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Serie Zukunft der Industrie Die Jagd nach der Milliardenidee

Deutsche Konzerne versuchen mit klangvollen Startup-Brutkästen, den großen Coup zu landen. Leichter gesagt als getan.

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Stefan Jaroch Quelle: Werner Schüring für WirtschaftsWoche

Selbst Klaus Wowereit kann noch Eröffnungen feiern. Vor zwei Wochen weihte Berlins Regierender Bürgermeister den sogenannten CoLaborator ein. In den schicken Räumen mit den stylishen grünen Sitzecken sieht es aus wie in einer Werbeagentur, doch entscheidend sind die hochmodernen Labore, in die sich Start-ups einmieten können.

Gegründet hat den sogenannten Inkubator, zu Deutsch: Brutkasten, Bayer. „Das ist ein wichtiges Element unserer Innovationsstrategie“, sagt der Leiter des CoLaborators, Stefan Jaroch.

Gründer locken

Der Leverkusener Pharma- und Chemiekonzern betreibt seit zwei Jahren in San Francisco solch ein Gründer-Labor. Nun will er junge Gründer auch in den Berliner Wedding locken. Den ersten hat Bayer sogar schon aus dem Silicon Valley losgeeist: Robert Pytela hat seit 1988 an der University of California in San Francisco geforscht und schon zwei Unternehmen gegründet.

Der 59-Jährige ist Spezialist für die Entwicklung von Antikörpern zur Krebsdiagnostik. Seine erste Firma verkaufte er für 170 Millionen Dollar an Abcam, den Weltmarktführer für Antikörper aus Großbritannien. Seine zweite schnappte sich der Schweizer Pharmariese Roche. Bei Pytelas dritter Firma, Calico, könnte irgendwann vielleicht Bayer zum Zug kommen.

Bargeld und Kaffee inklusive

Die Leverkusener unternehmen derzeit einiges, um sich frühzeitig den Zugriff auf Innovationen zu sichern. So hat Bayer ebenfalls in Berlin ein Accelerator-Programm gestartet, für das noch bis Ende des Monats fünf Start-ups gesucht werden.

Ein Accelerator ist ein Beschleuniger: Aussichtsreiche Start-ups erhalten 50.000 Euro Startgeld, Beratung, Büroflächen und „Kaffee inklusive“, um sich zu entwickeln. Im Gegenzug erhält Bayer die Option, Anteile an den Unternehmen zu erwerben.

Deutsche Inkubatoren für Startups

Mit seiner Start-up-Offensive ist Bayer nicht allein. Der Blick in die USA, wo anscheinend wie am Fließband neue Milliardenunternehmen und Milliardäre entstehen, macht die hiesigen Konzernchefs nervös und weckt Begehrlichkeiten. Um bei dem Milliardenspiel nicht abseits zu stehen, hat sich eine ganze Reihe von ihnen entschieden, in die Gründeraufzucht einzusteigen.

Geld gegen Ideen

Die Deutsche Telekom, Allianz, Pro7 oder die Commerzbank haben zu diesem Zweck Accelerator-Programme und Inkubatoren für Gründer ins Leben gerufen. Sie veranstalten regelmäßig Castings für Start-ups und locken Gründer mit Geld, Büroräumen und Geschäftskontakten. Im Gegenzug hoffen sie möglichst früh Zugriff auf neue Geschäftsideen zu erlangen, um sich gegen Wettbewerber zu wappnen oder später selbst das dicke Geld zu verdienen.

Für deutsche Konzerne ist die Einbindung von Start-ups – neben der Einrichtung von Zukunftslabors – ein wichtiges Instrument, um sich für die Zukunft zu wappen. Statt von der Digitalisierung überrollt zu werden, hoffen die etablierten Unternehmen, so das berühmte „next big thing“, das nächste große Ding, im eigenen Haus auszubrüten. Oder sie trachten danach, auf diese Weise potenzielle Wettbewerber im Vorfeld auszubremsen.

„Wir versuchen so, Ideen, die uns gefährlich werden könnten, rechtzeitig zu erkennen“, sagt Marc Stilke, Chef von Immobilienscout24. Das Internet-Portal hat es selbst vorexerziert und den Verlagen Geschäft mit den Immobilienanzeigen geraubt, die jahrzehntelang die Wochenendausgaben mit gut bezahlten Anzeigen füllten. Heute läuft das Geschäft fast nur noch im Internet, und Immobilienscout24 ist mit einem Anteil von mehr als 60 Prozent klarer Marktführer.

Trotzdem weiß Stilke, dass er sich auf der dominanten Position nicht ausruhen kann. Er attestiert sich eine „gesunde Paranoia“: Was Internet und Immobilienscout24 mit den Zeitungen gemacht haben, könne ihm auch schnell selbst passieren. Aus diesem Grund hat der 47-Jährige in der Zentrale am Berliner Ostbahnhof einen Inkubator für Start-ups namens You-is-now gegründet.

Wachsende Inkubatorenschwemme

Welche Unternehmen in Europa am meisten forschen
Platz 10 - EADS - 3,63 Milliarden Euro Forschungsausgaben im Jahr 2012Der europäische Rüstungsriese soll bald den Namen seiner zivilen Luftfahrttochter Airbus annehmen. In Sachen Forschung und Entwicklung ist das Unternehmen vorne mit dabei. Die treibstoffsparende Airbus A350 XWB Ende 2014 auf den Markt kommen und zum Verkaufsschlager werden. Quelle: EU-Kommission Quelle: dpa
Platz 9 - Ericsson - 3,86 Milliarden Euro ForschungsausgabenDie Handyproduktion liegt mittlerweile komplett in der Hand von Sony, doch als Netzwerkausrüster ist der schwedische Konzern noch aktiv. Ericsson-Chef Hans Vestberg investiert dafür massiv in die Zukunft. Quelle: dpa
Platz 8 - BMW - 3,95 Milliarden Euro ForschungsausgabenDer deutsche Premiumautohersteller hat massiv in die Entwicklung des Elektroautos i3 investiert und will die Submarke um weitere Modelle erweitern. Die Forschungsausgaben sind damit europaweit in der Spitzengruppe. Quelle: REUTERS
Platz 7 - Nokia - 4,17 Milliarden Euro ForschungsausgabenDen Trend zum Smartphone haben die Finnen verschlafen. Mit massiven Investitionen in der Entwicklungsabteilung will Nokia-Chef Stephen Elop die Nutzer zurückgewinnen. Quelle: REUTERS
Platz 6 - GlaxoSmithKline - 4,23 Milliarden Euro ForschungsausgabenIn der Londoner Zentrale des Pharmariesen, zu dem auch Corega und Odol gehört wird kräftig geforscht. Nur ein Pharmakonzern in Europa gibt mehr Geld für die Entwicklung aus. Quelle: REUTERS
Platz 5 - Siemens - 4,57 Milliarden Euro ForschungsausgabenDer neue Chef Joe Kaeser will den Industrieriesen aus München wieder zurück auf die Erfolgsspur führen - und verfügt dafür über einen der größten Forschungsetats Europas. Quelle: dpa
Platz 4 - Sanofi - 4,91 Milliarden Euro ForschungsausgabenDer forschungsstärkste Pharmakonzern Europas kommt aus Frankreich und ist seinen Beinamen Aventis mittlerweile wieder los. Weltweit beschäftigt das Unternehmen über 100.000 Mitarbeiter. Quelle: dpa

Vorbild für die etablierten Konzerne ist die Firma Rocket Internet in der Berliner Johannisstraße, die sich als „größten Inkubator der Welt“ bezeichnet. 2007 von den drei deutschen Brüdern Oliver, Marc und Alexander Samwer gegründet, spuckt die Start-up-Fabrik fast monatlich neue Firmen aus, vielfach Kopien amerikanischer Start-ups. Bisher berühmtestes Unternehmen ist der Online-Händler Zalando.

Der Erfolg von Rocket Internet hat inzwischen eine wahre „Inkubatorenschwemme“ entstehen lassen, über die in der Branche kritisch diskutiert wird. Vor allem in der Großindustrie ist ein regelrechter Wettlauf um aussichtsreiche Start-ups ausgebrochen.

Inkubator im ehemaligen Fernamt

Als zum Beispiel der Firmengründer Korbinian Weisser in einem Branchenportal seine Smartphone-App Qlearning vorstellte, die Studenten Lernmaterialien bietet, hatte er wenige Stunden später eine Mail von der Deutschen Telekom im Postfach. Wenn er Geld brauche, sollte man sich doch mal treffen.

Heute arbeitet Weisser mit seinem Team im Hub:raum. So heißt der Inkubator, den die Telekom in Berlin im früheren Fernamt 1, der einst größten Telefon-Vermittlungsstelle Europas, eingerichtet hat.

Investitionen in IT-Startups nach Bundesländern Quelle: BITKOM

Main Inkubator nennt dagegen die Commerzbank ihr Start-up-Treibhaus in Frankfurt. Im vergangenen Monat traf sich erstmals ein Investmentkomitee, um die Kandidaten zu sichten. Die ersten Start-ups sollen in der zweiten Jahreshälfte in das rote Backsteingebäude einziehen.

„Wir suchen Milliardenunternehmen“, sagt Marius Sewing, Leiter des Microsoft Ventures Accelerators. Auch der US-Softwareriese hat im November die Jagd auf deutsche Gründer eröffnet. Dazu hat er in seiner neuen Hauptstadtrepräsentanz Unter den Linden ein Accelerator-Programm gestartet – und bietet den Rauchern unter den Gründern einen Balkon mit spektakulärem Blick vom Brandenburger Tor bis zum Alexanderplatz.

Die ersten neun Teams haben gerade erfolgreich einen Crashkurs bei Microsoft beendet, Microsoft-Deutschland-Vorstand Peter Jaeger wettet gar, dass schon eines dieser Start-ups zum Milliardenunternehmen wird.

Unklare Chancen

Doch wie groß sind die Chancen der Großunternehmen wirklich, mihilfe von Start-ups das ganz große Ding zu finden? Wenn die Konzerne ihren Erfolg an Internet-Firmen wie Twitter messen, werden viele ihrer Versuche „tränenreich“ enden, prophezeit Ciaran O’Leary, Partner beim Risikokapitalgeber Earlybird. Er kritisiert den „Tsunami“ an Start-up-Programmen und warnt, besonders gute Gründerteams würden oft nicht direkt bei einem Konzern andocken wollen.

„So einfach wie das Auflegen ist es, die Programme wieder dichtzumachen, wenn ein Vorstand oder die Strategie wechselt“, sagt O’Leary. So hat Bertelsmann gerade sein 2012 gegründetes „Innovation Lab“ Bevation stillgelegt. Von den sieben Unternehmen sind zwei schon wieder vom Netz.

Wie schwer die Firmengründung am Fließband sein kann, zeigt auch der Inkubator Epic Companies. Den hatte der TV-Konzern ProSiebenSat1 vor einem Jahr in Berlin gegründet und den Ex-Rocket-Manager Mato Peric als Leiter und Partner gewonnen. Mit zwei weiteren Ex-Rocket-Managern sollte Peric jedes Jahr mindestens fünf Start-ups aufbauen.

Doch damit ist erst einmal Schluss. Der Großteil der Epic-Mitarbeiter soll sich auf ihre sieben bestehenden Start-ups konzentrieren. Von den kürzlich noch 250 Mitarbeitern werden derzeit laut Epic nur noch 200 weiter beschäftigt. Im März hatte Peric noch drei Neugründungen angekündigt, nun soll in diesem Jahr lediglich ein weiteres Start-up hinzukommen.

Wichtiger Spieler

Dabei ist ProSiebenSat1 durchaus erfolgreich und zu einem der wichtigsten deutschen Player im Online-Geschäft aufgestiegen. Der Umsatz der Sparte stieg von 335 auf 484 Millionen Euro und macht fast ein Fünftel des Gesamtumsatzes aus.

Um unabhängiger vom Werbegeschäft zu werden, setzt die Gruppe auf Werbung: ProSiebenSat1 erhält Anteile an den Jungunternehmen oder deren Umsatz und gewährt ihnen im Gegenzug Werbeplätze. „Das ist unser Zaubertrank“, sagt ProSiebenSat1-Digitalchef Christian Wegner. Die Start-ups macht er damit in Kürze bei einem Millionenpublikum bekannt.

Mit 48 Start-ups hat ProSiebenSat1 inzwischen solche Deals, darunter bekannte Namen wie Zalando oder der Brillen-Online-Händler Mister Spex. Im Rahmen des 2013 gestarteten Accelerator-Programms hat sich die Gruppe noch an 20 weiteren Start-ups je fünf Prozent gesichert.

Konzernlenker kleckern

Jörg Rheinboldt Quelle: Presse

Doch noch so viel Zaubertrank von den Konzernen sorgt nicht dafür, dass die Konkurrenz schläft. Überall, wo ein Start-up Neues entwickelt, tobt im Handumdrehen der Wettbewerb. Zu den Start-ups von Immobilienscout24 etwa gehört auch Cleanagents, eine Online-Plattform, die Reinigungskräfte vermittelt.

Ein lukratives Geschäft, findet auch Google und hat mit anderen Investoren 38 Millionen Dollar in die US-Plattform Homejoy gesteckt, die seit diesem Monat auch in Deutschland aktiv ist. Zudem brachte Rocket Internet im März sein Putzportal Helpling in den vier größten deutschen Städten an den Markt. Dafür brauchte Cleanagents ein halbes Jahr. „Das ist jetzt ein kleiner Krieg“, sagt Cleanagents-Gründer Sergiej Rewiakin.

Autonom und flexibel

Hier zeigt sich ein Grundproblem der unternehmenseigenen Start-up-Brutkästen. Zwar sind sie nicht in komplexe Entscheidungsstrukturen von Konzernabteilungen eingebunden und können deshalb relativ autonom und flexibel agieren. Mit langjährigen lupenreinen Start-up-Fabriken wie Rocket Internet können sie aber trotzdem nur schwer mithalten.

Denn statt zu klotzen, glauben viele Konzernlenker, bei Start-ups kleckern zu können, und das in mehrerlei Hinsicht. Sie stellen meist nur kleine Summen zur Anschubfinanzierung sowie ein paar Büroplätze zur Verfügung. Dafür erhalten sie jedoch nur eine kleine Minderheitsbeteiligung, die ihnen zu wenig Einfluss auf die Geschäftsentwicklung ermöglicht.

„Man wundert sich, wer alles Inkubatoren gründet, ohne viel Geld, Infrastruktur oder eigene Erfahrung“, sagt ein früherer hochrangiger Rocket-Manager. Ein anderer Seriengründer und Investor bei zahlreichen Start-ups geht sogar noch einen Schritt weiter und behauptet: „Die wirklich guten Gründer gehen nicht zu einem Unternehmen.“

Die Schwierigkeiten einiger Konzerne scheinen die These zu stützen. So ist die Start-up-Offensive beim Lebensmittelriesen Rewe vertrocknet. „Wir wollen innerhalb der kommenden Monate eine Art Inkubator für Start-up-Unternehmen aufbauen“, hatte Rewe-Chef Alain Caparros vor einem Jahr angekündigt. Zwar hat Rewe zuletzt in den Rocket-Internet-Online-Möbelhändler Home24 investiert und weitere Beteiligungen angekündigt. Ein Inkubator ist jedoch kein Thema mehr.

Auch der Münchner Versicherungskonzern Allianz verkündete vor Monaten Großes. „Good-bye, Tarnkappenmodus“, twitterte die Assekuranz cool, als sie im vergangenen August ihr Beschleunigungsprogramm für Start-ups startete. Der Allianz Digital Accelerator soll „Projekte, die unser Kerngeschäft beeinflussen“, identifizieren. Doch bislang konnte die Allianz keine Start-ups präsentieren, die das Geschäft des Konzerns „in der Breite voranbringen“.

Klassisches Missverständnis

Das liege auch an einem Missverständnis, sagen die Münchner. „Ich ärgere mich selbst manchmal über unseren Namen“, sagt Sebastian Sieglerschmidt, Direktor im Allianz-Accelerator. „Denn wir sind kein klassisches Accelerator-Programm, sondern helfen Start-ups, schneller mit der Allianz zusammenzukommen.“ Vier solche Kooperationen gebe es.

Die zahlreichen Accelerator- und Inkubator-Programme unterscheiden sich enorm – bei den Bezeichnungen und den Bedingungen. Welche davon Unternehmen und Start-ups Mehrwert bieten und wie nachhaltig der Boom ist, werden die kommenden zwei, drei Jahre zeigen.

„Immer mehr Unternehmen machen solche Angebote, das scheint Mode zu sein“, sagt Peter Borchers, Chef des Telekom-Inkubators Hub:raum. In manchen Fällen sei eher die Marketingabteilung der Treiber meint Borchers. „Der eine oder andere wird womöglich auch wieder aufgeben.“

Unternehmen nutzen die Finanznot der Kleinen

Peter Borchers Quelle: Presse

Die Deutsche Telekom zählt zu den Unternehmen, die von der überschäumenden Risikokapital- und Start-up-Kultur in den USA besonders gebeutelt sind. So sorgt der kostenlose, erst fünf Jahre alte Message-Dienst WhatsApp dafür, dass immer mehr Kunden Abstand von der SMS nehmen.

Dadurch gehen den Bonnern wertvolle Einnahmen verloren, während sich Facebook als Konzernmutter der beliebten Smartphone-App über noch mehr Nutzer freuen kann. Der Deutschen Telekom bleibt deshalb nur, selbst neue Ideen ausbrüten zu lassen.

Allerdings ist Telekom-Inkubator-Chef Borchers realistisch genug, um keine zu hohen Erwartungen an seine derzeit neun Schützlinge zu schüren: „Wenn ein Super-Start-up dabei sein sollte, wäre das spitze, aber das kann man nicht planen.“ Er wolle vielmehr ein gutes Portfolio in der Breite aufbauen. Pro Jahr werden in seinem Inkubator zehn bis zwölf Start-ups mit jeweils bis zu 300.000 Euro finanziert, im Gegenzug erhält die Telekom 10 bis 15 Prozent der Firmenanteile.

Kein Geld, keine Anteile

Das zusätzlich angebotene Accelerator-Programm hat Borchers jetzt umgestellt. Statt wie bislang einmal im Jahr zu einem festgelegten Zeitpunkt können nun permanent Start-ups neu aufgenommen werden. Damit reagiert die Telekom auf die bisherigen Erfahrungen seit dem Start 2012 und die gewachsene Accelerator-Konkurrenz. Geld und Anteile fließen dort aber nicht. „Wir wollen nicht ganz viele Drei- oder Fünf-Prozent-Beteiligungen haben“, sagt Borchers.

ProSieben oder Axel Springer arbeiten dagegen nach dem Schrotflintenprinzip. Sie geben Start-ups jeweils 25.000 Euro und sichern sich damit fünf Prozent an den Firmen. Damit spielen die beiden Mediengiganten nicht selten mit der Finanznot der Kandidaten. Denn unter Umständen sind 25.000 Euro für fünf Prozent am eigenen Start-up ein hoher Preis, den die Gründer bezahlen müssen. „Für das bisschen Geld würde man eigentlich keine Unternehmensanteile abgeben“, sagt Jascha Chong Luna, Gründer von Eyeglass24, einem Online-Spezialisten für Brillengläser.

Wochenlang diskutierte Luna mit seinen Mitgründern daher den Schritt. Er bereut den Deal mit ProSiebenSat1 aber nicht. Für Eyeglass24 sei die Rechnung aufgegangen, da er durch den Accelerator Kontakte zu Investoren fand und somit eine wesentlich höhere und bessere Bewertung seines Start-ups bei der nächsten Finanzierungsrunde erzielt. Das gelingt jedoch nicht immer, weiß auch Sieglerschmidt vom Allianz-Accelerator.

„Wenn sich ein strategischer Investor zu früh beteiligt, kann das der Wertentwicklung des Start-ups sogar schaden“, sagt Sieglerschmidt, der einst selbst einen Online-Modeshop mit Rocket Internet gegründet hat. Auch deswegen hat sich die Allianz gegen ein Beteiligungsmodell entschieden.

Trotzdem sind auch diese Start-up-Programme der Konzerne bei Gründern gefragt. Einige betreiben gar ein regelrechtes Accelerator-Hopping. Get2Play, eine Online-Seite zum Instrumentenlernen, war erst bei Pro7 und dann bei Springer. Das Hundehalter-Portal Leinentausch wurde bis März dieses Jahres von Immobilientausch gefördert und ist im Anschluss ebenfalls in Springers Start-up-Wohngemeinschaft gewechselt.

Zwischen den Welten

In dem Springer-Gründerlabor liegen die alte und neue Medienwelt ganz dicht beieinander. Direkt hinter der Eingangstür liegt eine Holzpalette, auf der sich meterhoch Druckerzeugnisse aus Deutschlands größtem Verlagshaus stapeln, doch für „Bild“, „Welt“ und „Morgenpost“ interessiert sich hier keiner. Lediglich vom „Bitcoin-Magazin“, das über die gleichnamige Cyberwährung berichtet, sind nur noch drei Exemplare übrig.

Die Wände des Zukunftslabors sind mit absurden oder ordinären Graffitisprüchen eines Künstlers bedeckt, der hier zuvor sein Atelier hatte. „Alter Sack wartet auf Anruf“ lautet einer der Sprüche. Als Chefscout für seine Start-ups hat Springer Jörg Rheinboldt engagiert.

Er hatte einst gemeinsam mit den Samwer-Brüdern die Auktionsplattform Alando mitgegründet und sie später an Ebay verkauft. Danach hatten die Samwer-Brüder begonnen, weitere Firmen aufzuziehen. Rheinboldt blieb fünf Jahre Chef von Ebay in Deutschland. Nun gibt er sein Wissen an Gründer weiter und versucht zu erahnen, welche Geschäftsideen Axel Springer helfen könnten.

Startups nicht als Bedrohung sehen

Die besten Hochschulen für Gründer
Platz 3Beratung und Budget, Netzwerke und Nestwärme: Diese Kriterien legte der Gründungsradar des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft an. In der Kategorie "Kleine Hochschulen" (bis 5.000 Studierende) kam die Universität Witten/Herdecke auf den dritten Rang. Quelle: Presse
Platz 2Kategorie: Kleine Hochschulen (bis 5.000 Studierende) PFH Private Hochschule Göttingen Quelle: Presse
Platz 1Kategorie: Kleine Hochschulen (bis 5.000 Studierende) HHL Leipzig Graduate School of Management Quelle: Presse
Platz 3Kategorie: Mittelgroße Hochschulen (5.000 bis 15.000 Studierende) Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) Quelle: dpa-dpaweb
Platz 2Kategorie: Mittelgroße Hochschulen (5.000 bis 15.000 Studierende) Brandenburgische Technische Universität Cottbus Quelle: dpa-dpaweb
Platz 1Kategorie: Mittelgroße Hochschulen (5.000 bis 15.000 Studierende) Leuphana Universität Lüneburg Quelle: dpa
Platz 3Kategorie: Große Hochschulen (über 15.000 Studierende) Universität Potsdam Quelle: dpa

Idealerweise bieten diese Ideen Synergien mit bestehenden Geschäften. Aus Sicht der Unternehmen ist das vielfach ein wichtiges Entscheidungskriterium für ein Start-up. So sind bei Springer beispielsweise gerade die Gründer des Start-ups Adincon eingezogen, sie wollen die Platzierung von Werbeanzeigen auf Internet-Seiten optimieren. An den Tischen daneben entwickeln die Gründer von SnapClip eine Plattform zur Videobearbeitung.

Telekom-Manager Borchers wiederum fördert die Gründer von Vigour. Das Start-up entwickelt eine Technologie, um Videos oder Medieninhalte einfacher auf verschiedenen Gerätetypen anzuzeigen, vom Handy bis zum Fernsehen. Oder das Start-up Reputami, das Bewertungen von Hotels oder Restaurants analysiert.

„Es hilft auch uns, wenn beispielsweise die Vertriebler von T-Systems solch ein tolles, junges Produkt mit zu den Kunden nehmen können“, sagt Borchers. Die Start-ups wiederum bekommen durch die Telekom schneller und leichter Zugang zu Kunden.

Von diesem Geben und Nehmen profitieren beide Seiten, junge Gründer und alteingesessene Unternehmen. Deshalb will die Bundesregierung den Schulterschluss fördern. „Die deutschen Unternehmen müssen Start-ups nicht als Bedrohung sehen, sondern als Partner“, predigt Tobias Kollmann, der für Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel den Beirat junge digitale Wirtschaft leitet. In ihm sitzen Gründer und IT-Experten.

Allerdings sollten sich Unternehmen bewusst sein, wie aufwendig die Entwicklung eines langfristig erfolgreichen Start-up-Programms ist, meint der Professor für Betriebswirtschafslehre, Wirtschaftsinformatik und insbesondere E-Business sowie E-Entrepreneurship an der Universität Duisburg-Essen in Essen.

Medienwirksame WG

Mancher Vorstand glaube, man müssen nur den Mitarbeiter, der sowieso immer in Turnschuhen rumläuft, mit der Betreuung der Start-ups beauftragen, ätzt Ulrich Schmitz, Technikchef bei Axel Springer, gegen die eigene Zunft. Der Verlag sieht sich derzeit in Deutschland als Vorreiter der Digitalisierung, etwa indem er seine Top-Manager medienwirksam ins Silicon Valley schickt und sie in einer Wohngemeinschaft in der US-Internet-Hochburg unterbringt.

In Arbeit
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Neben dem Waldschratbart-Look für „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann hat Axel Springer in dem amerikanischen IT-Mekka auch einen erfahrenen Partner für seine Start-up-Aktivitäten gefunden: Der Konzern-Inkubator Plug & Play investiert dort seit Jahren in Start-ups und betreibt nun den hiesigen Accelerator mit Springer gemeinsam.

Dies sei zwar „nicht der alleinige Heilsbringer für die Digitalisierung“, sagt Axel-Springer-Manager Rheinboldt. Aber ein Baustein von vielen. „Strategisch wesentlich wichtiger ist für uns der Kauf von Unternehmen, die schon gezeigt haben, dass sie erfolgreich sind“, sagt Springer-Manager Schmitz. Das sei berechenbarer als die Frühphaseninvestments.

Wetten auf Trends

Doch auch bei diesen Wetten auf neue digitale Trends lagen Konzerne in den vergangenen Jahren oft genug daneben. So hat die Deutsche Telekom gerade die Plattform Musicload aufgegeben, die Apples iTunes-Store Paroli bieten sollte. Das zu RTL gehörende soziale Netzwerk Wer-kennt-wen schließt am 1. Juni. Beim Netzwerk Lokalisten, das ProSiebenSat.1 vor sechs Jahren für einen zweistelligen Millionenbetrag kaufte, bleiben die Nutzer weg.

„Frühestens im fünften oder sechsten Jahr sieht man, welche Modelle wirklich funktionieren“, sagt Investor O’Leary. Daher müssten nun auch die Unternehmen erst einmal beweisen, ob sie mit ihren neuen Start-up-Spielplätzen einen so langen Atem haben.

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