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Siemens Das Jahr der Entscheidung

Joe Kaesers Ergebnisse beim Umbau des Siemens-Konzerns sind durchwachsen. Legt der Umsatz nicht bald wieder zu, droht eine Führungsdiskussion. Kaeser steht vor seiner eigenen Bewährungsprobe.

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Quelle: dpa

"Wir sind Siemens Duisburg und wollen es auch bleiben“, steht auf einem Transparent, das die Arbeiter vor ihrem Werkstor aufgestellt haben. In den Hallen dahinter fertigen rund 2300 Siemensianer Kompressoren und Verdichter für die Öl- und Gasindustrie – ganz so wie die Kollegen beim US-Unternehmen Dresser-Rand, das Siemens-Chef Joe Kaeser kürzlich für 7,8 Milliarden Dollar gekauft hat und das auch in Frankreich produziert. Groß war darum die Sorge im Ruhrgebiet, Kaeser könnte nach der Übernahme die Fabriken in Duisburg-Hochfeld schließen und die Fertigung in Frankreich bündeln. Siemens ist in Hochfeld der wichtigste Arbeitgeber.

Doch das Schlimmste scheint abgewendet. „Die Produktivität der Fertigung in Duisburg ist gut“, lobt Kaeser, das Problem sei die aufgeblähte Verwaltung. Rund 300 Stellen, heißt es in Betriebsratskreisen, will Siemens darum in Duisburg abbauen. Das ist immer noch nicht wenig, gemessen an den Befürchtungen aber offenbar erträglich.

Wie Siemens 2014 abgeschnitten hat

Das Geschehen in Duisburg zeigt, welche Kapazitäten die Integration von Dresser-Rand in absehbarer Zeit noch binden wird. Bei der Energievorständin Lisa Davis, aber auch bei Konzernoberst Kaeser selbst. Dabei ist die Eingliederung der US-Tochter nur eine von vielen Baustellen, an denen Kaeser auch zwei Jahre und drei Monate nach seinem Amtsantritt arbeitet: Im Energiegeschäft erwächst durch den Zusammenschluss von General Electric und Alstom ein mächtiger Konkurrent. Im wichtigsten Wachstumsmarkt China schwächelt das Geschäft. Zugleich steigen dort die einstigen Kunden selbst ins Geschäft mit Hochgeschwindigkeitszügen ein. Und die Digitalisierung wälzt das Geschäft mit Medizintechnik und Industrie-Ausrüstung um.

Kaesers Zukunft entscheidet sich daran, wie er diese Herausforderungen meistert. Abgerechnet wird Mitte November 2016: Dann legt er die Bilanz für das Geschäftsjahr 2015/16 (zum 30.9.) vor.

Die Zeit nach seinem Amtsantritt war für den früheren Finanzvorstand eine des Übergangs, 2014/15 dann das Geschäftsjahr der „operativen Konsolidierung“, wie er es nennt, in dem der Umsatz gerade mal stabil geblieben sein dürfte. 2015/16 soll Siemens nun wieder wachsen, hat Kaeser versprochen. Sollte er das Ziel verfehlen, könnte eine Personaldiskussion wie im Sommer 2013 losbrechen, als Vorgänger Peter Löscher sein Margenziel kassieren und am Ende gehen musste. Für Kaeser ist jetzt das Jahr der Entscheidung angebrochen.

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Bisher hat der Siemens-Lenker Hierarchieebenen gestrichen und den Konzern komplett neu strukturiert. Kaeser hat Hör- und Haushaltsgeräte abgestoßen, Unternehmen wie Dresser-Rand und das Geschäft mit kleinen Turbinen von Rolls-Royce zugekauft und am Ende gut 13.000 Stellen abgebaut. Wenn Kaeser in zwei Wochen die Zahlen für 2014/15 vorlegt, dürfte er sein Ziel einer Gewinnmarge von zehn Prozent als erfüllt vermelden, heißt es in Analystenkreisen.

„Kaesers Bilanz ist bisher durchwachsen“, resümiert dennoch Christoph Niesel, Portfoliomanager bei Union Investment. Zwar sei das alte Problem abgestellt, regelmäßig Abschreibungen in oft dreistelliger Millionenhöhe verkünden zu müssen, etwa für zu spät gelieferte Züge oder nicht zeitig angeschlossene Nordsee-Windparks. Auch Kaesers Verkäufe und die Zukäufe im Energiegeschäft findet Niesel schlüssig. Siemens habe aber weiter ein „Wachstums- und Gewinnproblem“.

Etwa 17 Prozent des Konzernumsatzes – rund 15 Milliarden Euro – tragen nichts oder zu wenig zum Gewinn bei. Dazu gehören Transformatoren, Anlagen zur Stromübertragung, Kompressoren, Ultraschallgeräte, Windkraftanlagen für die Stromerzeugung an Land und das Zuggeschäft. In Kaesers Umfeld heißt es, er mache Druck auf die verantwortlichen Manager, ihre Sparten in Ordnung zu bringen. Doch auch weitere Verkäufe seien eine Option für ihn.

Signaltechnik und Steuerung

Beim Schienenverkehr soll Siemens sich vor allem auf Signaltechnik und Steuerung konzentrieren. „Wir treiben das Geschäft stärker Richtung Automatisierung, Software und Management von Mobilität“, sagt Kaeser, „nicht in Richtung Alu und Stahl.“ Für den reinen Bau von Zügen und Waggons sucht er offenbar nach Partnern oder Käufern. Infrage kämen Alstom oder der kanadische Hersteller Bombardier.

Der Grund für den Schwenk: China, wo Siemens acht Prozent seines Konzernumsatzes von knapp 72 Milliarden Euro erzielt, bietet weltweit aggressiv eigene Hochgeschwindigkeitszüge an – und die Finanzierung meist gleich mit. Siemens hat 2014/15 in China noch für etwa 700 Millionen Euro Komponenten für den Schienenverkehr verkauft. Doch das wird weniger, weil China bei der Qualität aufholt.

Die neun Divisionen von Siemens

Auch auf anderen Feldern ändert sich das Chinageschäft grundlegend, sagt Asien-Vorstand Roland Busch: „Die Regierung versucht, den Anteil des Privatkonsums sowie des Dienstleistungssektors am Bruttoinlandsprodukt zu steigern. Zudem gibt es Überkapazitäten in einigen Industrien. Unsere Märkte wachsen langsamer als die chinesische Wirtschaft.“ Zudem dehnt die Regierung die Gesundheitsversorgung in ländliche Regionen aus. Busch: „Da sind dann beispielsweise bei Computertomografen eher preisgünstigere Modelle gefragt.“

Die Medizintechnik mit gut zwölf Milliarden Umsatz 2013/14 hat Kaeser in eine eigene Gesellschaft ausgegliedert. Nicht mehr große und teure Anlagen werden künftig die Medizintechnik bestimmen, sondern Software, Algorithmen und Diagnoseverfahren im Reagenzglas. Die Ausgliederung dürfte nur ein erster Schritt sein. Sollte Siemens hier zukaufen wollen, werde dies nur mithilfe eines Teil-Börsengangs der Sparte gehen, berichten Insider. Denn andere Divisionen wollen die Aktivitäten der Medizintechnik nicht mitfinanzieren.

Industrie



Ähnliche Paradigmenwechsel durch die Digitalisierung erwartet Kaeser für das Geschäft mit Fabrikautomatisierung. Siemens ist hier führend. Experten bemängeln allerdings, die Münchner hätten bei Software und Robotik offene Flanken. Beim Softwaregeschäft, berichten Eingeweihte, prüfe Siemens darum mögliche Zukäufe. Und Kaeser soll bereits mit Till Reuter, Chef des Industrieroboterherstellers Kuka, über eine Kooperation gesprochen haben. Siemens will das nicht kommentieren. Bei der Bestückung von Werkzeugmaschinen arbeiten die Münchner schon mit Kuka zusammen.

Den meisten Schweiß dürfte Kaeser allerdings bei der Integration von Dresser-Rand vergießen. Zahlreiche Ölförderer verschieben wegen des niedrigen Ölpreises Investitionen. Da ist es nur ein schwacher Trost, dass das „Dresser-Rand-Geschäft bei den Erträgen im Jahresvergleich deutlich weniger stark schrumpft als das der Konkurrenz“, sagt Kaeser.

Die Richtung der Eingliederung ist klar: Die entsprechenden Siemens-Sparten sollen bei Dresser-Rand unterschlüpfen und nicht umgekehrt. Kaeser: „Dresser macht bei Kompressoren eine zweistellige Profitmarge, wir bei einer Milliarde Euro Umsatz keinen Gewinn.“

Insgesamt stehen die Chancen, dass Kaeser sein Wachstumsziel erreicht und am Steuer bleibt, nicht schlecht. Und er hat noch ein Ass im Ärmel: Den Rekordauftrag aus Ägypten über 24 Gasturbinen für acht Milliarden Euro, den Siemens im Juni erhalten hat, wird Kaeser für 2015/16 verbuchen. „Für dieses Geschäftsjahr rechne ich mit Wachstum und einer operativen Verbesserung“, sagt denn auch Fondsmanager Niesel.

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