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Sanofi setzt auf Forschung Die mühsame Aufholjagd eines Pharmariesen

Nach zahlreichen Rückschlägen setzt der Pharmariese Sanofi auf eine runderneuerte Forschungsstrategie. Zahlreiche neue Medikamente, etwa gegen Krebs, sollen das Geschäft ankurbeln. Die Börse ist noch nicht überzeugt.

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In den nächsten 18 Monaten will das Unternehmen neun Zulassungsanträge einreichen. Quelle: Sanofi

Frankfurt Krebs, Asthma, Übergewicht – auf diesen drei zentralen Therapiefeldern will der Pharmariese Sanofi in den kommenden Jahren mit neuen Medikamenten punkten und damit seine aktuelle Wachstumsschwächen überwinden. Firmenchef Olivier Brandicourt hat am Mittwoch auf einer Analystenkonferenz mindestens neun Zulassungsanträge für neue Medikamente in den kommenden 18 Monaten an. Für zehn weitere Produkte sollen im kommenden Jahr zulassungsrelevante klinische Studien anlaufen.

Der französische Konzern, derzeit die Nummer sechs der Branche, gehört neben Pfizer, Novartis, Merck & Co und den britischen Herstellern Glaxo Smithkline (GSK) und Astra Zeneca zu einer Reihe von Big-Pharma-Unternehmen, die sich seit Jahren bereits schwer tun, aus einer Flaute mit stagnierenden oder sogar rückläufigen Umsätzen herauszufinden. Bei Sanofi schwanken die Arzneimittelumsätze seit 2010 mehr oder weniger um die Marke von 30 Milliarden Euro. In den ersten neun Monaten 2017 verbuchte der Konzern bei verschreibungspflichtigen Medikamenten und Impfstoffen ein Plus von lediglich einem Prozent.

Mit einer umfassenden Präsentation seiner Forschungs-Pipeline bemühte sich das Topmanagement von Sanofi am Mittwoch Zuversicht für seine langfristigen Perspektiven zu verbreiten. Man habe erhebliche Fortschritte beim Umbau der Forschung gemacht, sagte Brandicourt.

Zugleich musste der Sanofi-Chef aber auch etliche Probleme einräumen, die in den letzten Monaten für Enttäuschung bei Investoren sorgten. Vor allem in drei Bereichen ist der Pharmariese zuletzt hinter den Erwartungen zurückgeblieben: Zum einen ist er im Diabetesgeschäft nach dem Patentablauf bei seinem Bestseller Lantus, einem modifizierten Insulin, stärker unter Druck geraten als ursprünglich erwartet. Zum anderen erzielt der neue Cholesterinsenker Praluent bisher wesentlich geringere Umsätze als erhofft, weil Versicherungen und Kostenträger mit der Erstattung für dieses Medikament zaudern.

Zudem musste der Konzern jüngst einen herben Rückschlag bei seinem Impfstoff gegen Dengue-Fieber verkraften. Hier stellte sich jüngst heraus, dass das Vakzin eigentlich nur Personen hilft, die schon einmal mit Dengue infiziert waren. Der potenzielle Nutzerkreis, und damit auch das Umsatzpotenzial, ist damit wesentlich kleiner als zunächst erwartet. Ferner wurde die Arbeit an einem Impfstoff gegen den Krankenhauskeim Clostridium Diffizile mangels Erfolgsaussichten eingestellt.

Seine Prognose, dass man mit Neuentwicklungen der letzten Jahre mittelfristig 12 bis 14 Milliarden Euro Spitzenumsatz erzielen kann, hat Firmenchef Brandicourt indessen ungeachtet dieser Rückschläge bekräftigt. Allerdings komme es nun noch stärker auf den Erfolg der Neuentwicklungen im Bereich Immunologie an, räumt er ein. Hier konnte Sanofi den Wirkstoff Dupixent als Mittel gegen Dermatitis (Ekzeme, Neurodermitis) sehr erfolgreich auf den Markt bringen. Brandicourt geht davon aus, dass der Wirkstoff auch gegen Asthma und andere Atemwegserkrankungen eingesetzt werden kann.

Zu den weiteren Hoffnungsträgern gehören zwei potenzielle neue Krebsmittel sowie ein neuer Diabetes-Wirkstoff, den Sanofi auch als neues Medikament gegen Übergewicht auf den Markt bringen will. Die entscheidende klinische Studie für dieses Produkt soll 2018 anlaufen, ebenso wie eine Reihe weiterer Studien im Onkologiebereich.


Konkurrenten sind vorbeigezogen

Insgesamt kämpft der Konzern indessen damit, dass er auf einigen Felder in den letzten Jahren durch eine verfehlte Forschungs-Strategie den Anschluss verloren hatte. So ist er im Krebsbereich, wo er Mitte des letzten Jahrzehnts noch zu den führenden Anbietern gehörte, inzwischen gegenüber Konkurrenten wie Roche, Novartis oder Bristol-Myers weit zurückgefallen.

Sanofi verpasste hier den Trend in Richtung neuer, besonders zielgerichteter Biotech-Wirkstoffe und liegt auch auf dem boomenden Feld der Krebsimmuntherapie deutlich zurück. Mit dem neuen Wirkstoff Cemiplimab hofft Brandicourt nun, auf diesem Gebiet aufzuholen. Das Mittel gehört zur neuen Klasse der sogenannten Checkpoint-Inhibitoren, die Abwehrmechanismen von Krebszellen gegen die Immunabwehr lahm legen. Es hat in einem Test gegen eine spezielle Form von Hautkrebs gute Daten gezeigt, dürfte aber kaum vor Ende 2018 die erste Zulassung erhalten. Es muss dann gegen mindestens sechs bereits zugelassene Checkpoint-Inhibitoren (unter anderem von Bristol-Myers, Roche, Merck und Pfizer) konkurrieren, die in den zurückliegenden Jahren auf den Markt kamen.

Auch im Diabetesbereich wurde Sanofi von mehreren Konkurrenten wie Merck & Co, Eli Lilly und Boehringer überrundet, die derzeit mit einer neuen Klasse von Diabetes-Wirkstoffen, den so genannten SGLT-1-Blockern, starke Zuwächse verbuchen. Ein vergleichbares Medikament will nun auch Sanofi in die Zulassung bringen. Der Konzern liegt damit aber ebenfalls um mehrere Jahre gegenüber den Konkurrenten zurück.

Brandicourt und Sanofi-Forschungschef Elias Zerhouni zeigten sich dessen ungeachtet zuversichtlich, dass die Produktentwicklung bei dem Konzern inzwischen deutlich effizienter geworden sei, nachdem man die gesamte Struktur von Forschung und Entwicklung in den vergangenen beiden Jahren komplett umgebaut habe. Sanofi sei damit auf gutem Wege, wieder eine konkurrenzfähige Forschungs-Pipeline aufzubauen.

Zwei Drittel von insgesamt 71 klinischen Forschungsprojekten entfallen nach Angaben Zerhounis auf Substanzen mit neuen Wirkprinzipien und etwa die Hälfte auf Biotech-Wirkstoffe. Zudem setze man dabei stärker auf Substanzen, die gleich an mehreren molekularen Angriffspunkten ansetzen. Sie bieten damit aus Sicht des Sanofi-Forschungschefs das Potenzial, nachhaltiger zu wirken und in mehreren Krankheiten einsetzbar zu sein.

Die Börse zeigte sich von Brandicourts Plänen am Mittwoch wenig beeindruckt. Die Aktie notierte am späten Nachmittag um ein Prozent im Minus und damit auch leicht unter dem Niveau, das sie vor Jahresfrist schon erreicht hatte. Um die Investoren von diesem Konzept zu überzeugen, wird der französische Pharmariese also noch einige Erfolge in den klinischen Studien und Zulassungsverfahren brauchen. Die kommenden beiden Jahre werden damit zu einer Bewährungsprobe für die neue Forschungsstrategie der Franzosen.

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