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Siemens vor Innovationsoffensive Kaeser braucht Tüftler, keine Bürokraten

Siemens-Chef Joe Kaeser plant eine breit angelegte Innovationsoffensive. Die Attacke ist dringend nötig, denn die Münchner drohen gegenüber Wettbewerbern an Boden zu verlieren.

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Der Vorstandsvorsitzende der Siemens AG, Joe Kaeser, Quelle: dpa

Es gibt eine Zahl aus der jüngsten Mitarbeiterumfrage, die hütet Siemens-Chef Joe Kaeser als ganz großes Geheimnis. Ob sie sich mit dem Gedanken tragen, für ein anderes Unternehmen zu arbeiten, wurden die Siemensianer unter anderem gefragt. Ein großer Teil der Befragten, heißt es in gut informierten Kreisen, hätten die Frage mit „Ja“ beantwortet.

Auf der Bilanzpressekonferenz vergangenen Monat versuchte Kaeser die Umfrageresultate herunterzuspielen. Tatsächlich sind solche Ergebnisse für Europas größten Technologiekonzern ein Desaster: Kluge oft, sehr gut ausgebildete Leute, fühlen sich bei Siemens nicht mehr richtig wohl.

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Der gefährliche Trend ist in München bereits seit Jahren zu beobachten. Finanzer, kühle Rechner und Betriebswirte können bei Siemens immer noch schnell Karriere machen. Tüftler, Ingenieure oder Naturwissenschaftler dagegen kommen in München oft nicht richtig voran – und arbeiten lieber bei der Konkurrenz.

Die bei Siemens allgegenwärtige Bürokratie, nochmals ausgebaut nach dem Korruptionsskandal 2007, misst jede neue Idee anhand betriebswirtschaftlicher Kennzahlen. Vieles Gute bleibt so im Verwaltungswust stecken; ein Klima, in dem aus unkonventionellen Ideen auch mal die ganz große Erfindung entsteht, lässt sich so nicht schaffen.

Im Kampf gegen Bürokratie und Trägheit

Auch deshalb werden Joe Kaeser und sein Forschungschef Siegfried Russwurm, wenn sie am Dienstag dieser Woche im Deutschen Museum in München ihre neue Innovationsstrategie vorstellen, viel über Kooperationen mit Start-ups sprechen. Es geht den beiden Managern darum, die Kultur im Konzern zu ändern.

Genau hier muss Kaeser ansetzen, und zwar schnell, denn bis solche Maßnahmen, die Bürokratie und Trägheit beseitigen sollen, wirklich greifen, vergehen oft eher Jahre als Monate. Darüber hinaus aber wird Siemens in Zukunft deutlich mehr Geld für die Forschung aufwenden müssen. Zuletzt lagen die F+E-Ausgaben des Konzerns bei rund sechs Prozent des Umsatzes, im internationalen Vergleich eher Mittelmaß.

Noch besorgniserregender als die nackte Zahl ist aber das Ungleichgewicht. Bei der Medizintechnik etwa gibt Siemens deutlich mehr für die Forschung aus als beim Geschäft mit Anlagen und Ausrüstung zur Energieerzeugung.

Selbstgeschaffene Konkurrenz aus China

Gerade hier ist der mächtige Konkurrent General Electric (GE) den Münchnern in der jüngsten Vergangenheit gefährlich nah auf den Leib gerückt. Im Frühjahr präsentierten die Amerikaner eine neue Gasturbine der H-Klasse, deren Wirkungsgrad den der entsprechenden Siemens-Turbine zum Teil übersteigt. Jahrelang hatte Siemens in diesem Bereich die Technologieführerschaft.

Die neun Divisionen von Siemens

Doch Gefahren lauern für Siemens auch an ganz anderer Stelle. Beim Geschäft mit Mobilität etwa, vor allem bei Hochgeschwindigkeitszügen, dürften die chinesischen Konkurrenten schon in wenigen Jahren in der Lage sein, gleichwertige Technologien anzubieten wie die Deutschen.

Möglich gemacht haben das auch die Münchner durch ihren jahrelangen Know-how-Transfer in Richtung Peking. In der Medizintechnik haben chinesische Anbieter in den vergangenen Jahren mit großem Erfolg Anlagen – beispielsweise Computertomografen – entwickelt, die technologisch im mittleren Segment angesiedelt sind, gleichzeitig aber solide und vor allem preisgünstiger sind. Um langfristig vor allem in Schwellenländern erfolgreich zu sein, müsste Siemens in diesem Mittelsegment noch mehr entwickeln.

Industrie



Zwar gilt der Konzern bei allem, was mit der Digitalisierung in den Fabriken zusammenhängt, als ordentlich aufgestellt. Analysten und Experten wie Andreas Willi von J.P. Morgan in London, stellen den Münchnern ein gutes Zeugnis aus. „Wir glauben, dass Siemens unter den Anbietern von Fabrikautomatisierung am besten positioniert ist, um vom Trend zur digitalen Fabrik zu profitieren“, sagt Willi.

Trotzdem haben die Münchner auch hier ein paar offene Flanken. So müsste sich der Konzern etwa im Bereich Software noch verstärken. Das Gleiche gilt für die Robotik, wo Siemens angeblich bereits mit Kuka, einem weltweit führenden Hersteller von Industrie-Robotern aus Augsburg, im Gespräch ist.

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