WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Serie Wirtschaftswelten 2025 So erlebt ein Joghurt die Industrie 4.0

Seite 2/4

Digitales Dossier zu jeder Kuh

Zurzeit weiß mein virtuelles Ich nur, dass mein Bauer seine Kühe ausschließlich mit traditionellen Futterpflanzen füttert und auf gentechnisch beeinflusstes Futter ganz verzichtet, wie dies FrieslandCampina vorschreibt. Ein solches digitales Dossier hat Bauer Holzrichter über mich und meine Kuh angelegt. Darin ist gespeichert, wie viel Gras, Mais oder Raps zu meiner Entstehung beigetragen haben und woher das zugekaufte Futter stammt. Diesen digitalen Vorsorgepass hat Bauer Holzrichter verfasst und in die Datenbank von FrieslandCampina übertragen.

Wie und wann ich als Milch das Licht der Welt erblicke, wird dagegen von dem Melkroboter erfasst, der meine Kuh an dem kleinen Transponder erkennt, den sie am Bein trägt. Die Anlage misst die elektrische Leitfähigkeit der Milch; an ihr erkennt Bauer Holzrichter, ob das Euter gesund ist. Für FrieslandCampina dokumentiert der Melkroboter den Eiweiß-, Fett- und Laktosegehalt. Die Werte gehen via Satellit an meinen Bit-und-Byte-Zwilling, damit die Molkerei weiß, woraus sie mich später herstellt.

Einheitlichkeit der Daten ist Glückssache

Die FrieslandCampina-Manager haben Glück. Ihre Vertragsbauern und die Bauern, denen der Mutterkonzern in Holland gehört – es handelt sich um eine Genossenschaft –, sind sich einig. Bei der Erfassung, Übermittlung und Speicherung ihrer Daten benutzen Fabriken und Zulieferer die gleichen Standards .

In den Lieferketten anderer Industrien ist diese Einheitlichkeit selten und damit eines der ungelösten Probleme der Digitalisierung. Hier müssen sich die Firmen erst noch auf Übermittlungs- und Sicherheitsstandards sowie Datenplattformen einigen. Eine Untersuchung der Kölner Unternehmensberatung Inverto weist darauf hin, dass nur die Hälfte der Unternehmen damit begonnen hat, diese Voraussetzungen zu schaffen. Währenddessen setzt der Bosch-Konzern bereits Maßstäbe. Er hat gerade eine virtuelle Lieferkette nachgezeichnet. „Derzeit dürfte jeder zweite Zulieferer größte Schwierigkeiten damit haben, bei einem Projekt wie dem von Bosch überhaupt mitzumachen,“ sagt Inverto-Partner Frank Welge. Bei mittelständischen Betrieben fehle die Sensibilität für das Thema.

Serie "Wirtschaftswelten 2025"

Das Problem gewinnt an Brisanz, weil es eine große industrieübergreifende Lösung in Deutschland so schnell nicht geben dürfte. „Viel wahrscheinlicher ist, dass jeder Konzern eine eigene Plattform, einen eigenen virtuellen Datenraum mit eigenen Standards schafft“, fürchtet Experte Welge. Schließlich wolle jedes Unternehmen seine Kernprozesse geschützt wissen.

Die Uneinigkeit droht die Einführung von Industrie 4.0 in Deutschland zu bremsen. Denn ohne einheitliche Standards müssten Zulieferer ihre eigene IT an die Datenwelten der jeweiligen Abnehmer anpassen. „Da rollt eine extreme Investitionswelle auf die Betriebe zu, auf die kaum einer vorbereitet ist“, sagt Berater Welge. Schon in zwei Jahren, schätzt er, würden etwa die Autohersteller ihre Industrie-4.0-Datenplattformen aufgebaut haben. „Dann heißt es für die vorgelagerten Lieferanten, mach mit, oder du bist raus.“

Selbst die Temperatur während des Transports wird festgehalten

Es ruckelt und schwappt, gluckst und gurgelt, ich schuckele über die Autobahn quer durchs Land in die FrieslandCampina-Joghurtfabrik in Heilbronn bei Stuttgart. Ich reise nicht allein, zusammen sind wir 18.000 Liter Milch, auch von Kühen anderer Bauern. Mein virtueller Zwilling in der Datenbank von FrieslandCampina notiert das alles mit, auch die Daten zum Transportweg und zur Temperatur.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen

Jetzt auf wiwo.de

Sie wollen wissen, was die Wirtschaft bewegt? Hier geht es direkt zu den aktuellsten Beiträgen der WirtschaftsWoche.
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%