Siemens-Quartalszahlen Das Schwerste kommt erst noch

Joe Kaeser kann für die Monate Oktober bis Dezember ordentliche Zahlen vorlegen. Um das Unternehmen wieder nachhaltig in die Erfolgsspur zu führen, ist allerdings noch viel Arbeit erforderlich.

Die Baustellen im Siemens-Konzern
Seit 1. August 2013 steht der ehemalige Finanzvorstand an der Siemens-Spitze. Sein Vorgänger Peter Löscher hinterließ ihm einen Berg von Problemen. Der Konzern hat sich zu weit von seinen Kunden entfernt, ist unübersichtlich und bürokratisch geworden. Siemens blockiert sich selbst. Kaeser will Siemens wieder schlanker und schlagkräftiger machen. Der Umbau soll Einsparungen in Höhe von einer Milliarde Euro bringen. Quelle: dpa
Helme mit der Aufschrift "Siemens" Quelle: dapd
Kaeser will sich von der Einteilung des Geschäfts in vier Sektoren mit insgesamt 16 Divisionen verabschieden und stattdessen die Aktivitäten des Konzerns in acht oder neun Divisionen bündeln. Bisher gab es vier Vorstände für vier Sektoren: Siegfried Russwurm (Industrie), Hermann Requardt (Medizintechnik), Roland Busch (Infrastruktur) und Michael Süß (Energie). Energievorstand Michael Süß verlässt das Unternehmen. Auf ihn folgt Shell-Managerin Lisa Davis. Quelle: dpa
Süß wird vor allem vorgeworfen, dass er zu lange nur auf große Gaskraftwerke setzte. Siemens muss nun teuer zukaufen, um die Lücken im Produktportfolio zum Beispiel bei kleineren Gasturbinen zu füllen. Doch das ist nicht das einzige Problem. Quelle: dpa
Im Geschäft mit großen Windkraftanlagen für die Offshore-Parks auf See ist Siemens zwar Weltmarktführer, doch die Anbindung der Parks ans Stromnetz auf dem Land hat in der Vergangenheit immer wieder zu Problemen geführt. Für schlechte Presse beim Thema Windkraft sorgte zudem im Sommer 2013 ein Unfall in den USA. Im Siemens-Windpark Ocotillo in Kalifornien löste sich ein mehr als 50 Meter langes und elf Tonnen schweres Rotorblatt und fiel auf die Straße. Im April ereignete sich ein ähnlicher Unfall an einem Windrad im US-Staat Iowa. Siemens musste deshalb eine ganze Modell-Charge nacharbeiten, was den Konzern laut Insidern etwa 100 Millionen Euro gekostet haben soll. Der Imageschäden dürfte ungleich größer sein. Doch es zeigt bereits der berühmte Silberstreif am Horizont: Siemens wird 101 Turbinen für einen Meereswindpark in den Staaten liefern sowie deren Wartung übernehmen. Hinzu kommen 448 Anlagen an Land. Auftragsvolumen: rund 2,5 Milliarden Euro. Quelle: dpa
Wenn Siemens-Chef Joe Kaeser gen Osten blickt, sieht er vor allem eins: großen Nachholbedarf. Von den Boomstaaten in Asien profitiert Siemens bisher nicht so stark wie andere Technologiekonzerne. Den Großteil seines Umsatzes erwirtschaftet Siemens in Europa, Afrika, dem Nahen und Mittleren Osten. Diese Regionen stehen für 54 Prozent des Konzernumsatzes - allein acht Prozentpunkte davon erwirtschaften die Münchener in Deutschland. Auf dem amerikanischen Kontinent entstehen 27 Prozent des Umsatzes, davon 14 Prozentpunkte in den USA. Nur 19 Prozent des Umsatzes macht Kaeser in Asien und Australien. Quelle: REUTERS
Im Zuggeschäft reiht sich eine Panne an die nächste. Die Auslieferung der von Siemens produzierten ICEs verzögert sich nun schon über zwei Jahre. Die ersten von 16 ICE sind mittlerweile zugelassen, aber bisher nur für Fahrten auf dem deutschen Schienennetz freigegeben. Eigentlich sollten sie schon 2011 einsatzbereit sein. Dann tauchten Probleme mit dem Steuerungsprogramm der Züge auf. Einige Züge wurden geliefert, jedoch nicht in der bestellten Menge. Ein endgültiger Liefertermin für die restlichen Züge steht noch nicht fest. Quelle: dapd

 Der Gewinn nach Steuern schoss zwischen Oktober und Dezember, dem ersten Quartal des Geschäftsjahrs 2014, um 20 Prozent auf 1,5 Milliarden Euro nach oben. Der Auftragseingang kletterte um zwölf Prozent auf 20,8 Milliarden Euro. Und auch wenn den Umsatz leicht fiel – Joe Kaeser wirkt heute nicht unzufrieden, als er in München die neuen Geschäftszahlen vorlegt. Nach den turbulenten Wochen im vergangenen Sommer, als Kaeser in einem beispiellosen Schmierentheater Peter Löscher als Vorstandvorsitzenden ablöste und kurz darauf umfassende Stellenstreichungen bekannt wurden, scheint nun bei Siemens so etwas wie Ruhe einzukehren.

Wo Siemens den Anschluss verpasst hat

Vorübergehend zumindest. Denn Kaeser weiß: Soll der Technologiekonzern bei Innovationskraft und Rendite wieder dauerhaft zu Konkurrenten wie General Electric aufschließen, ist noch viel zu tun. Die peinlichen Verzögerungen bei der Anbindung der Nordsee-Windparks und der Auslieferung der ICE-Züge wirken immer noch nach. Auch für die Zukunft wollte Kaeser darum heute neue Belastungen nicht ausschließen. „Natürlich ist vieles nicht gelungen im Operativen und Strategischen“, räumt der Niederbayer ein. „Das Unternehmen ist seit Jahren nicht gewachsen.“

Im Mai will Kaeser darum seinen Plan für den strategischen Umbau des Konzerns vorlegen. Es dürften – und es müssen – tief greifende Veränderungen sein, die der Siemens-Chef dann der Öffentlichkeit präsentiert. Tabus soll es keine geben, alles kommt auf den Prüfstand. So etwa der Zuschnitt des Sektors Infrastruktur & Städte, in dem etwas willkürlich zusammen gewürfelte Geschäftsfelder gebündelt sind. Auch über einen Verkauf des Medizintechnik-Sektors wird immer wieder spekuliert. Großes Potenzial verspricht sich Kaeser vom Trend zur digitalen Fabrik. In der Softwareindustrie ist der Konzernchef daher auf der Suche nach Übernahmezielen.

Wo der Elektronik- und Industriegigant heute noch technologisch führt

Erste Duftmarken bei der Neuausrichtung des Unternehmens hat der frühere Finanzvorstand bereits gesetzt. So hat er die Cluster-Struktur abgeschafft, nach der Siemens bisher seine Landesgesellschaften organisiert hatte. Damit will er die Entscheidungswege verkürzen. Jetzt will Kaeser den Konzern in den USA von der Börse nehmen, um dem „veränderten Anlageverhalten“ Rechnung zu tragen, wie es der Vorstandsvorsitzende formuliert.

Zu Gute kommen könnte ihm dabei, dass er mit einigem Rückenwind ins neue Jahr startet. So konnte Siemens im Dezember in den USA zwei Milliardenaufträge für einen Offshore-Windpark und einen Windpark an Land verbuchen. Auch zeitigt das Umbauprogramm „Siemens 2014“ erste Erfolge. Zwischen Oktober und Dezember konnte Siemens Einsparungen im Volumen von 165 Millionen Euro realisieren.

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Eine offene Baustelle hat Kaeser noch im Aufsichtsrat, wo Gerhard Cromme, der bald 71-jährige Chef des Aufsichtsgremiums, sich mit lauter werdender Kritik der Aktionäre auseinandersetzen muss. Mehr oder weniger offen räumte der Siemens-Chef heute ein, dass ihm bei dieser Personalie die Hände gebunden seien. Für zeitweilige Unruhe dürfte gesorgt sein.

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