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Sanofi CEO-Rauswurf stürzt Sanofi ins Ungewisse

Nach dem Rauswurf von Chris Viehbacher verliert der Pharmakonzern Sanofi Milliarden an der Börse. Das macht die Suche nach einem Nachfolger nicht unbedingt leichter.

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Die 10 umsatzstärksten deutschen Chemiekonzerne 2013
Platz 10Beiersdorf AGUmsatz: 6.141 Mio. Euro Beschäftigte: k.A. Quelle: Verband der Chemischen Industrie e.V. Quelle: dpa
Platz 9Lanxess AGUmsatz: 8.300 Mio. Euro Beschäftigte: 17.000 Quelle: dpa
Platz 8Merck KGaAUmsatz: 11.095 Mio. Euro Beschäftigte: 38.154 Quelle: dpa
Platz 7Evonik Industries AGUmsatz: 12.874 Mio. Euro Beschäftigte: 32.995 Quelle: dpa
Platz 6Boehringer Ingelheim GmbHUmsatz: 14.065 Mio. Euro Beschäftigte: 47.492 Quelle: dpa
Platz 5Henkel AGAktiengesellschaft & Co. KGaAUmsatz: 16.355 Mio. Euro Beschäftigte: 46.850 Quelle: dpa
Platz 4Linde AGUmsatz: 16.655 Mio. Euro Beschäftigte: 63.487 Quelle: dpa

So mancher Aufsichtsrat mag die Entscheidung vom frühen Morgen bereits kurz darauf wieder bereut haben. Als die Pariser Börse am Mittwoch zu Handelsbeginn vom Rauswurf des Vorstandschefs Chris Viehbacher bei Sanofi erfuhr, sauste der Aktienkurs des französischen Pharmakonzerns steil nach unten.

Zusammen mit dem Kurseinbruch vom Vortag, der ebenfalls den Gerüchten um die Unternehmensführung sowie enttäuschenden Quartalsergebnissen der Diabetes-Sparte geschuldet war, kostete die Personalie Viehbacher den Konzern binnen zwei Tagen rund 15 Milliarden Euro.

Die Branche tippt auf Zwist in der Führungsriege, denn fachlich ist dem 54-jährigen Deutsch-Kanadier nicht viel vorzuwerfen. Nachdem Viehbacher 2008 von dem britischen Konkurrenten Glaxo Smith Klein zu Sanofi gekommen war, hatte er den Konzern aus Aktionärssicht erfolgreich umstrukturiert. Auf die wachsende Konkurrenz durch Generika reagierte er etwa mit der Hinwendung Biotech-Arzneistoffen, die schwieriger nachzuahmen sind.

Diesem Zweck diente auch der Kauf des US-Unternehmens Genzyme, das sich umgehend zum Zugpferd des Konzerns entwickelte. Auf das Auslaufen von Arzneimittel-Patenten antwortete Viehbacher auch mit dem Ausbau der Sparten für nicht verschreibungspflichtige Medikamente, Tiergesundheit und Diabetes. Die Mittel gegen die Zuckerkrankheit werden in Frankfurt hergestellt. Zudem leitete er ein Kostensenkungsprogramm im Umfang von zwei Milliarden Euro ein.

In den vergangenen Quartalen lief der Umsatz in den Schwellenländern zwar nicht so gut wie erhofft. Auch drückten Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen in Europa und den USA das Geschäft. Doch auf die Frage nach den wahren Gründen für die Entlassung fällt als Antwort immer wieder der Name des Verwaltungsratsvorsitzenden Serge Weinberg.

"Er hatte einen zu persönlichen Führungsstil", sagte Weinberg am Mittwoch der Tageszeitung "Le Monde" über Viehbacher. Zu strategischen Differenzen über die Geschäfte in Brasilien und China seien nun Schwierigkeiten in der Diabetes-Sparte hinzu gekommen. "Und schließlich waren die Beziehungen zum Verwaltungsrat nicht allzu transparent."

Der in Politik und Wirtschaft hervorragend vernetzte Ratsvorsitzende und der Firmenchef hatten sich von Anfang an nicht leiden mögen. Viehbacher hätte die beiden Funktionen gerne in Personalunion ausgeübt, wie es in Frankreich nicht ungewöhnlich ist. Doch dass ein Ausländer eine Perle des französischen Aktienindex ohne Aufsicht führt, war ausgeschlossen.

Ist Sanofi ein Übernahmekandidat?

Weinberg ist Absolvent der Elite-Verwaltungshochschule ENA, aus der Frankreich traditionsgemäß seine Regierenden und ranghohen Verwaltungsfachleute rekrutiert. In den Achtzigerjahren war Weinberg Bürochef des damaligen Haushaltsministers und heutigen Außenministers Laurent Fabius.

Außerdem gehört er dem Rat der französischen Wirtschaftsweisen an, die viermal im Jahr über den aktuellen Haushalt und den des darauffolgenden Jahres Bericht erstattet. 2005 gründete er die Investmentgesellschaft Weinberg Capital Partners.

Wer in der Pharmabranche wen übernehmen will
Die Pharmaindustrie steckt im Übernahmefieber. Die Meldungen über Megadeals häufen sich. Ein Überblick über die wichtigsten Pläne in der Pharmabranche. AbbVie und ShireDer US-Pharmakonzern AbbVie hat im Juli die Übernahme des britischen Rivalen Shire für umgerechnet rund 40 Milliarden Euro angekündigt. Damit wird der Medikamentenbestand deutlich ausgebaut. Zudem soll der Zusammenschluss signifikante Steuervorteile bringen. Quelle: REUTERS
Durch den Kauf von Shire, unter anderem Hersteller von Medikamenten gegen ADHS, erweitert AbbVie sein Produktportfolio deutlich. Größter Umsatzbringer des US-Konzerns ist bislang das Rheumamittel Humira. Quelle: REUTERS
Bayer und MerckDer Dax-Konzern baut sein Geschäft mit rezeptfreien Medikamenten aus. Da passte es gut, dass US-Konzern Merck & Co seine entsprechende Sparte zum Verkauf feil geboten hat. Für rund 14 Milliarden Dollar (etwa zehn Milliarden Euro) hat Bayer den Zuschlag für die Sparte bekommen und dabei den britischen Konkurrenten Reckitt Benckiser ausgestochen. Quelle: REUTERS
Die ehemalige Merck-Sparte stellt unter anderem Dr. Scholl's-Fußpflegeprodukte, Sonnencremes der Marke Coppertone und das Allergiemittel Claritin her und kam 2013 auf Umsätze von etwa 1,9 Milliarden Dollar. Quelle: dpa
Novartis und Glaxo-Smithkline und Eli LillyEin großes Tauschgeschäft haben Novartis und Glaxo-Smithkline eingefädelt. Am 22. April gaben die beiden Konzerne bekannt, jeweils eine Sparte voneinander zu übernehmen. Der Schweizer Pharmariese Novartis kauft für 14,5 Milliarden Dollar der britischen Glaxo-Smithkline das Geschäft mit Krebsmedikamenten ab. Im Gegenzug erhält Glaxo für 7,1 Milliarden Dollar die Impfsparte von Novartis. Quelle: AP
Mit im Paket des großen Pharma-Deals: ein Gemeinschaftsunternehmen für rezeptfreie Medikamente. Glaxo hält daran die Mehrheit, Novartis lediglich 36,5 Prozent. Das Joint Venture wird zu einem bedeutenden internationalen Spieler bei nicht verschreibungspflichtigen Mitteln. Im Rahmen des Novartis-Konzernumbaus wird noch eine weitere Firma an der Vereinbarung beteiligt. Der US-Konzern Eli Lilly kauft den Schweizern für 5,4 Milliarden Dollar den Bereich Tiergesundheit ab. Quelle: REUTERS
Mylan und MedaAuch der US-Konzern Mylan ist auf Übernahmekurs. Der Generikahersteller hat Branchenkreisen zufolge den schwedischen Arzneimittelhersteller Meda ins Visier genommen. Rund neun Milliarden Euro soll Mylan die Übernahme wert sein. Doch es gibt ein Problem. Quelle: REUTERS

Viehbacher wiederum reizte seine Befugnisse in der Tat mehrfach aus, zuletzt erst vor wenigen Monaten. Im Juli erfuhren die Verwaltungsratsmitglieder aus den Medien, dass der Konzern vorhabe, ein mit 6,3 Milliarden Euro bewertetes Portfolio aus rund 200 altgedienten Arzneimitteln zu verkaufen. Dieser "Plan Phoenix" war ihnen nie präsentiert worden.

Dass der Firmenchef zu Beginn dieses Jahres dann mit seiner Familie nach Boston zog und sich damit den Affront erlaubte, Sanofi aus dem fernen Ausland leiten zu wollen, machte das gespannte Verhältnis nicht besser.

Womöglich hatte Viehbacher das endgültige Zerwürfnis damit sogar provoziert. Er hat lange genug in Frankreich gearbeitet, um die Empfindlichkeiten der "Grande Nation" zu kennen. Als ihm im Sommer zu Ohren kam, dass Weinberg einen Nachfolger für ihn suchte, schrieb er einen Brief an alle Verwaltungsratsmitglieder.

Wie die Wirtschaftszeitung "Les Echos" zu Beginn der Woche berichtete, listete Viehbacher in dem Schreiben seine Verdienste für Sanofi auf und bat um eine rasche Klärung der Lage. Ein Plädoyer dafür, ihn auf dem Chefposten zu behalten? Oder doch eher eines für eine gute Abfindung? Eine Antwort auf sein Schreiben jedenfalls bekam Viehbacher nie. Auch aus der Regierung, die seit Ende August mit ihrer eigenen Krise beschäftigt ist, kam keinerlei Unterstützung.

Industrie



Der Manager weiß, wie schwierig die Suche nach Ersatz ist. Nachdem "Les Echos" über den internen Streit berichtet hatte, war der Verwaltungsrat unter Führung von Weinberg gezwungen, schneller zu handeln als geplant. "Wir haben schon Gespräche mit Kandidaten geführt, aber sie können andauern", sagt Weinberg.

Vorübergehend übernimmt er Viehbachers Posten und muss zeigen, ob er es besser kann. Wenn nicht, so unken bereits einige Analysten, könnte Sanofi ein Übernahmekandidat werden. Das wäre das Letzte, was der Verwaltungsrat herauf beschwören wollte.

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