Sanofi, Celgene, J&J Die Pharmabranche läuft schon wieder heiß

Schwaches Wachstum und eine hohe Finanzkraft: Der Boden für eine neue globale Übernahmewelle im Pharma- und Biotechsektor ist bereitet. Allerdings dürften die Deutschen dabei zumeist außen vor bleiben.

Sanofi, Celgene, J&J: Die Pharmabranche läuft schon wieder heiß Quelle: Bloomberg

FrankfurtIm Pharma- und Biotechsektor beginnt das Jahr lebhaft. Zumindest was das Thema Fusionen und Übernahmen (M&A) betrifft. Viele Branchenkenner sehen die Branche vor einer neuen Übernahmewelle. Und schon die ersten Wochen des Jahres scheinen ihre Prognosen voll zu bestätigen.

Mit der am Montag vereinbarten Übernahme der US-Firma Bioverativ durch den französischen Pharmariesen Sanofi für rund 11,6 Milliarden Dollar und dem rund neun Milliarden Dollar teuren Kauf des Krebsspezialisten Juno durch die US-Firma Celgene kann die Branche bereits vier milliardenschwere Deals oder Übernahmevorhaben in den ersten drei Wochen des Jahres. präsentieren.

Bereits Anfang des Jahres verstärkte sich Celgene durch die bis zu sieben Milliarden Dollar teure Übernahme von Impact Biosciences, während der dänische Insulin-Spezialist Novo Nordisk eine 3,1 Milliarden Euro schwere, aber bisher zurückgewiesene Offerte für die belgische Firma Ablynx vorlegte. Hinzuzählen zum neuen Übernahme-Reigen könnte man auch die kurz vor Jahresende besiegelte Übernahme der US-Biotechfirma Ignyta durch den Schweizer Pharmakonzern Roche.

Vor allem zwei Faktoren sprechen dafür, dass es dabei kaum bleiben wird und die M&A-Welle im Pharmabereich eher noch weiter an Schwung gewinnen könnte: Zum einen kämpfen etliche Arzneimittelhersteller weiter mit Wachstumsschwächen als Folge von Patentabläufen und erhöhtem Preisdruck im wichtigen US-Geschäft. Zum anderen ist die ohnehin hohe Finanzkraft der Branche in jüngerer Zeit eher noch gewachsen.

Zusätzlichen Spielraum eröffnet zudem die US-Steuerreform, die es Konzernen wie Pfizer erlaubt, ihre im Ausland gehorteten Gewinne zu relativ günstigen Steuersätzen in die USA zu holen. Das wiederum, so die Erwartung, dürfte ihnen zusätzliche Übernahmen erleichtern, insbesondere auch im US-Biotechsektor.

Das Transaktionsvolumen in der Branche dürfte 2018 daher aller Voraussicht nach 200 Milliarden Dollar übersteigen, prognostiziert etwa die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgruppe EY in ihrem jüngsten M&A-Ausblick für den Sektor. „Der Bedarf für inorganisches Wachstum wird die Sorgen über die Bewertungen der Zielobjekte übertreffen.“

Die finanzielle Feuerkraft der führenden Pharma- und Biotechkonzerne hat sich nach Kalkulation von EY 2017 auf etwa eine Billionen Dollar erhöht. EY leitet diese Finanzgröße aus Börsenbewertungen, Cash-Positionen und Verschuldungsfähigkeit der Unternehmen ab. Die Berater gehen davon aus, dass die zehn führenden US-Pharmakonzerne etwa 160 Milliarden Dollar an Cash aus dem Ausland in die USA zurückholen werden und zumindest einen Teil davon für Zukäufe einsetzen werden.

Dass Pharmakonzerne die Möglichkeiten der US-Steuerreform tatsächlich nutzen, demonstrierte jetzt der Gesundheitskonzern Johnson & Johnson (J&J), der am Dienstag als erster der Branchenriesen seine Zahlen für das abgelaufene Quartal vorlegte. J&J verbuchte im vierten Quartal eine einmalige Steuerrückstellung von mehr als 13 Milliarden Dollar für die Nachversteuerung von Auslandsgewinnen und wies daher für das Quartal trotz solider operativer Entwicklung einen Nettoverlust von 10,7 Milliarden Dollar aus.

Der US-Konzern hatte zuletzt für 2016 rund 66 Milliarden Dollar an Auslandsgewinnen ausgewiesen, die noch nicht in den USA versteuert waren. Der Betrag dürfte 2017 auf mehr als 70 Milliarden Dollar angestiegen sein, wovon allerdings auch ein erheblicher Teil in ausländischen Tochterfirmen operativen Aktivitäten investiert sein dürfte. Nach der jüngsten US-Steuerreform müssen Firmen diese Auslandsgewinne bei einem Rücktransfer in die USA nur noch mit einem Steuersatz von 15,5 Prozent versteuern, gegenüber früher 35 Prozent.

Neben J&J werden auch etliche weitere Pharmakonzerne von dieser Neuregelung profitieren, darunter insbesondere Pfizer, Merck & Co, Amgen, Bristol-Myers Squibb (BMS) sowie Eli Lilly. Pfizer-Chef Ian Read hatte bereits im vergangenen Jahr klar angedeutet, dass man vor neuen Übernahme-Aktivitäten zunächst die Steuerreform abwarten wolle.

Zu den Verlockungen einer gestärkten Finanzkraft gesellt sich zum Teil aber auch ein wachsender Bedarf an zusätzlichem Wachstum durch Übernahmen. Denn trotz einer relativ erfolgreichen Innovationsbilanz mit durchschnittlich fast vier Dutzend Neuzulassungen in den letzten Jahren entwickelte sich die Pharmabranche insgesamt eher verhalten. Die führenden 20 Arzneimittelhersteller haben für die ersten neun Monate 2017 auf Dollar-Basis einen Umsatzanstieg von gerade einmal knapp einem Prozent erzielt, wenn man Akquisitionseffekte ausklammert. Die operativen Erträge stagnierten im Schnitt auf Vorjahresniveau.


Auch Biotech-Konzerne wollen durch Übernahmen wachsen

Etliche Pharmagroßkonzerne, darunter Pfizer, Novartis, Merck & Co, Amgen und Sanofi, stecken im Grunde in einer Phase der Stagnation. Zusatzerlösen durch neue Produkte stehen bei ihnen Patentabläufe bei älteren Wirkstoffen und wachsender Preisdruck durch Nachahmerprodukte (Generika) gegenüber. Vor allem diese Konzerne werden daher von vielen Analysten bereits als potenzielle Käufer gehandelt. Selbst neue Großfusionen schließen manche Experten nicht aus.

Auch dem Gesundheitsriesen J&J, der sich 2017 im Pharmageschäft bereits durch die 30 Milliarden Dollar teure Übernahme der Schweizer Actelion verstärkte, trauen Experten weitere Akquisitionen zu. J&J meldete am Dienstag für das Gesamtjahr einen Anstieg der Arzneimittel-Umsätze um acht Prozent auf 36,2 Milliarden Dollar, wobei die Hälfte des Wachstums aber alleine auf der Integration von Actelion beruhte.

Der Gesamtumsatz einschließlich der Consumer Healthcare-Sparte und der Medizintechnik-Aktivitäten legte um sechs Prozent auf 76 Milliarden Dollar zu, während der Gewinn vor Steuern um gut ein Zehntel auf 17,7 Milliarden Dollar schrumpfte. Die Nummer drei der US-Pharmabranche zeichnete sich in den letzten Jahren durch eine relativ starke Performance in der Neuentwicklung von Medikamenten aus. Der Konzern wird gleichzeitig aber auch durch Patentabläufe bei älteren Produkten wie dem Rheumamittel Remicade gebremst.

Neben den etablierten Pharmariesen suchen indes auch führende Biotech-Konzerne externes Wachstum durch Übernahmen, wie nicht zuletzt die beiden Transaktionen von Celgene belegen. Der Krebsmittelhersteller ist mit etwa 13 Milliarden Dollar Umsatz und 81 Milliarden Dollar Börsenwert die Nummer drei der US-Biotechindustrie (nach Amgen und Gilead) und erzielt bislang noch deutlich überdurchschnittliche Wachstumsraten im Pharmageschäft. Aber er musste im Herbst seine Mittelfristprognose um mehr als eine Milliarde Dollar reduzieren, nachdem das Schuppenflechtenmittel Otezla im Markt enttäuschte und eine weitere Neuentwicklung in einer klinischen Studie versagte.

Ähnlich ist die Situation bei der bisher ebenfalls wachstumsstarken Novo Nordisk. Der dänische Insulinhersteller wird inzwischen durch wachsenden Preisdruck im Diabetesgeschäft sowie neue Konkurrenz bei Blutermedikamenten gebremst und musste seine Mittelfristprognosen im vergangenen Jahr ebenfalls zurücknehmen. Mit dem Versuch, die belgische Biotechfirma Ablynx zu übernehmen, setzt CEO Lars Fruergaard Jørgensen daher nun zur größten Akquisition in der Geschichte des Unternehmens.

Als potenzieller Käufer wird weiterhin auch der US-Biotech-Konzern Gilead gehandelt, der sich 2017 bereits mit der fast zwölf Milliarden Dollar teuren Übernahme von Kite Pharma verstärkte. Gilead verbucht derzeit deutlich rückläufige Umsätze aufgrund wachsender Konkurrenz im Bereich Hepatitis-Medikamente.

Die führenden deutschen Pharmahersteller Bayer, Boehringer und die Darmstädter Merck-Gruppe dürften im Übernahmegetümmel der Pharmabranche 2017 eher außen vor bleiben. Sie haben momentan keine akuten Wachstumsnöte und sind zudem noch relativ stark mit anderen Transaktionen beschäftigt: Bayer muss erst einmal die Übernahme des Saatgut-Konzerns Monsanto unter Dach und Fach bringen und wird danach relativ hoch verschuldet sein.

Boehringer ist dabei die, die vor Jahresfrist erworbene Tierarzneisparte von Sanofi zu integrieren. Merck hat sein Geschäft mit rezeptfreien Medikamenten (Consumer Health) zum Verkauf gestellt und wird mit diesen Desinvestitionen erst einmal die Verschuldung reduzieren, die aus der 2015 vollzogenen Übernahme des Laborzulieferers Sigma-Aldrich resultiert.

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