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Schienenkartell Thyssen-Krupp überprüft Vorstand Eichler

Der Stahlkonzern holt zwei Gutachten zu einer möglichen rechtlichen Verantwortung von Edwin Eichler beim Schienenkartell ein. Der Vorstand soll Hinweise nicht genug geprüft haben. Eine Abberufung ist möglich.

Die Stärken und Schwächen von ThyssenKrupp
Stärke 1: Das Unternehmen besitzt ein solides Liquiditätspolster. Zwar hat Thyssen-Krupp gerade den zweiten Milliardenverlust in drei Jahren eingefahren. Dennoch ist der Konzern, dank eines sehr konservativen Finanzengagements, erstaunlich gut bei Kasse. Im vierten Quartal gelang es Finanzchef Guido Kerkhoff, die liquiden Mittel auf 3,6 Milliarden Euro zu erhöhen. Maßgeblich dazu beigetragen hat der Verkauf eigener Aktien, die ursprünglich als strategische Reserve für Übernahmen gedacht waren. Der Verkauf brachte einen Erlös von 1,6 Milliarden Euro. Quelle: dpa
Das aktuelle Liquiditätspolster reicht – abzüglich einer halben Milliarde Euro, die fest im operativen Geschäft gebunden sind – aus, um die in wenigen Monaten fälligen Finanzschulden von 0,6 Milliarden Euro abzulösen. Außerdem kann Thyssen-Krupp auf nicht gezogene Kreditlinien zurückgreifen, um sich bei Bedarf weitere 4,7 Milliarden Euro bei seinen Hausbanken zu borgen. Dank der hohen Liquidität sind die Anleihen von Thyssen-Krupp sogar für einen kleinen Kreis institutioneller Investoren interessant, die ihr Geld auch bei Unternehmen mit einer schlechten Bonitätsnote anlegen. Thyssen-Krupp gibt überwiegend Anleihen mit einem Nennwert von 1.000 Euro aus , wendet sich also gezielt an Privatanleger. Der Ruhrkonzern steht für Seriosität und finanzielle Solidität. Die Sorge, das Unternehmen könne pleitegehen, haben viele Privatanleger nicht. Bei den meisten Dax-Konzernen ist eine Mindeststückelung von 50.000 Euro üblich. Quelle: dapd
Stärke 2: Innovative Ingenieure sichern Vorsprung gegenüber den Konkurrenten. Der Investitionsgüter- und Stahlkonzern Thyssen-Krupp ist überwiegend auf bereits entwickelten Märkten tätig – und trifft dabei auf Konkurrenten mit günstigeren Kostenstrukturen. Um gegen sie zu bestehen, setzt der Konzern auf die innovative Kompetenz seiner Ingenieure. Denn erfahrungsgemäß sind die Kunden bereit, für bessere Qualität, größere Zuverlässigkeit und längere Lebensdauer eines Produktes einen Aufpreis zu bezahlen. Quelle: dapd
Auch im Geschäft mit seinen wichtigsten Kunden, den deutschen Autokonzernen, folgt Thyssen-Krupp diesem Prinzip. Und bei der wichtigsten Kennzahl, dem operativen Gewinn vor Abschreibungen pro Tonne Stahl, liegt der Konzern mit 124 Euro vor der Konkurrenz: Voestalpine verdient 105, Weltmarktführer Arcelor-Mittal sogar nur 44 Euro. Quelle: dpa
Allerdings musste Thyssen-Krupp auch lernen, dass ein vermeintlich günstiges Angebot am Ende richtig teuer werden kann: Um das Budget für das neue Stahlwerk in Brasilien nicht zu überziehen, hatte der Vorstand entschieden, die für das Milliardenprojekt wichtige neue Kokerei von einem chinesischen Anbieter bauen zu lassen. Der Experte im eigenen Haus, der Anlagenbauer Uhde, kam nicht zum Zug. Das Ergebnis ist bekannt: Die Chinesen lieferten Schrott, und jetzt muss Uhde für viel Geld die Kokerei ans Laufen bringen. Quelle: dpa
Stärke 3: Führende Marktposition in den meisten Geschäftsbereichen. Für einige Experten ist Thyssen-Krupp ein Paradebeispiel für einen Mischkonzern. Für andere ist der Essener Konzern ein unübersichtliches Industriekonglomerat. Tatsächlich zählt das Essener Traditionsunternehmen allein 636 Tochtergesellschaften in mehr als 80 Ländern, deren Geschäftszahlen, also Umsätze und Ergebnisse, voll in die Konzernbilanz einfließen. Quelle: dpa
Viele dieser Unternehmen sind in ihren Märkten tonangebend. Die Tochter Thyssen-Krupp Steel Europe beispielsweise ist nach Umsatz gemessen der zweitgrößte Anbieter auf dem Kontinent – hinter dem Branchenprimus Arcelor-Mittal. Weltweit belegt Thyssen-Krupp mit sämtlichen Stahlaktivitäten in Europa, Nord- und Südamerika sowie der Edelstahlstahlsparte nach Umsatz den siebten Rang. Nach Produktionsmenge zählt der Konzern nicht zu den Top 15. Quelle: dpa

Die Verwicklung von Thyssen-Krupp in das Schienenkartell könnte ein Nachspiel für Konzernvorstand Edwin Eichler haben. Der Personalausschuss des Aufsichtsrats habe beschlossen, „eine gutachterliche Stellungnahme zur Rolle von Herrn Edwin Eichler im sogenannten Schienenkartell und zu einer möglichen rechtlichen Verantwortung einzuholen“, schreibt Aufsichtsratschef Gerhard Cromme in einem Brief an die Mitglieder des obersten Konzerngremiums.

Ein Sprecher von Thyssen-Krupp bestätigte dies am Dienstag. Der Personalausschuss des Aufsichtsrats habe beschlossen, ein Gutachten zu einer möglichen rechtlichen Verantwortung Eichlers einzuholen, sagte der Sprecher.

Mit der Prüfung wurde der renommierte Strafexperte Klaus Volk aus München beauftragt. In einem zweiten Gutachten, das von der Kanzlei Freshfields erstellt wird, soll eine aktienrechtliche Bewertung zur weiteren Vorgehensweise erstellt werden. Bei einer groben Pflichtverletzung könnte der Aufsichtsrat Eichler von seinem Posten abberufen. Beide Gutachten sollen in dieser Woche vorliegen, wie Cromme schreibt.

Eichler, im Konzernvorstand für das Stahlgeschäft von Thyssen-Krupp zuständig, war zwar nicht persönlich an Kartellabsprachen beteiligt; er muss sich aber vorwerfen lassen, dass er interne Hinweise auf ein Kartell auf dem deutschen Schienenmarkt nicht ernsthaft genug geprüft hat.

In den Jahren 2004 und 2006 hatten Beschäftigte des Unternehmens von Absprachen berichtet. Die nachfolgenden internen Ermittlungen blieben aber folgenlos, obwohl sogar eine Beteiligung von Thyssen-Krupp festgestellt worden war. Zumindest über die Untersuchung im Jahr 2006 war Eichler direkt von Mitarbeitern informiert worden.

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Das Bundeskartellamt hatte im Juli Bußgelder gegen mehrere Schienenhersteller, darunter Thyssen-Krupp und die österreichische Voestalpine, wegen illegaler Preisabsprachen verhängt, von denen insbesondere die Deutsche Bahn betroffen war. Allein Thyssen-Krupp musste ein Bußgeld in Höhe von 103 Millionen Euro zahlen. Die betroffene Thyssen-Tochter GfT Gleistechnik fiel in den Verantwortungsbereich Eichlers. Der Manager ist seit Jahren in Führungspositionen für Thyssen-Krupp tätig. Sein Vertrag war erst vor geraumer Zeit bis 2017 verlängert worden. Thyssen-Krupp verweist darauf, seit dem Bekanntwerden des Schienenkartells im Mai 2011 umfassend mit den Behörden zusammenzuarbeiten. Zwar habe es im Jahr 2006 einen vagen externen Hinweis auf mögliche Kartellabsprachen gegeben, es seien aber keine Kartellverstöße der GfT Gleistechnik festgestellt werden. „Wie wir heute wissen, lag der Grund dafür in der hohen kriminellen Energie der Kartellanten, die durch bewusstes Verschweigen und systematisches Lügen eine frühere Aufklärung des Kartells nicht haben möglich werden lassen.“

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