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Sensorik-Hersteller aus Österreich Osram: AMS steigt in Bietergefecht ein

Sensorik-Hersteller AMS kann für Osram bieten. Wenn der Kauf gelingt, stehen große Aufgaben bevor. Quelle: dpa

Im Versuch, die ehemalige Siemens-Tochter Osram zu übernehmen, bekommen die US-Finanzinvestoren Bain Capital und Carlyle mit AMS einen zahlungsfreudigen Konkurrenten. Aber wie ernst ist deren Angebot zu nehmen?

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Der Bieterkampf um Osram ist offiziell eröffnet. Im Ring stehen sich von nun an die US-Finanzinvestoren Bain Capital und Carlyle sowie der österreichische Sensorikhersteller AMS gegenüber. Schiedsrichter: Die Aktionäre, die in den nächsten Wochen über das ihrer Meinung nach bessere Angebot entscheiden müssen.

Der Vorstand des Münchner Lichttechnikkonzerns hob am Mittwoch das mit AMS ursprünglich vereinbarte Stillhalteabkommen auf. Damit können die Österreicher ihr Angebot über 38,50 Euro je Aktie öffentlich machen und es bei der deutschen Finanzaufsicht Bafin zur Prüfung einreichen. Der Osram-Aufsichtsrat gab zudem grünes Licht für eine Kooperationsvereinbarung mit AMS - wie erwartet gegen den Willen der Arbeitnehmervertreter. Ein Sprecher der IG Metall sagte der WirtschaftsWoche, die Gewerkschaftsvertreter hätten noch einmal ihre Bedenken gegen ein Zusammengehen mit AMS deutlich gemacht und sich bei der Abstimmung „entsprechend verhalten“.

„Unsere Aktionäre haben nun zwei Angebote vorliegen und können zwischen den verschiedenen unternehmerischen Konzepten wählen“, sagte Olaf Berlien, CEO der OSRAM Licht AG, laut einer am Abend veröffentlichten Erklärung. „Wir sind stolz darauf, dass wir in den vergangenen Jahren in einem enorm schwierigen Marktumfeld mutige und strategisch richtige Entscheidungen getroffen haben. Das Interesse gleich mehrerer Bieter sowohl aus dem Private-Equity-Bereich als auch aus der Industrie ist Zeugnis dafür.“


Trotz der positiven Worte gibt es dem Vernehmen nach auch im Managemement nach wie vor Bedenken, was die Seriosität des AMS-Angebots angeht. Was ebenfalls in der Erklärung deutlich wurde: Darin heißt es: Osram wird AMS zudem mehr Gelegenheit geben, Vorstand und Aufsichtsrat von der Ausrichtung der Geschäfte, der globalen Standortstrategie und dem Integrationskonzept zu überzeugen. Zu diesen Themen konnte aus unterschiedlichen Gründen noch kein ausreichendes Verständnis erzielt werden. Insbesondere die Integration eines Industriekonzerns mit fast vier Milliarden Euro Umsatz und einer Präsenz in rund 70 Ländern durch ein deutlich kleineres Unternehmen ist eine herausfordernde Aufgabe.“

Falls Berlien selbst Zweifel hegt, muss er sich und seine Vorstandskollegen dennoch vor Haftungsrisiken schützen: Hätte er den Österreichern die Tür gewiesen, wären Klagen von Aktionären vermutlich unausweichlich gewesen. Immerhin bietet AMS mit 3,50 Euro je Osram-Aktie mehr - insgesamt rund vier Milliarden Euro. Die Banken HSBC und UBS wollen dafür Milliardenkredite bereit stellen. Da AMS nicht nur mehr Geld bietet, sondern ein Zusammengehen mit Osram auch wirtschaftlich Synergien schaffen könnte, wird das Angebot zudem von vielen als interessanter angesehen als jenes der US-Finanzinvestoren.

Bain und Carlyle hatten bisher angekündigt, 3,4 Milliarden Euro bezahlen zu wollen. Das Stillhalteabkommen mit AMS war ursprünglich vereinbart worden, nachdem AMS Einsicht in die Osram-Bücher nehmen konnte. Im Gegenzug hatte sich das Unternehmen aus Premstätten in der Steiermark verpflichtet, ohne die ausdrückliche Zustimmung von Osram binnen zwölf Monaten kein Angebot vorzulegen.

Die Zweifel liegen vor allem in der bereits jetzt hohen Verschuldung von AMS begründet sowie auch bei der im Vergleich zu Osram viel geringeren Umsatzstärke. AMS machte zuletzt 1,5 Milliarden Umsatz. Bei Osram waren es rund vier Milliarden Euro. Womöglich unterschätze man in der Steiermark die Komplexität des Unterfangens, hieß es in den vergangenen Wochen immer wieder. Die Arbeitnehmer fürchten, dass Arbeitsplätze und ganze Standorte auf dem Spiel stehen, Osram zerschlagen werden soll. Schließlich wolle AMS die Geschäftseinheit Digital sowie Teile des LED-Konsumentengeschäfts verkaufen. Standortgarantien wolle man nur bedingt abgeben. Was, wenn AMS nur als Strohmann agiert?

AMS mit Zugeständnissen für Arbeitnehmer

In einer Mitteilung am Abend gab Osram bekannt, dass die Kooperationsvereinbarung mit AMS Schutzbestimmungen für Mitarbeiter und wesentliche Unternehmensteile vorsehe. Auch bekenne sich AMS ausdrücklich zur Aufrechterhaltung bestehender Tarifverträge, Betriebsvereinbarungen und ähnlichen Abmachungen. Ebenso sollten bestehende Pensionspläne vollumfänglich erhalten bleiben. München würde demnach Co-Hauptsitz mit globalen Stabseinheiten bleiben. Osram werde auch nach der Übernahme unter dem bestehenden Namen weitergeführt und als Marke erhalten bleiben.

Auf mittelfristige Sicht könnte das Zusammengehen von AMS und Osram für Investoren dennoch sinnvoll erscheinen. Gute Perspektiven in innovativen Bereichen winken bei Medizintechnik, Industrie und Autobau. Da könne man auch schon mal früh ins Risiko gehen, meint ein Fondsmanager, der die AMS-Aktien lange im Depot hatte, sie aber in den vergangenen Jahren weitgehend verkauft hatte. Das Unternehmen sei technologisch sehr gut, allerdings gebe es Zweifel am Vorstand. Man frage sich unter Investoren zum Beispiel über die möglichen Hintergründe,, wenn der Vorstand aggressiv mit eigenem Geld Optionen auf AMS-Aktien kaufe und sie dann auf dem Kurshöhepunkt verkaufe.

Damit habe er verbrannte Erde hinterlassen, heißt es in Frankfurt. Auch hat der AMS-Vorstand für den Geschmack mancher zu lange um einen neuen Vertrag gepokert. Wegen der hohen Verschuldung des Unternehmens muss ASM, um den Osram-Kauf zu stemmen, eine Kapitalerhöhung machen. Dazu braucht es viele Investoren, die dann mitziehen.

Auf der Positiv-Seite stehen aber gute Entwicklungen etwa bei den Laserprodukten, die in den nächsten Jahren zu einem stärkeren Einsatz kommen sollten. VCSEL-Laser (Vertical-cavity surface-emitting lasers) sind für 3-D-Darstellungen wichtig und Abstandsmessungen wie etwa Einparkhilfen. Hier hat Osram Stärken, über die AMS nicht verfügt. Damit ist es beispielsweise möglich, einen Körper abzuscannen und dann Maßkleidung anzufertigen. Schon jetzt kommen die Laser auch bei Einschlafwarnungen in Autos zum Einsatz: Sie scannen das Gesicht des Fahrers.

Technisch gut, geschäftlich schwierig

Bei anderen Laserarten so genannter LIDAR-Art, die etwa Autos auch bei Nebel autonom steuern könnten, sind beide Unternehmen stark. Und hier sehen Beobachter ein riesiges Potenzial beim autonomen Fahren, das den Einsatz von Elektronik und Halbleitern im Auto stark vergrößern wird.

Das bislang offiziell vorliegende Übernahmeangebot der US-Beteiligungsgesellschaften Bain und Carlyle wurde von einem Großinvestor von Osram, Allianz Global Investors, abgelehnt. Damit wackelte bereits die für einen Erfolg verpflichtende Vorgabe, dass Bain und Carlyle bis zum Stichtag 5. September 70 Prozent der Osram-Aktionäre hinter sich versammeln. Mit einem Gegengebot darf das nun als ausgeschlossen gelten. In Frankfurt geht das Gerücht um, das Duo überlege noch nachzubessern. Für die Amerikaner ist das aber nicht die einzige Option.

Sollte AMS der Osram-Kauf gelingen, kommt auf den AMS-Vorstand eine riesige Managementaufgabe zu. An der Fähigkeit, diese zu stemmen, gibt es Zweifel. Aber auch der Osram-Vorstand ist vielen zu schwach.

AMS hat es immerhin geschafft, sein Geschäft, das zunächst sehr stark auf den Verkauf an Apple konzentriert war, etwas zu diversifizieren und auch asiatische Kunden zu bekommen. Zusammen mit Osram würde man die Abnahmechancen in der Automobilindustrie stärken. Die schwächelt derzeit. Diese Abhängigkeit könnten andere Produkte verkleinern, die zwar noch nicht marktreif sind, mit denen Experten aber ab 2020 stark rechnen: Etwa Entwicklungen, die unter Ambient Light Sensors & Proximity Detection laufen. Dabei geht es um Produkte, die Mobiltelefone jeweils so beleuchten, das sie zur Umgebung passen und abblenden, wenn man sie ans Ohr hält. AMS kann auch Sensoren bauen, die Blutdruck messen, und Tools, die mit Spektrallicht bei einem Outfit die richtige Lippenstiftfarbe auswählen können.

Jetzt müssen die Aktionäre wählen - bei Tageslicht, unter ganz realen Bedingungen.

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