Siemens Hauptversammlung Die 3 Baustellen des Herrn Busch

Der Physiker Roland Busch ist seit Februar 2021 Chef der Siemens AG. Eine seiner aktuell großen Herausforderungen: unzufriedene und verunsicherte Siemensianer. Quelle: Bloomberg, imago-images

Roland Busch feiert auf der Hauptversammlung sein erstes Jahr als Siemens-CEO. Doch Proteste von Mitarbeitern trüben die Bilanz. Und weitere Widerstände drohen.

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Protest liegt in der Luft. Noch bevor der Münchener Technologiekonzern Siemens am heutigen Donnerstag seine Hauptversammlung eröffnen wird, wollen Hunderte Siemens-Mitarbeiter auf die Straße gehen. In Nürnberg ist ein Fackelzug geplant. Im Berliner Dynamowerk wollen Mitarbeiter sich vor dem Werk versammeln. Auch in Erlangen und anderen Standorten sind laut IG Metall Protestaktionen geplant. Grund für den Aufruhr: Der Vorstand lagert gerade die Einheit der elektrischen Großantriebe („Large Drive Applications“) aus. Ein Verkauf gilt – zum Unmut vieler Mitarbeiter – als wahrscheinlich.

Genau ein Jahr ist Roland Busch nun als alleiniger Vorstandschef von Siemens im Amt. Vorgänger Joe Kaeser hat ihm einen Konzern hinterlassen, den er in seinen Grundfesten umgebaut hatte. So hatte Kaeser die Medizinsparte (Siemens Healthineers) und den Energiebereich (Siemens Energy) aus dem Konzern und gelöst und sie als eigenständige Unternehmen an die Börse gebracht. Aus dem Siemens-Konglomerat wurde so ein Technologiekonzern mit Fokus auf die margenstarken Bereiche Industriedigitalisierung, Gebäudetechnik und dem ebenfalls im Konzern verbliebenen Bahngeschäft.

Die Rekordergebnisse der vergangenen Quartale geben Kaeser in seinem Radikalumbau bislang Recht. So stieg der Umsatz von Oktober 2021 bis Dezember 2021 auf vergleichbarer Basis um neun Prozent auf 16,5 Milliarden Euro. Auch das Ergebnis aus dem industriellen Geschäft kletterte um zwölf Prozent auf 2,5 Milliarden Euro. Damit haben die vergangenen Quartale auch Busch zu einem äußerst erfolgreichen ersten Geschäftsjahr als Siemens-CEO verholfen. Die Proteste rund um die Hauptversammlung zeigen jedoch, welche Widerstände Busch trotz der guten Gewinnlage des Konzerns drohen. Besonders drei Baustellen im Siemens-Konzern könnten für Busch zur Herausforderung werden:

1. Mitarbeiter ins Boot holen

Die Demonstrationen der Siemens-Mitarbeiter aus der Einheit Large Drive Applications könnten erst der Anfang des internen Protests sein. Die Einheit gehört zu den sogenannten Portfolio Companies, einer Sparte, in der all jene Geschäfte gebündelt sind, die nach Kaesers Umbau nirgends mehr recht hinpassen wollten. Dazu gehören etwa Logistiklösungen für Flughäfen, Postsortiersysteme oder Reste der fossilen Energietechnik. Was die Geschäfte eint, sind margenschwache Geschäftsmodelle mit eher kargen Zukunftsaussichten.

Lesen Sie auch: Siemens in der Zwickmühle – Arbeitnehmer wehren sich gegen den Verkauf der Randgeschäfte – während ein Festhalten an den Sparten die Klimaaktivisten mobilisiert.

In seinem Geschäftsbericht räumt Siemens ein, dass die Hauptmärkte der Portfolio Companies „durch geopolitische und wirtschaftliche Unsicherheiten sowie eine zurückhaltende Investitionsneigung geprägt“ seien. Die einzelnen Geschäfte könnte Siemens entweder in den Konzern reintegrieren oder – und das halten Beobachter für die wahrscheinlichere Variante – verkaufen.

Mit dem ersten Quartalsbericht 2021/22 übertrifft der Technologiekonzern Siemens die Erwartungen von Analysten deutlich. Im ersten Quartal erwirtschafteten sie einen Umsatz von 16,5 Milliarden Euro.

Sollte Busch auf die Verkaufsoption der Portfolio Companies setzen, könnte der Protestfunke von den Large Drive Applications allerdings rasch auf andere Einheiten überspringen. Siemens-Gesamtbetriebsrätin Birgit Steinborn stärkt den Mitarbeitern schon einmal den Rücken und kritisiert die Auslagerung der Einheit scharf. Steinborn spricht von einem „rein margenorientierten Abbau und Umbau zu Lasten der Belegschaft“. Und nicht nur von der Gesamtbetriebsrätin droht Busch Gegenwind. Die IG Metall fordert Busch auf, seine Pläne für die Einheit mit den elektrischen Großantrieben „nochmals ergebnisoffen zu überprüfen“. Die Protestkundgebungen rund um die Hauptversammlung sollen ihrer Forderung Nachdruck verleihen.

2. Eine Lösung für Siemens Energy

Die Rekordergebnisse von Siemens verdanken sich nicht zuletzt dem Umstand, dass Joe Kaeser das margenschwache Energiegeschäft aus dem Konzern ausgegliedert hat. Im Herbst 2020 ging Siemens Energy als eigenständiges Unternehmen an die Börse. Nach anfänglicher Aufbruchsstimmung kämpft der Konzern mit seinen gut 90.000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von zuletzt rund 27 Milliarden Euro mittlerweile in so gut wie allen Bereichen. Die Märkte für fossile Energieträger brechen weg und verwandeln das Geschäft mit den großen Dampf- und Gasturbinen in drückende Altlasten. Die stockende Energietransformation und die weit entfernt liegenden Anwendungsmöglichkeiten für die Wasserstofftechnologie dämpfen das Geschäft ebenfalls. Dass ausgerechnet der Windturbinenbauer Siemens Gamesa seit mehreren Quartalen das Ergebnis von Siemens Energy verhagelt, muss wohl als Ironie dieses Börsengangs gesehen werden. Denn der 67-Prozent-Anteil an Siemens Gamesa hatte der Mutterkonzern seiner Energietochter eigentlich als gute Gabe für Wachstumsmärkte mitgegeben.

Wie Siemens mit dem ausgelagerten Energiegeschäft weiter verfahren will, ließ Busch bislang ungeklärt. So hält Siemens einen Minderheitenanteil an Siemens Energy von knapp 35 Prozent. Eigentlich gab der Mutterkonzern stets an, sich möglichst bald von diesem trennen zu wollen. Nach dem jüngsten Kursverfall bei Siemens Energy scheint das zumindest kurzfristig allerdings kaum möglich. Hinzu kommt die Ungleichbehandlung der ausgelagerten Geschäfte: Während Siemens das Spin-Off Siemens Healthineers etwa beim Kauf des US-Krebsspezialisten Varian finanziell unter die Arme griff, ist Siemens bei Unterstützung für Siemens Energy äußerst zurückhaltend. Dabei könnte eine vollständige Übernahme von Siemens Gamesa dem Energiegeschäft zu mehr Ruhe und Stabilität verhelfen. Ob Siemens bereit ist, dafür finanzielle Hilfe zu leisten, ließ der Konzern bislang jedoch unkommentiert.

Nach dem Verkauf der Verkehrssparte Yunex könnte Siemens weitere Randgeschäfte veräußern. Doch die Arbeitnehmer wehren sich – während ein Festhalten an den Sparten die Klimaaktivisten mobilisiert.
von Andreas Macho

3. Aktienkurs nach oben treiben

Als Roland Busch als CEO inthronisiert wurde, war die Freude vieler Siemensianer groß. „Endlich steht wieder ein Ingenieur an der Spitze“, streuten Mitarbeiter damals Vorschusslorbeeren. Die Affinität von Betriebswirt Joe Kaesers zu den Finanzmärkten galt vielen im Konzern als zu starr. So wäre der Umbau des Konzerns vor allem den Märkten geschuldet gewesen, lautete damals ein gängiger Vorwurf gegen Kaeser. Mittlerweile dürfte Kaesers Feingefühl für Investoren von manchen vermisst werden. So entwickelte sich der Siemens-Börsenkurs unter Busch keineswegs so exorbitant, wie die Ergebnisse das vermuten lassen könnten.

Vera Diehl, Portfoliomanagerin bei Union Investment, sieht im Aktienkurs von Siemens „noch Luft nach oben“. Sie attestiert der Aktie eine „solide, aber nicht überragende Werteentwicklung“. So konnte das Siemens-Papier in den letzten zwölf Monaten weder den Dax noch den globalen Industriesektor schlagen.

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Diehl fordert daher eine „Margenausweitung und weiterhin eine solide Cash Flow Generierung“. Siemens müsse es schaffen, die Entwicklungs- und Forschungsergebnisse „schneller in marktreife Produkte und Lösungen für die Kunden umzusetzen“. Immerhin: die vorgeschlagene Dividendenerhöhung von 3,50 Euro auf 4 Euro je Aktie dürfte Investoren gut gefallen.

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