WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Serie Wirtschaftswelten 2025 So erlebt ein Joghurt die Industrie 4.0

Seite 4/4

Maschinen reagieren selbst auf Probleme

Der Vorteil gegenüber heute: Erstens können die Maschinen – je nach Auslastung und Art der Produkte – blitzschnell entscheiden, in welcher Reihenfolge sie welche Arbeitsschritte erledigen. Dafür haben sie eine Palette an Werkzeugen, aus der sie sich selbstständig bedienen. Zweitens erlauben die Daten, ein Produkt automatisch durch die Fertigung zu schleusen.

Die Digitalisierung wird vor keiner Branche haltmachen. Autozulieferer Bosch hat bereits die Lieferkette für ein Bauteil eines Dieselmotors nachgebildet. Die Laserschneider des Maschinenbauers Trumpf wiederum wissen schon selbst, wann ihre Linsen gereinigt werden müssen.

Autonome Erntehelfer
Eine landwirtschaftliche Maschine auf einem Feld Quelle: Claas
Traktoren mit Lenksystem Quelle: Claas
Agrobot, mechanischer Erntehelfer Quelle: Agrobot
Feldroboter Quelle: David Dorhout
Ein Flugroboter wird über einem Feld fliegen gelassen Quelle: dpa
Satellitenbild Quelle: NASA astronauts
Ein Landwirt ruft Daten in einem Traktor ab Quelle: Claas

Automatisch in den richtigen Becher

Ruhe und Wärme sind vorbei, die Temperatur beträgt nur noch zehn Grad. Es ist laut, direkt neben mir formen Maschinen aus einem 70 Zentimeter breiten Kunststoffband Schälchen für andere Joghurts. Ich komme in einen Becher, der fertig zugekauft wurde. Die Aufschriften sind verschieden, mal Müsli Cranberry, mal Schoko-Erdbeer, mal Apfel-Ananas. Den Befehl, mich in den richtigen Becker abzufüllen, der bereits Beeren und Müsli enthält, gibt mein digitales Abbild im Computer.

Jetzt bin ich dran, mein digitales Ebenbild im Rechner weist die Anlage an, mich in den Becher zu füllen. Ein paar Meter weiter bekomme ich einen Deckel aus Aluminium verpasst – fertig. Die Anlage schiebt mich mit anderen Bechern über lange Bänder in die Versandabteilung.

Der Mensch greift immer seltener ein

Ganz allein, gesteuert nur durch sich selbst und die Maschinen, ist der Becher Müsli-Joghurt Rote Beere von FrieslandCampina nicht entstanden. Es gibt noch einen Leitstand in Heilbronn, an dem ein Mensch arbeitet: Jochen Gundel. Der 24-Jährige bedient die Steuerzentrale der Joghurtproduktion. Wenn es um Anlagetechnik oder Hygiene geht, macht ihm niemand so leicht etwas vor. Doch Gundel muss von Jahr zu Jahr immer seltener eingreifen.

Bei FrieslandCampina in Heilbronn wie in allen anderen Fabriken ist absehbar: Industrie 4.0 spart Arbeit. BCG zufolge frisst die Digitalisierung in den kommenden zehn Jahren in Deutschland allein im Maschinenbau 220.000, in der Autoindustrie 165.000 und in der Nahrungsmittelindustrie 100.00 Arbeitsplätze.

„Deshalb ist die Produktion der Zukunft aber nicht menschenleer und bedeutet auch nicht zwingend zunehmende Automatisierung“, sagt BMW-Vorstand Harald Krüger. Im Werk Landshut des bayrischen Autobauers zeigen Mitarbeiter in der Qualitätskontrolle der Lackierstraße neuerdings nur noch mit dem Finger auf eine fehlerhafte Stelle. Automatisch erfasst die Kamera die exakten Koordinaten und speist sie ein. Dabei hilft ein unsichtbares Netz, das Sensoren aufs Blech werfen. Früher mussten die Mitarbeiter die Stelle, die es auszubessern galt, aufwendig am PC erfassen.

Trotzdem gibt es laut BCG einen Lichtblick für die Beschäftigung in der deutschen Industrie im Jahr 2025: Weil die Unternehmen durch Industrie 4.0 wettbewerbsfähiger würden, gebe es mehr Aufträge und in der Summe 390 000 neue Arbeitsplätze, davon 95.000 im Maschinenbau, 50.000 in der der Nahrungsmittel- und 15.000 in der Automobilindustrie.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Dieses Element gibt es nicht mehr.

Allerdings steht Industrie 4.0 erst ganz am Anfang. Bei FrieslandCampina etwa ist die Versandabteilung bisher kaum digitalisiert. „Hier ist Industrie 4.0 erst in Ansätzen verwirklicht“, sagt Markus Brettschneider, Deutschland-Chef von FrieslandCampina. Erst recht gilt das für die Einbindung des Handels. Die viel beschworene automatische Nachbestellung durch die Supermarktkasse, wenn der letzte Artikel verkauft ist, bleibt Zukunftsmusik. „Die Vernetzung zwischen Herstellern und dem Handel kann noch deutlich weiter gehen, und die Verbraucher könnten dadurch noch mehr Informationen zum Produkt wie Herkunft oder Verarbeitungsort erhalten“, sagt Markus Lorenz von der Boston Consulting Group.

Weiter ohne den Datenzwilling

Die Zeit des Abschieds ist gekommen. Eine Maschine steckt mich in eine Großverpackung, die ein Gabelstapler sodann in einen Lkw verfrachtet. Wenn ich das Werk verlasse, springt mein Datenzwilling ab. Dann bin ich allein, ohne Industrie 4.0.

Jetzt auf wiwo.de

Sie wollen wissen, was die Wirtschaft bewegt? Hier geht es direkt zu den aktuellsten Beiträgen der WirtschaftsWoche.
Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Zur Startseite
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%