oder gar vorsätzlich handeln und daher härter bestraft gehören. Wir haben hier eine klare Gesetzgebung und Gerichte, die sicherlich nicht zu lasch urteilen. Lebensmittelskandale wie der Wilke-Fall oder Bayern-Ei vor einigen Jahren zeigen, dass Verursacher aufgrund schwerer Erkrankungen bis hin zu Todesfällen nicht nur hohe Geldstrafen bezahlen, sondern auch für mehrere Jahre ins Gefängnis müssen.

Bisher gibt es nur eine Selbstverpflichtung für Konzerne, die Sicherheit ihrer Lebensmittel zu kontrollieren und Gesundheitsrisiken zu melden. Sind die Gesetze zu schwach?
Für den Umgang mit nicht sicheren oder gesundheitsschädlichen Lebensmitteln reicht die aktuelle Gesetzeslage nicht aus. Aktuell müssen betroffene Unternehmen ihre zuständige Behörde über marktbezogene Maßnahmen informieren. Nur welche Maßnahmen im Einzelnen durchzuführen sind, steht nirgendwo geschrieben. Viele Unternehmen wissen auch aufgrund der fehlenden Erfahrung mit Rückrufaktionen nicht, was im konkreten Fall unternommen werden sollte. Aber auch Behörden ist nicht wirklich immer bekannt, welche Maßnahmen vom Unternehmen und seitens der Behörden selbst durchzuführen sind. Hier muss sowohl für Unternehmen wie auch Behörden nachgebessert werden. Vielleicht brauchen wir eine Art von Pflichtenheft, wo ganz klar drinsteht: Wenn Fall X auftritt, muss ein Unternehmen gemeinsam mit den Behörden diese Punkte unverzüglich abarbeiten.

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Welche Punkte muss Ferrero nun noch abarbeiten? Was wird in den kommenden Tagen und Wochen passieren?
In den nächsten Tagen könnten noch weitere Produktrückrufe für noch mehr Länder dazu kommen. Offensichtlich hat das belgische Werk eine enorm hohe Exportleistung. Und wir müssen eine noch höhere Zahl von Krankheitsfällen erwarten. Das liegt auch daran, dass jetzt Daten zu dem betreffenden Salmonellenstamm ausgewertet werden und zumindest in Deutschland mit Datenbanken im Robert Koch-Institut und im Bundesamt für Risikobewertungen abgeglichen werden. Und irgendwann kommt nach der aktuellen Werksschließung in Belgien der Wiederanlauf des Betriebsstandortes. Da werden die Behörden ganz genau hinschauen.

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