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Siemens Crommes Karriere-Denkmal wackelt

Bei Siemens den falschen Aufräumer installiert, bei ThyssenKrupp jahrelang die Misswirtschaft geduldet: Gerhard Cromme wird im Herbst seiner Karriere zur tragischen Figur.

Siemens-Chefkontrolleur Gerhard Cromme wird zur tragischen Figur. Quelle: dpa

Am Dienstag dieser Woche wird es wieder einen dieser Momente geben, an denen die Öffentlichkeit nicht den eisig-schneidenden, sondern den charmanten und gewinnenden, jovialen Gerhard Cromme erleben kann. Um kurz vor zehn, wenn sich die Stuhlreihen in der Münchner Olympiahalle gefüllt haben, wird der Siemens-Aufsichtsratschef voraussichtlich wieder vom Podium hinabsteigen und sich für einige Minuten unter die Honoratioren und angereisten Aktionäre des Technologiekonzerns mischen.

Vorne in den ersten Reihen werden die Ehefrauen der Siemens-Vorstände sitzen und der 1,94 Meter großen stolzen Gestalt in die Augen sehen, an ihrer Seite die Nachfahren des Unternehmensgründers Werner von Siemens und die Vertreter der großen Fonds. Cromme wird sich sodann, in feines Tuch gewandet, durch die Menschentrauben schieben, sein Lächeln anknipsen und sich den Scheinwerfern zuwenden, die seinen gebräunten Teint unterstreichen. Er wird Hände schütteln, Schultern klopfen und genießen, wie die Menschen zu ihm aufblicken.

Der Lebenslauf des Gerhard Cromme

Doch das dürfte es für den fast 72-jährigen promovierten Juristen dann auch schon gewesen sein mit den entspannten Momenten auf der Hauptversammlung des Siemens-Konzerns. Denn diesmal wird er deutliche Kritik einstecken müssen. Alle scheinen sie sich gegen ihn verbündet zu haben, vom Aktionär bis zum Aufsichtsratskollegen. Daniela Bergdolt, die die Aktionäre der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz vertritt, ist fest entschlossen, am Dienstag das Problem beim Namen zu nennen. Und das heißt Cromme. Er soll, darauf will die Münchner Juristin pochen, seine Ankündigung von 2013 wahr machen und vor Ende seiner Amtszeit im Januar 2018 abtreten.

Inkarnation des Hochmuts

Warum aber Cromme zu etwas auffordern, das er selbst bekannt gegeben hat? Und warum vor ganz großem Publikum? Für Bergdolt ist die Antwort klar: „Er scheint sich an seine Aussage nicht mehr zu halten.“ Und sie weiß, dass andere im Siemens-Aufsichtsrat das auch befürchten. „Wir müssten jetzt eigentlich einen Nachfolger für Cromme benennen und einarbeiten“, sagt ein langjähriger Kontrolleur – ohne sich Hoffnungen zu machen, dass sein Oberaufseher dies auch so sieht und wie versprochen vorzeitig geht.

Cromme, der auf eine Karriere zurückblickt, die in der deutschen Wirtschaft beispiellos ist, wird im Herbst seiner Laufbahn zur tragischen Figur. Einst Lichtgestalt der deutschen Industrie, letztes Aushängeschild der früheren Deutschland AG, war er Anwärter auf die Nachfolge des 2013 verstorbenen Berthold Beitz an der Spitze der legendären Essener Krupp-Stiftung. Nun droht der Prototyp des gottgleichen Großindustriellen, die Bühne der Wirtschaft als Inkarnation des Hochmuts zu verlassen.

Die neue Struktur von Siemens
Division Power and GasDiese Einheit umfasst das Siemens-Portfolio an großen Gas- und Dampfturbinen, Kompressoren sowie künftig die Gasturbinen zur dezentralen Energieversorgung. Umsatz 2013: rund 14 Milliarden EuroDefinierte Zielmarge: elf - 15 ProzentGeführt werden soll die Division von Roland Fischer, der derzeit die Division Power Generation leitet. Quelle: dpa
Division Wind Power & RenewablesDie Sparte baut Windkraftanlagen zur Stromerzeugung an Land und auf See. Siemens ist weltweit Marktführer bei Offshore-Windkraftanlagen. Nach Umsatz ist die Division eine der kleineren. Da mit einem weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien weltweit zu rechnen ist, aber auch eine der zukunftsträchtigsten. Umsatz 2013: 5 Milliarden EuroDefinierte Zielmarge: 5 - 8 %Chef: Markus Tacke. Tacke ist derzeit Chef des Bereichs Wind Power. Quelle: dpa
Division Power Generation ServicesHier wird das Service-Geschäft für die große installierte Basis von Siemens-Anlagen in der Energieerzeugung abgewickelt. Umsatz: Die Geschäftszahlen werden in den Divisionen Power& Gas und Windkraft und erneuerbare Energie aufgeführt. Chef der Division ist Randy Zwirn. Er leitet bisher die so genannte Division Energy Service, die damit umbenannt und ausgeweitet wurde. Quelle: REUTERS
Division Energy ManagementIn dieser Division gehen die bisherigen Divisionen Low and Medium Voltage und Smart Grid auf. Das Geschäft dreht sich rund um Lösungen und Produkte für die Stromübertragung und -verteilung sowie Technologien für intelligente Stromnetze. Umsatz 2013: zwölf Milliarden EuroDefiniert Zielmarge: sieben - zehn Prozent Die Führung übernehmen Ralf Christian und Jan Mrosik, die Leiter der aufgelösten Divisionen Low&Medium Voltage und Smart Grid. Quelle: dpa
Division Power TransmissionStromtransport, Schalttechnik und Transformatoren sowie Energieübertragungssysteme sind Kern der Einheit Power Transmission. Siemens ist unter anderem führend bei der Hochspannungsgleichstromübertragung (HGÜ). Dieser Technologie kommt beim Netzumbau und der Integration von erneuerbaren Energien eine wichtige Rolle zu. Umsatz: wird in der Division Energy Management ausgewiesen Die Leitung der Division übernimmt ebenfalls Jan Morsik. Der bisherige Chef der Division Karlheinz Springer muss seinen Sessel räumen. Er hatte den Posten im April 2012 übernommen. Morsik fielen wahrscheinlich die Probleme mit zwei Hochspannungsleitungen in Kanada auf die Füße. Neben höheren Baukosten vielen dort Vertragsstrafen wegen Verzögerungen an. Quelle: REUTERS
Division Building TechnologiesIn diesem Bereich bündelt Siemens integrierte Automatisierungslösungen und intelligente Technik für Gebäude. Umsatz 2013: 6 Milliarden EuroDefinierte Zielmarge: acht - elf ProzentChef der Division ist und bleibt Johannes Milde. Quelle: dpa
Division MobilityHier bündelt Siemens die Zugtechnik und die Bahnautomatisierung. Sollte der Zusammenschluss mit Alstom zustande kommen, würde diese Sparte wohl an die Franzosen abgetreten werden. Umsatz 2013: 7 Milliarden Euro Definierte Ziel-Marge: sechs - neun ProzentChef der Division wird Jochen Eickholt, der heute die Division Rail Systems führt. Quelle: dpa

Lange ein Meister des Verschweigens, Kaschierens und des Euphemismus, muss Cromme erleben, wie verdeckte Fehlleistungen der vergangenen Jahre sein lange Zeit honoriges Bild in der Öffentlichkeit endgültig verdunkeln. Als er 2007 Peter Löscher als Unbefleckten an der Siemens-Spitze installierte, der den jahrelang korrupten Riesen in ein neues Zeitalter führen sollte, galt er noch als der unerbittliche Aufräumer an der Isar. Doch unter Löscher fiel der Technologieriese gegenüber der Konkurrenz zurück. Die Bürokratie wucherte, aber Cromme ließ seinen Protegé gewähren. Erst als wichtige Investoren Druck machten, willigte er in die Abberufung Löschers ein und inthronisierte das Siemens-Eigengewächs Joe Kaeser.

Noch ruinöser ist für Crommes Ruf, dass er auch bei ThyssenKrupp Korruption und Misswirtschaft jahrelang laufen und sich von bestellten Rechtsgutachtern von jeder Mitverantwortung freisprechen ließ. Erst im Frühjahr 2013 musste er deswegen nach heftiger Kritik der Aktionäre zurücktreten. Damit war auch Crommes Traum dahin, als Beitz-Nachfolger in die Villa Hügel einzuziehen.

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