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Schweinepest Ende der Party

Der deutsche Ferkelmarkt steht durch das ASP-Geschehen unter Druck. Vor dem Hintergrund der deutlich abgeschwächten Nachfrage geben die Ferkelpreise in der laufenden Woche deutlich nach. Quelle: dpa

Nachdem Südkorea, Japan und China Einfuhrverbote für deutsches Schweinefleisch verhängt haben, bricht der Preis in Deutschland ein. Die deutschen Schweinebauern stehen vor einer neuen Herausforderung.

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Bisher galt für die deutschen Ferkelzüchter und Schweinemäster: Schwein gehabt. Seit rund acht Monaten lauert die Afrikanische Schweinepest (ASP) in Polen unmittelbar hinter der deutschen Grenze. Während im Nachbarland immer wieder infizierte Wildschweine gefunden wurden, blieb Deutschland verschont. Und die Branche profitierte sogar kräftig von der Schweinepest, die vor allem in China wütete. Die Exporte nach Asien stiegen auf Rekordhöhe, die Preise für Schweinefleisch zogen kräftig an.

Nach vielen Jahren mit nicht ausreichenden Erlösen hatte der Preisanstieg im Jahr 2019 endlich für eine Besserung der wirtschaftlichen Situation in der Schweinehaltung gesorgt. Die Basispreise für Schlachtschweine lagen Anfang Dezember 2019 auf dem höchsten Niveau seit 18 Jahren. Die Notierungen lagen zum Jahresbeginn bei 1,36 Euro/kg Schlachtgewicht und stiegen bis Anfang Dezember auf 2,03 Euro/kg Schlachtgewicht. „Weil weltweit so viele Tiere fehlten“, erklärt ein Branchenkenner. In China, dem Land mit der größten Schweineproduktion weltweit, war die gefürchtete Afrikanische Schweinepest ausgebrochen und das Riesenreich hatte dabei rund 250 Millionen Schweine verloren – das entspricht dem gesamten Schweinebestand in der EU.

Der deutsche Ferkelmarkt steht durch das ASP-Geschehen unter Druck. Vor dem Hintergrund der deutlich abgeschwächten Nachfrage geben die Ferkelpreise in der laufenden Woche deutlich nach, teilt die VEZG, die Vereinigung der Erzeugergemeinschaften für Vieh und Fleisch, ihren Mitgliedern mit. Die Empfehlung für den Ferkelpreis senkte die VEZG ebenfalls sehr deutlich. In der aktuellen Kalenderwoche liegt sie mit 27 Euro pro 25 kg-Ferkel um 12 Euro unter dem Niveau der Vorwoche. Marktteilnehmer berichteten im Vorfeld, dass Mäster wegen der unsicheren Preisaussichten geplante Ferkelproduktion zurückgestellt haben.

Nun ist die Party bei den deutschen Schweineproduzenten also vorerst vorbei. Nach einem bestätigten Fall vergangene Woche bei einem Wildschwein in Brandenburg ist nichts mehr, wie es war. In der Branche geht die Angst um. Dass die ASP schon seit Februar vor den Toren Brandenburgs und Sachsens stand, betrachteten selbst Schweinebauern im weit entfernten Reken im Münsterland mit großer Sorge. So wie etwa Klaus Sicking, der neben Getreide und Gemüse auch Schweine züchtet und mästet. 300 Sauen bringen in Reken jedes Jahr rund 6000 Ferkel auf die Welt. Die Schnitzel und Filets landen in den Theken von Edeka-Märkten, in Restaurants und Kantinen von Aramak und EssArt.

Sicking wusste schon vor Monaten, was auf ihn zukommen könnte. Er hatte schon die Schweinepest 2006 mitgemacht. Sein Betrieb war damals zwar nicht direkt betroffen, wohl aber ein Kollege in der Nähe. Also lag auch sein Hof in der Sperrzone, und Sicking durfte keine Tiere mehr verkaufen oder transportieren. „Alle zwei Wochen wurden rund 400 Ferkel geboren“, erinnert er sich: „Sie können sich vorstellen, was hier nach zehn Wochen Quarantäne los war.“ Die Schweine vermehrten sich, wurden größer und fetter, „wir hatten sie auf den Gängen liegen und in Gebäuden, die dafür nicht vorgesehen waren“. Es war eine furchtbare Zeit. Wochenlang keine Einnahmen, stattdessen Mehrkosten für Futter, Strom, Personal. Und überall Schweine.

Im Falle eines ASP-Ausbruchs auf seinem Hof oder in unmittelbarer Nachbarschaft würde Sicking auch nun wieder Lagerhallen ausräumen und zusätzliches Futter ordern müssen. Und „enger belegen“, Schweinehalteverordnung hin oder her: In der Not müssen auch die Tiere enger zusammenrücken, „geht ja nicht anders“, sagt Sicking: „Ich bin gezwungen, auf meinem Hof zu bleiben.“



Gegen die Ausbreitung der ASP konnte Sicking wenig tun. Auf Biosicherheit achten, klar: „Wir haben unsere Ställe immer schon ziemlich dicht gehalten; ohne Desinfektion für Stiefel und Schutzkleidung kommt bei uns keiner in den Stall.“ Aber das ist es auch schon.

Nun ist die ASP in Deutschland angekommen, und Deutschland ist kein Exportland mehr. Die Märkte in China, Japan und Südkorea brechen weg. „Der Markt spielt verrückt“, beschreibt ein Kreislandwirt die wirtschaftlichen Folgen des nur einen ASP-verseuchten Wildschweins in Brandenburg. Eine neue Herausforderung kommt auf die deutschen Schweinehalter zu, die erst vor wenigen Wochen mit der Corona-Krise und dem Produktionsstopp bei den Schlacht-Giganten Tönnies und Westfleisch zu kämpfen hatten. Weil die Verarbeitung der Schlachttiere dort still stand, herrschte Stau im Stall. Nur mit Verzögerung und nicht selten mit finanziellen Verlusten konnten die Mäster ihre Tiere verkaufen.

Bauer Sicking in Reken ist vorbereitet. Landwirte in Deutschland sind über die Tierseuchenkasse versichert. Aber sie bekommen nur den Wert der getöteten Tiere ersetzt. Höfe, die im betroffenen Sperrbezirk liegen und ihre Tiere nicht mehr verkaufen können, gehen leer aus. Sicking hat sich daher nach der Schweinepest vor 15 Jahren zusätzlich versichert. „Das kostet viel Geld, rund 10.000 Euro im Jahr.“ Für Schweinebauern wie Sicking geht es jetzt sprichwörtlich um die Wurst. Das Problem aktuell sei, dass es keine Planungssicherheit gebe.


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Bedingt durch die Corona-Krise und die hohen Sicherheitsmaßnahmen produzieren viele Schlachtbetriebe ohnehin nur mit angezogener Handbremse. Schon jetzt gibt es ein leichtes Überangebot an lebenden Schweinen. Zwar sei der wichtigste Absatzmarkt für Schweinefleisch der deutsche Markt, sagt Torsten Staack, Geschäftsführer der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN).

Der Export in einige Drittländer – insbesondere nach China – sei für deutsche Exporteure aber ebenfalls enorm wichtig.

Größter Exporteur in Deutschland für Schweinefleisch nach Asien ist der Tönnies-Konzern. „Der chinesische Exportstopp ist für die Bauern und den Wirtschaftsstandort Deutschland ein herber Schlag,“ sagt ein Sprecher des Unternehmens aus Rheda-Wiedenbrück. Teilstücke von deutschem Fleisch hätten eine hohe Qualität und seien deshalb im Export stark nachgefragt. „Der Export von Teilstücken, die in Deutschland nicht mehr verzehrt werden, hat unter anderem zu den günstigen Verbraucherpreisen geführt. Jetzt fällt der Export von Öhrchen, Schnäuzchen und Pfötchen weg, sodass die Verbraucherpreise für die in Deutschland verzehrten Produkte teurer werden müssen.“ Tönnies fordert derweil eine Regionalisierung der Sperrgebiete. Ein infiziertes Wildschwein in Brandenburg dürfe nicht den Export aus ganz Deutschland verhindern.

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