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Siemens Energy „Es wird wohl zu weiteren Protesten kommen“

Siemens Energy sieht die Notwendigkeit zu einem tiefgreifenden Umbau. Das Unternehmen will 7800 Jobs im Geschäft mit fossiler Energie abbauen. Quelle: imago images

Siemens Energy will 7800 Arbeitsplätze streichen. Gesamtbetriebsratsvorsitzender Robert Kensbock erklärt im Interview, welche Maßnahmen er nun plant und warum Atomkraft ein Wachstumsbereich sein könnte. 

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Robert Kensbock ist seit 1989 bei Siemens tätig. Aktuell ist Kensbock Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats und Mitglied im Aufsichtsrat von Siemens Energy

WirtschaftsWoche: Siemens Energy will 7800 Stellen streichen, 3000 davon in Deutschland. Wie sehr hat Sie diese Entscheidung überrascht?
Robert Kensbock: Dass Sparmaßnahmen kommen werden, war wohl allen bei Siemens Energy bewusst. In gewissen Teilbereichen sind die Entscheidungen so ausgefallen, wie wir das erwartet hatten. In anderen Teilen wurden wir überrascht. Dass Siemens Energy im Bereich der Kohleenergie Arbeitsplätze abbaut, nachdem das Unternehmen den Kohleausstieg verkündet hat, war keine große Überraschung. Allerdings hängen längst nicht alle der 3000 Arbeitsplätze, über die nun verhandelt werden muss, an der Kohletechnologie. Deshalb sind wir Arbeitnehmervertreter über das Ausmaß der Stellenstreichungen schon sehr überrascht.

Welche Schritte wird der Gesamtbetriebsrat nun unternehmen?
Zuerst einmal beginnen jetzt in die Verhandlungen zwischen Management und uns Arbeitnehmervertretern. Wir holen dafür auch die Hilfe durch eine externe Beratung ein. Unser Ziel als Betriebsrat ist es, Gegenkonzepte zu den Maßnahmen des Managements zu entwerfen. Insbesondere die Verlagerung von Produktionseinheiten in andere Länder macht uns große Sorgen. Durch diese Maßnahmen verlieren deutsche Standorte an Knowhow. So wären wir nicht mehr in der Lage, ganze Wertschöpfungsketten abzubilden. Deswegen werden wir versuchen, Alternativvorschläge zu erarbeiten. Die sollen natürlich auch Einsparungen bringen. Allerdings soll unser Konzept die Arbeitsplätze in Deutschland sichern.

Robert Kensbock ist seit 1989 bei Siemens tätig und aktuell Gesamtbetriebsrats-Vorsitzender und damit auch Mitglied im Aufsichtsrat von Siemens Energy. Quelle: PR

Bei Siemens Energy laufen bereits zwei Sparprogramme. Nun kommt dieses dritte Sparpaket hinzu. Rechnen Sie mit Protesten?
In mehreren Werken ist es bereits zu ersten Protesten gekommen und ich gehe davon aus, dass es noch an weiteren Standorten zu Protesten kommen wird. Gerade wenn es um Verlagerungen ins Ausland geht, werden die Arbeitnehmervertreter das sicher zum Thema machen. Berlin, Mülheim, aber auch Erlangen sind hiervon betroffen. Protest ist an keinem dieser Standorte auszuschließen.

Den Rahmen für das anlaufende Sparprogramm bildet die Vereinbarung mit den Arbeitnehmern, die Sie mitverhandelt haben. Dabei wurde die bei Siemens geltende Vereinbarung leicht modifiziert. Allerdings sind die Rechte der Mitarbeiter von Siemens Energy beim Ausschluss von betriebsbedingten Kündigungen und Standortschließungen nicht so stark wie jene von Siemens. Woran liegt das?
Dem muss ich sehr entschieden widersprechen. Es stimmt, dass im Abkommen von Siemens der Satz steht, dass keine Standorte geschlossen oder verlagert werden. Aber man muss schon bitte die ganze Vereinbarung lesen. Denn im restlichen Dokument wird dieser Satz sehr stark relativiert. Die aktuelle Vereinbarung für Siemens Energy gibt Mitarbeitern sogar einen stärkeren Schutz vor Kündigungen als bei Siemens. So haben wir vereinbart, dass bei Kündigungen zuerst Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern laufen müssen und zwingend freiwillige Maßnahmen angeboten werden müssen, bevor betriebsbedingte Kündigungen ausgesprochen werden können.

Warum werden dann trotz dieser Sicherheiten 3000 Stellen in Deutschland abgebaut?
Wir haben erreicht, dass es keine Standortschließungen in Deutschland geben wird. Aktuell wird es auch keine betriebsbedingten Kündigungen geben. Sondern zuerst wird es – wie wir es in der Vereinbarung festgelegt haben – Gespräche zwischen Management und Arbeitnehmervertretern geben. Und nach Abschluss dieser Gespräche müssen den Mitarbeitern zuerst einmal freiwillige Maßnahmen angeboten werden.

Ausgeschlossen sind betriebsbedingte Kündigungen aber nicht.
Das stimmt. Aber sie waren auch noch nie ausgeschlossen. Auch nicht bei Siemens. Aber wie gesagt: Jetzt stehen einmal die Verhandlungen über die Maßnahmen an.

Wie lange werden diese Verhandlungen zwischen dem Management und den Arbeitnehmervertretern voraussichtlich dauern?
Ich gehe von einem Abschluss im Laufe des Kalenderjahrs aus.

Der Kurs der Siemens Energy Aktie ist nach der Verkündung des Personalabbaus gestiegen. Ärgert Sie das?
Nein. Dass das Unternehmen so viel Wert ist, ist doch eine gute Nachricht. Natürlich ist Siemens Energy seinen Aktionären verpflichtet. Mehr will ich zum Thema Börse aber auch nicht sagen.



Sie selbst arbeiten im Werk Mülheim an der Ruhr, das vom Kohleausstieg besonders betroffen ist. Was soll dort künftig produziert werden, wenn die dort hergestellten Dampfturbinen in der Kohleindustrie nun kaum mehr eingesetzt werden können?
Unsere Dampfturbinen können keineswegs nur in der Kohleindustrie eingesetzt werden. Wir können die Dampfturbinen etwa hinter eine Gasturbine schalten, um so Restenergie zu verwerten. Ein weiteres Einsatzgebiet für die Dampfturbinen ist der Nuklearbereich..

...aus dem Siemens sich aber längst zurückgezogen hat...
...Siemens liefert keine Bestandteile für den „heißen Bereich“ von Atomkraftwerken, das stimmt. Im konventionellen Bereich von Atomkraftwerken, der vollkommen separat von der Atomspaltung ist, kommen aber sehr wohl Dampfturbinen von Siemens zum Einsatz. Sollte es in diesem Nuklearbereich größere Aufträge geben, wäre Mülheim der Standort, der diese Turbinen fertigen kann.

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Ist die Lieferung von Dampfturbinen für Atomkraftwerke eine realistische Wachstumsoption für Siemens Energy?
Ich kann Ihnen nicht sagen, wie Gesellschaften zukünftig Strom erzeugen werden. Was ich Ihnen sagen kann, ist, dass der Strom irgendwoher kommen muss und Erneuerbare dafür nicht in allen Fällen reichen werden. In Deutschland und großen Teilen Europas wird es sicherlich zu keinem Einsatz von Atomtechnologie mehr kommen. Aber viele Länder außerhalb Europas setzen eben auch weiter auf Atomkraft. Und warum sollte Siemens Energy dafür nicht die Dampfturbinen liefern? Wir machen das jetzt auch schon, zumindest für den konventionellen Bereich von Atomkraftwerken. Siemens Energy liefert nichts für den „heißen Bereich“ von Atomkraftwerken und ich würde auch ausschließen, dass sich daran etwas ändern könnte.

Mehr zum Thema: Siemens Energy schreibt wieder schwarze Zahlen, kämpft aber auch mit Kohlegegnern, wegbrechenden Märkten und teils alter Technologie. Es stehen harte Einschnitte bevor.

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